Stadt: Der Untermarkt

Einst floss die Emscher über den Untermarkt

Marktplätze waren im Mittelalter immer Zentralpunkt des wirtschaftlichen Lebens einer Stadt, und oft waren sie überhaupt Anlaß zur Zusammenballung von Siedlungen zu einer größeren Gemeinschaft. In der Ruhrstadt war es jedenfalls so, wie die geschichtlichen Quellen es eindeutig beweisen.

In der Zeit intensiver Missionierung unserer Heimat im 9. Jahrhundert entstand auf dem heutigen Kirchplatz von St. Georg die erste christliche Kapelle durch Mönche des Klosters Deutz, unweit des Reichs­hofes, an der bedeutenden Fernstraße aus dem Rheinland Über Langenberg-Hattneggen-Ruhrübergang in die Hellwegzone hinein. An dieser Kapelle entwickelte sich bald ein Markt für allerlei Güter, die von den Gotteshausbesuchern und auch von fahrenden Leuten aller Art benötigt wurden. Kaufleute und Handwerker siedelten sich im Schutz des Gotteshauses an, und ringsum entstand nach und nach das Häuser­rund, das als Musterbeispiel derartiger Siedlungsformen bis in unsere Zeit erhalten werden konnte. In diesem kleinen Wibbold spielte sich alles Leben der Gemeinschaft ab, vor allem auch das wirtschaft­liche. Hier wurde zu festgesetzten Zeiten der Markt abgehalten, denn noch im 16. Jh. wird in den Gildebüchern der Krämer und Bäcker berichtet, daß unter dem Bildnis des Leidens Christi auf dem Kirchplatz nach altem Brauch die Bäcker ihr Brot verkauften. Auf diesem Platz standen auch mehrere "Spieker", Speicherhäuser, die der Aufnahme von Vorräten an Korn und anderen Lebensmitteln dienten. Die letzten sind erst im 17. Jh. verschwunden.

Drohte der kleinen Festung Gefahr, dann wurden die engen Zugänge, von denen heute noch einige Treppen zu sehen sind, mit eisernen Rosten verschlossen. Seit dem Bau des festen Turmes von St. Georg um 1450 diente auch dieser als letzte Zuflucht in Notzeiten.

Als das Marktleben am Gotteshaus immer lebhafter wurde, wuchs der Rundling über seine ursprüngliche Form hinaus, und zwar naturgemäß in Richtung der bereits erwähnten Fernstraße, die sich über die heutige Bruchstraße und Große Weilstraße hinzog. Damit entstand auch ein besonderer Marktplatz außerhalb der ältesten Siedlung, der sich in seiner Form und auch hinsichtlich seiner Bedeutung bis ins 20. Jahrhundert erhalten hat. Sicher hat man ihn ursprünglich nicht abgesteckt oder gar vermessen, man machte sich die Gegebenheiten der Landschaft zunutze, indem man dem Bachlauf auf der heutigen Emschestraße - die Bezeichnung emsche, auch ennesche, deutet auf fließendes Wasser hin - abwärts folgte und dort Waren feilbot. Wasser benötigte man auf früheren Märkten dringend, und der genannte Bachlauf ergoß sich über den heutigen Untermarkt, über den tiefsten Punkt der Altstadt Ecke Große Weilstraße/ Langenberger Straße - 85,36 m ü. NN - in Richtung Ruhr.

In dieser Zone entstanden dann auch außerhalb des Kirchplatzes die ersten Häuser, und zwar Volberts Haus, das nach einer Urkunde des Jahres 1350 seitens des Landesherrn zum Freiplatz für den kleinen Ort erklärt wurde, und auch als Wirtschafts- und Marktgebäude die Fleischhalle, in der die Fleischhauer ihre Schäme aufstellten und Fleisch feilboten. 1420 wurde auch dieses Haus mit einem Privileg seitens des Grafen von der Mark versehen. Den mit der späteren Besiedlung außerhalb des Kirchplatzes in der Nähe dieser Halle abgegrenzten Raum nannte man dann "achter der Hallen" und "Hallenplatz", heute Haldenplatz.

Hier lag auch bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts das Haus der "grauen Mönche", von den Hattingern auch "Mönkerigge" genannt, das seit der Reformation als Schmiede und Wohnhaus diente. An dem am Bachlauf gelegenen Platz siedelten sich dann nach und nach Handwerker und Kaufleute an, die ihrem Anwesen wohl zunächst ein wehrhaftes Aussehen gegeben haben mögen. Als eines der ältesten könnte etwa das "hues op dem Plasse" gelten, das sicher da entstand, wo der Versammlungsplatz der Anwohner lag, auf dem jährlich dreimal nach überlieferter Form die "buersprachen" stattfanden. Erst als der Ort Hattneggen städtischen Charakter annahm, baute man auf der Fleischhalle Ratsstube und Rüstkammer auf, die dann im Jahre 1573 durch einen prächtigen Fachwerkbau mit hohem Spitzgiebel ersetzt wurden. Auch den "Buermester" nannte man nun Bürgermeister und die früheren "Scheren" Ratsleute. In der äl­testen Rolle, die dem städtischen Lagerbuch vorgeheftet ist, werden Hausplätze genannt, die schon vor 1450 am "markede" bewohnt waren.

Da liest man von der "bekkerschen stede", dem Hause, das bereits in einer Urkunde vom 24. Juni 1359 mit den Worten "hues vor dem markede to Hatnege, dar Herman dey bekker inne wohede to den tiden" erwähnt wird. Daneben gab es "dat thom ßoedeker (Böttcher, Faßbinder), "sloetmecker" (Schioßmacher. Schmied), "koipman" (Beauftragter für Warenprüfung, Gewichte, Maße) und schließlich auch das "thom bartscher", in dem ursprünglich der Mann wohnte, dem die Gesundheitspflege der Bewohner des Ortes oblag; alle werden bereits lange vor der Stadtwerdung am Markt genannt.

Wichtig waren auch die Häuser für die Herstellung und den Verkauf von Getränken. In "Koitgens hues" wurde sicher Koit oder Keut, das damals gebräuchliche Süßbier, ausgeschenkt und in "Kremers hues am markede, Gruethues genompt", die wichtige Bierwürze Grut aufbewahrt und verkauft. Alle diese ge­nannten Häuser am Markt können heute nach ihrer genauen Lage nicht mehr ausgemacht werden. Sie selbst sind längst niedergebrannt, zerstört oder niedergerissen worden und andere auf ihre Stelle getre­ten. Von einem jener wichtigen Gebäude aus der Frühzeit des Hattinger Marktplatzes kennt man noch den genauen Standort. Das Weinhaus lag an jenem Platze, wo man zu Anfang des 18. Jahrhunderts die reformierte Kirche errichtete, die nach der Vereinigung der lutherischen und reformierten Gemeinden der Stadt als Kleine Kirche oder Johanniskirche bis 1945 bestand und dann ein Opfer des Bombenkrieges wurde. Schon 1412 wird Henrik op dem Winhues genannt , auch 1439 ein Pastor Johan op dem Winhues. 1407 wurde der jungen Stadt in diesem Hause das Recht des Weinzapfs vom Landesherrn verliehen, das der städtischen Gemeinschaft eine wichtige Einnahmequelle erschloß. Im Laufe der Jahrhunderte werden stets angesehene Familien als Besitzer des Hauses genannt, z. B. die Richterfamilie van Engenhusen und die tor Kauweide. An diese erinnert noch die Gasse hinter den heutigen Häusern Schuhmacher und Kerker, die bei den alten Hattingern noch als Kauergasse bekannt geblieben ist.

Dieser älteste, vom ursprünglichen Wibbold abgesonderte Marktplatz der Stadt zeigte auch in ältester Zeit bereits eine Gesamtbefestigungsanlage, denn die städtischen Siedlungen im Mittelalter waren in der Hauptsache auf Sicherheit ausgerichtet. Wie bereits erwähnt, trugen die ersten Häuser am Markt Wehrcharakter, ähnlich denen am Kirchplatz, wo noch heute die darauf hindeutende Bauweise deutlich zu erkennen ist. Dazu wurden die Eingänge zum Marktplatz durch besondere Vorrichtungen abgesichert. Am wichtigen Ausgang nach der Fernstraße lag eine Palisadenwand, ein "glind", das bei Gefahr geschlossen werden konnte. Die heutige Straßenbezeichnung "Gelinde" erinnert noch daran. Der obere Teil des weitläufigen Platzes war durch eine Hegge, d. h. durch Wall und Buschwerk, abgeschlossen. Das Gut auf der Heggen nahe dem späteren Heggertor wird in Urkunden häufig erwähnt. Zudem lag in der kleinen oder oberen Weilstraße der sogenannte "Narrenkasten", ein Gefängnis für Arre­stanten, die kleine Verbrechen begangen hatten, denn der städtischen Gemeinschaft stand auch die niedere Gerichtbarkeit zu. Vielleicht diente dieser Bau zugleich auch zur Absicherung des Zuganges zum oberen Marktplatz.

Mehrere Jahrhunderte hindurch ist der Marktplatz der Altstadt Hauptplatz der Stadt Hattingen gewesen, auf dem sich nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das politische und kulturelle Leben der städtischen Gemeinschaft abspielte. Durch zahlreiche Privilegien der Grafen von der Mark wurden die wirt­schaftlichen Belange der Stadt ab 1435 gefestigt und bestätigt. So wurden der Stadt insgesamt vier Jahr­märkte und der Dienstagwochenmarkt zugebilligt. An diesen Tagen herrscht Marktfrieden, und alle Vergehen auf dem Platz oder auf den Zufahrtswegen wurden von den Gerichten des Landesherrn schwer geahndet. Von den ursprünglichen vier Jahrmärkten am St.-Gregorius Tag (12. März), St.-Cruci-Tag (3. Mai), St.-Egidius-Tag (1. September), St.-Martins-Tag (11. November) bzw. St.-Michaelis-Tag (25. November) sind nur die Mai- und Septemberkirmes übrig geblieben, während als zweiter Wochen­markt der Samstag hinzukam. Wegen des stärker werdenden Verkehrs in der Altstadt mußten Markt-und Kirmestage nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Stadtinnern verlegt werden, so daß heute nur noch Marktstände vor Weihnachten an die Bedeutung des Platzes in früheren Jahrhunderten erinnern.

Aber auch in politischer Hinsicht hatte der Marktplatz seine Bedeutung. Neben den Bürgerversammlun­gen ältester Zeit fanden hier noch wichtige Veranstaltungen der gesamten Bürgerschaft statt, wenn die Bürgerglocke sie zusammenrief. Auch Aufstände und kriegerische Ereignisse spielten sich hier ab, wie etwa die Komödienspiele der Söldner im 30 jährigen Krieg oder der Bürgeraufstand gegen die preußi­schen Werber im Jahre 1720. Festlich geschmückt war der Platz jeweils bei freudigen Anlässen, etwa den Schützenfesten in alter Zeit oder den grossen Kundgebungen unserer Tage.

In mancher Beziehung hat der Marktplatz der alten Stadt Hattingen sein ursprüngliches Aussehen ver­loren. Der unregelmäßige, ganz nach den jeweiligen Bedürfnissen der Jahrhunderte geformte Platz wurde bei der einheitlichen Straßen- und Häuserbenennung im vergangenen Jahrhundert als Unter-und Obermarkt deklariert. Viele der alten Bürgerhäuser am Markt wurden durch neuzeitliche Bauten ersetzt, die das ehemals einheitliche Bild verzerrten und oft verunstalteten. Manches war auch hinsicht­lich eines unabdingbaren Fortschritts notwendig zu tun. Denken wir nur daran, daß noch im Jahre 1760 durch eine Verordnung des Rates den Anwohnern des wichtigsten Platzes der Stadt aufgetragen wurde, die Düngerstätten vor ihrem Hause wegzuräumen. Und in der Straßenordnung des Jahres 1830 heißt es an einer Stelle: "Es ist bei einem Thaler Strafe untersagt, an den Straßen und Öffentlichen Plätzen Leinewand, Tuche und dergleichen aufzuhängen". Eine Beleuchtung war erst möglich nach der Ein­richtung der Gasanstalt 1861, und Wasserleitung sowie Abwässerkanäle sind erst Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, obwohl bereits am Ende des 18. Jahrhunderts ein Wasserstollen aus dem Stadtgra­ben über die Heggerstraße auf den Untermarkt gebaut wurde, wo man aus einer "Zisterne" zu gewissen Zeiten des Tages Wasser beziehen konnte.

Der schnelle Fortschritt unserer Tage macht uns manche wichtige Lebensfrage unserer Altvorderen unverständlich, und wir werden schnell ungeduldig, wenn wichtige Arbeiten an Straßen und Plätzen nicht so rasch fertiggestellt werden, wie wir es wünschen. Die Menschen, die in der wohl tausendjäh­rigen Geschichte unseres Gemeinwesens lebten, haben die ihnen gestellten Aufgaben gelöst im Hin­blick auf etwas Besseres und Schöneres, zum Wohle ihrer Gemeinschaft, auf daß Wandlung zugleich Fortschritt bedeute.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch