Stadt: Der Weilerbezirk

Der Weilerbezirk

Hattingen zählte zu dem kölnischen Quartier (Bezirk) der Hanse, wie 1554 auf dem Hansetage des Kölner Quartiers zu Niederwesel anerkannt wurde, und sein Handel war so stark, dass ein eigenes Stadtviertel der Kaufleute, das so genannte Krämersdorf, im Ort entstand. Dieses heute noch so genannte Viertel zwischen Großer und Kleiner Weilstraße, Gelinde und Untermarkt, wird auch im Urkataster von 1824 als "Kramers Dorf" und die Große und Kleine Weilstraße hier als "unterste und oberste Weilstraße" bezeichnet. Der Name "Weylstraeten" erscheint bereits bei Naelman, es wird aber nicht zwischen unterste und oberste unterschieden.

Ähnlich wie beim Steinhagener Bezirk geht auch hier der Name "Weiiler Geschichte" (Naelman) auf den Stadttornamen zurück. Dieser hat seinen Namen wiederum von einem ehemaligen vor der Stadt liegenden Gute und einer Mühle übertragen bekommen. Der durch dieses Weiler Tor laufende Weg führte vorbei an dem Hause Clyff zur nahe liegenden Ruhrbrücke und weiter nach Bochum und Essen. Für die wirtschaftliche, aber auch für die politische Entwicklung Hattingens wird dieser Flussübergang wohl eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Es ist nicht auszuschließen, das der Weiler Bezirk, der östlich an den Marktbereich grenzt, schon im 16. Jahrhundert das Viertel der Kaufleute und Handwerker bildete.

Zur Siedlungsgeschichte:

Naelman grenzt den Weilerbezirk in etwa wie folgt ein: Er reicht vom südlichen Bruchgut und folgt der südwestlichen Stadtbefestigung bis über das Weiler Tor hinaus hin zum Obermarkt. In seinen Aufzeichnungen beginnt Naelman am Weilertor, folgt der Kleinen Weilstraße bis zum Markt und wieder zum Tor, dann entlang der Großen Weilstraße bis zum Bruchgut und zurück zum Markt. Insgesamt gehören zum Hause Clyff 39 Gebäude dieses Bezirks, wovon 21 nur Häuser, 1 kleines Haus, 15 Haus und Hof, 1 Haus, Hof und Scheune und 1 neues Haus genannt werden. Die am Markt liegenden Gebäude, wie das Gut zum Werwech und das Weinhaus, werden bei Naelman mit zum Weiler Bezirk gerechnet. Das Gut zum Werwech, das zur Hälfte der Stadt Hattingen und zur anderen Hälfte dem Hause Clyff zukommt, wird im Lagerbuch als am Markt liegend geführt. Der Weilerbezirk grenzt also an den Marktbereich an, und Naelman rechnet Teile des Marktes sogar mit zum Weilerbezirk.

Haus- und Familiennamen dieses Stadtteils aus der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts (wie Mesmecker, Koetenbruwer, Vysscher, Koeppersmyt, Schoemeckers, Sloetmecker, Kremer) weisen auf handwerklich/kaufmännische Tätigkeiten hin. In anderen Stadtvierteln trifft man diese Haus- und Familiennamen nicht in der Häufigkeit an, wobei diese Häuser besonders entlang der Kleinen Weilstraße liegen. Es ist nicht auszuschließen, dass zumindest dieser Teil der Weilstraße und der Bereich vor dem Tor schon im 16. Jahrhundert das so genannte Krämersdorf war, wie es im Urkataster von 1824 bezeichnet wird. Dies trifft für die 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts jedoch nur für diesen Bereich zu.

Im übrigen Weilerbezirk folgt unterhalb des Marktes das Vedderen Gut, das Gruethues mit seinen Scheunen, der Hof im Langenberch und Wysschers Haus und Hof, so dass man etwa ab Gelinde mit einer ländlich lockeren Bebauung zu rechnen hat.

Auch dieses Gebiet wurde teilweise schon im 16. Jahrhundert aufgesiedelt, so z.B. der Hof im Langenberch, der noch in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts vom Hause Clyff mit Peter im Langenberch belehnt war und dann in der 2. Hälfte des Jahrhunderts bebaut worden ist. Zur Erschließung des Geländes wurde mittig ein Straßenzug gelegt und links und rechts davon Häuser erstellt. Ähnlich verhält es sich mit dem Gut zum Bartscherer, das wohl zwischen Weilstraße und Untermarkt lag, aber erst im 18. Jahrhundert aufgesiedelt wurde.

Im Bereich vor dem Bruchtor erstreckte sich das Bruchgut. Auch dieses wurde teils im 16. Jahrhundert, teils um 1600 aufgesiedelt. Die spätere Bruchstrasse durchschnitt das ehemalige Anwesen und ermöglichte so die Erschließung einzelner Parzellen. Diese Art der Aufsiedlung wurde auch bei anderen Gütern festgestellt (z.B. Kellergut). Infolgedessen kann kein Haupthandelsweg durch das Bruchgut geführt haben, wie von Eversberg (Eversberg 1965, S. 79) angenommen, die Stadt muss vor der Aufsiedlung anders organisiert gewesen sein.

Das Weilertor mit seinem Weg zur Ruhrbrücke wird unbestreitbar zur Entwicklung dieses Stadtteils beigetragen haben. Nach der Besiedlung zu urteilen, müsste der Hauptweg vom Markt über die Kleine Weilstraße zum Weilertor geführt haben oder über die Gelinde und Große Weilstraße. Die Zuwegung vom Steinhagentor zum Markt ist unklar. Dass das Bruchtor im Stadtgeschehen eine nebensachliche Rolle gespielt hat, zeigt auch schon die Stadteinteilung Naelmans, der seine Bezirke nach den wichtigsten Stadttoren benennt und Holschentor und Bruchtor als untergeordnet einstuft. Erst nach Aufsiedlung des Bruchgutes wurde der "Durchgangsverkehr" zur Ruhrbrücke vom Bruchtor zum Weilertor am Stadtgeschehen vorbeigeführt, wobei vorher wohl zwangsläufig vom Steinhagentor zum Weilertor und vom Heggertor zum Weilertor der Obermarkt überquert werden mußte. Aus diesen Gründen ist es nicht abwegig, wenn sich in diesem für die Stadtentwicklung doch wichtigen Bezirk eine kaufmännisch/handwerkliche Bevölkerung niederließ und das städtische Leben mitgestaltete.

Der Weilerbezirk: Bruchgut

Im Gebiet zwischen dem westlichen Steinhagen und östlichen Weiler Bezirk vor der Bruchpforte dehnte sich das Bruchgut aus, dessen Lage bei Mercker genauestens beschrieben ist. Das gesamte Gebiet vor dem Bruchtor war zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch durch das Bruchgut selbst und weitere ländliche Anwesen (Schuerenhof, Zum Over, Guedt Thoe Overwater) geprägt. Das Bruchtor hat wohl aus diesem Grunde auch innerhalb des Stadtgefüges eine sehr untergeordnete Bedeutung gehabt, zumal sich das Gut beidseitig der Bruchstraße ausdehnte. Die Annahme von Eversberg, dass vom Bruchtor über die Bruch- und Große Weilstraße bis zum Weilertor hin der so genannte Kleine Hellweg die Stadt durchquerte, kann ich nicht bestätigen. Eher ist das Steinhagentor als wichtigstes südliches Stadttor anzusehen, zumal das Gebiet vor dem Bruchtor, das bis zum Steinhagentor reichte und als "Bruchfeld" bezeichnet wird, als "Bruch- und Sumpfgelände" noch bis in die 1950er Jahre fast unbesiedelt war. Der Name "Bruchgut" weist auch schon auf das nahe liegende "Bruchfeld" hin. Die bei Naelman immer wieder genannten Gärten vor dem Bruchtor deuten darauf hin, dass dieses Gebiet genutzt werden konnte.

Bereits in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts beginnt man, das Gut zu bebauen: zuerst die östliche Seite der Bruchstraße mit "Heußer" und um 1600 die westliche Seite mit einer "feine reige heußer", wie Mercker angibt. Naelman berichtet, dass Thoniis Kremer und seine Frau Elze das dem Hause Clyff unterstehende Gut erworben haben. Sie zahlten dafür eine jährliche Pacht von "VI croner alb(us), VI sc(epel) hafferen unnd I dachmat" . Zum Gut gehörte auch "ziien huyß uptem Broeke". Thoniis Kremer hat damit dann "twe heuser up laeten setten", also zusätzlich neu errichten lassen. Wofür diese Häuser gebaut wurden, darüber gibt die Chronik keine Auskunft.

Ca. 90 Jahre später beschreibt Pastor Mercker die Lage des alten Bruchgutes schon wie folgt: "Die Bruchpfortte hat den namen vom Bröichergude, gelegen an der Broichstraßen, negst der westseiden von der pfortten an bis an die altte Teicke, welche noch heißet vf dem Broicke. üf solcher seitten stehet jetz eine feine reige heußer. So haben auch die heußer an der ostseiden olim geheißen das Broichgutt, welchs bis an Heidens hoff zum Over gekehrt haft, d(a)z ist biß vf Toll hoff vnd den bußboim, wie es jetz ... Die behaußungh St. Anthonii vi-cari ist vom Broichgude gekauft et h.l. ex lieris, datiert a(nn)o 1441". Ein späterer Amtsnachfolger greift die Eintragung Merckers auf und beschreibt die Lage des alten Bruchgutes noch genauer: "Broicker güther besaß Rötger Hörstcken und hatte sie in gewinn von Cord Lebbing, gieng vom graben bis auff die Düstere strate. Es lag also an der Broichstraße nechst der west Seite von der nun erseitigen (?) pforte an bis an die alten Teicke, welche tempore Herman Merckers noch hieß up dem Broicke, auf welcher seite auch damals schon stand eine feine reihe häuser. Es haben auch olim die Häuser an der ostseiten gehabt den pütt zum Broich guth, welches bis an Heidens hoff zum Over gekehrt, l.C. bis auff Tolls hoffe und dem Busbaum wie er jezt heißt, und ist die behausung Anthonii vic(arius), vom Broich gut gekaufft, H.M. 229a, Cr.V. 518". Das Bruchgut ist durch diese exakte Beschreibung gut zu lokalisieren. Noch bis in die 60er Jahre, als das Gebiet für ein Kaufhaus saniert wurde, hieß die Straße am Bruchtor Bruchstraße und die hier erwähnte "Düstere Straße" ist eine noch bekannte Bezeichnung für die heutige "Georgstrasse". Somit lag das Bruchgut direkt am Bruchtor, westlich und östlich der Bruchstraße, und reichte nördlich bis zur Georgsstrasse und westlich bis zum Teich, östlich grenzte es bis an den von Heiden gehörenden Hof "zum Over".

Zu Pastor Naelmans Amtszeit (1525 - 51) wird nur von einem auf dem Bruchgut stehenden Haus gesprochen. Er erwähnt aber, dass der Erwerber Thoniis Kremer zwei neue Häuser aufstellen lässt. Zu Pastor Merckers Amtszeit (1613 - 30) stehen auf der Ostseite der Bruchstraße bereits mehrere Gebäude. Dieser östliche Teil muss auch schon vor längerer Zeit vom Bruchgut abgetrennt worden sein, weil Pastor Merckers bemerkt, dass dieses bebaute Gebiet auch ehemals zum Bruchgut gehörte. Es klingt so, als ob diese Tatsache nicht mehr allen Einwohnern geläufig gewesen sei und somit schon eine gewisse Zeit zurückgelegen habe. Mercker zitiert eine Nachricht, die aussagt, dass anno (1449) vom "Broicker gude" ein "orth" abgetrennt wird, um darauf für den neuen Altar in der Kirche zu Hattingen eine "Vicarien behausung" zu "timmern". Zu Beginn der Amtszeit Naelmans ist in seinen Niederschriften über eine Einnahme aus dem "Sanct Anthonius vicarien hueß" eingetragen. Die Lage des Hauses wird wie folgt beschrieben: "gelegen t(e)gen Eisen Mommen hueß, ann dem Graven". In der vorherigen Eintragung beschreibt Naelman die Lage des "hueß unnd hoeff" der Elze Mommen, gelegen "scheiytende up de Broeck straete", in der Nähe von Johan Berendtes Haus.

Der Weilerbezirk: Vedderen Gut

Vedderen Gut, to dem Pelser van alters her genannt

In der alten Stadtrolle wird das "guet thorn pelse" bereits erwähnt und darauf hingewiesen, dass es auch "Vedder guet" genannt wird. 1510 werden Katharina und Rotger "Zu des Vedderen huis mit dem huise und gude to des Vedderen huis" behandet. 1593 wird Else Vedderen das Vedderen Gut übertragen. 1608 kommt es an die Eheleute Arndt Porbeck und Gertrud.

1620 erscheinen Rotger Langerotger, Bertram Spoir und Robert Buschei als Vormünder Johan und Conradt Porbecks, Kinder der verstorbenen Eheleute Arndt und Gertrud Porbeck, um "binnen geburender Zeit" um Behandung zu bitten. Es war aber für die Vormünder unbeweislich, ob die Eltern jemals mit dem Gut behandet waren. Trotzdem wurde das Gut überschrieben. 1662 verkaufen Georg Porbeck und sein Miterbe Engel Ridderhauß erblich ihren Anteil am Vedderen Haus an Eberhardten Trapman und Annen Beckmans, Eheleute. Da aber auf dem Hause noch Schulden lasteten, musste der Verkäufer Porbeck 25 Rtlr. und 1 Ferdel Wein entrichten, der Käufer Trapman hingegen wegen der "Verruderten handt" 1 1/2 Rtlr. und 2 Ferdel Wein. Bis 1775 blieb das Gut in Händen der Familie Trapman. Durch Wiederheirat der Witwe Syberberg, verwitwete Strieberg, verwitwete Trapman, gelangte das Anwesen in die Hände ihres Sohnes Friedrich Jörgen Trapman und ihrer Tochter Catharina Elisabeth Syberberg.

1660 hatte Johannes Gorthausman, Amtsschreiber, ein Plätzchen hinter Keutgens Haus gelegen und von alters geheißen Gut zum Summelberge erblich gekauft und ließ sich freie Zufahrt durch diese Gasse zwischen Keutgens und des Veddern Haus zusichern. Keutgens Haus lag am Markt, womit die Lage des Veddern Hauses zwischen Markt und Große Weilstraße in etwa bestimmt wird. Ob es sich bei dem Pelser Haus, das ebenfalls im Weiler Bezirk und wohl auch im Bereich der Großen Weilstrasse lag und Reynart to Baeck in "handtgewyn" hatte, um das Veddern Gut handelt, blieb unklar. Andererseits wird bei Naelman auch ein Ruetger Vedderen genannt, der ein Stück Land in Pacht hatte.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch