Stadt: Über der Horst

Auf der Horst wohnten einst Ratsherren und Bürgermeister

Auf der Horst, wo einst namhafte Persönlichkeiten wohnten, entstand in den letzten Tagen und Wochen eine Baubude nach der anderen. Von diesem Bauzentrum aus erfolgt die Anfahrt auf das Baugelände Woolworth. Aber man erkennt auch schon die geplante Linienführung der verlängerten Augustastraße, die, wie mehrfach berichtet, von der Horst aus in Richtung Schulstraße führen wird.

Die geplante Straße berührt auf der Horst einen alten Wohnbezirk der Hattinger Altstadt, dessen geschichtlichen Daten nicht uninteressant sein dürften.

Paul Freisewinkel schreibt darüber: Die Bezeichnung "Horst" erhielt dieser Raum bereits in der frühen Geschichte unserer Stadt nach seiner landschaftlichen Eigenart. Der von der Emsche nach der heutigen Heggerstraße jäh ansteigende Hang glich den in unserer Heimat häufig vorkommenden Erhebungen, deren Bezeichnung in Orts- und Familiennamen ihren Niederschlag gefunden haben, wie z. B. Langehorst und Überhorst. Der Raum zwischen der ersten Kirchensiedlung, dem heutigen Kirchplatz, und der Horst war ursprünglich Eigentum der Benediktinerabtei in Deutz, und wurde wie auch der Dienst an dem Gotteshause selbst von dem Abt des Klosters vergeben oder als Lehen ausgetan. Die zum Hattinger Gotteshaus gehörigen Ländereien, die nicht nur in unmittelbarer Nähe der Kirche lagen, sondern sich bis in das heutige Heggerfeld erstreckten, waren in dem Kellergut zusammengefaßt worden, dessen Name auf Aufgaben der Bewahrung und Verwaltung der für die Kirche eingekommenen Naturalien hindeutet.

Die Sohlstelle des Kellergutes ist heute nicht mehr auszumachen, hat aber in unmittelbarer Nähe der Kirche an der Emsche gelegen. Als die kleine Siedlung über die Emsche hinauswuchs, entstand auch auf den Gründen des Kellergutes an der Horst ein Hofplatz, der aber weiterhin in dieses Lehngut gehörte. Wenn der Lehnträger neu gewinnen mußte, und das geschah jeweils beim Tode des Abtes von Deutz und auch beim Wechsel der Erbfolge auf dem Lehngut, mußte auch das Gut auf der Horst seinen Anteil leisten. Ebenso floß auch die jährliche Pacht davon über das Kellerlehen nach Deutz.

Der Platz an der Horst wurde nach und nach zu einem neuen Siedlungszentrum durch die Errichtung neuer Häuser. Alle Bewohner aber blieben gewissermaßen Untermieter des Kellergutes. So wird in einem Erbvertrag vom 12. Mai 1497 berichtet, daß der von Büderich nach Hattingen gekommene Bür­ger Johann Cloß mit seiner Hausfrau Ide sein Anwesen auf der Horst von Hermann in dem Keller gekauft habe, aber jede Hand, d. h. für den Mann und die Frau mit je einem Goldgulden gewinnen müsse. Wenn das Kellergut neu gewonnen wurde, mußte Cloß einen halben Gulden dazuzahlen. Ähnlich war es auch bei anderen Bewohnern dieses Gebietes. Im Laufe der Jahrhunderte wohnten in den Häusern der Horst namhafte Persönlichkeiten, die für ihre Stadt oft Bedeutendes leisteten. Neben der genannten Familie Cloß, die wiederholt Ratsherren und auch Bürgermeister stellte, wohnten hier auch der zu Anfang des 16. Jahrhunderts bekannte Gerichtsfrone Arnd Palster und die Familie Pfannkuch, deren Nach­kommen heute noch in den Niederlanden anzutreffen sind.

Die oft recht wohlhabenden Lehnsmänner des Kellergutes und der zugehörigen Horst fühlten sich als Vasallen der Abtei Deutz häufig zu besonderen Leistungen gegenüber der Hattinger Kirche verpflichtet. Armen- und Krankenpflege sowie das gesamte Bildungswesen wurden von kirchlichen Einrichtungen be­treut. Die Mittel dazu wurden meist aus Stiftungen und Renten aufgebracht, die von den Eingesessenen des Kirchspiels an die Kirche für diese Zwecke gegeben worden waren. So stifteten Johan Wysman und seine Ehefrau Rexe, Bürger zu Essen und Lehnsleute des Kellergutes zu Hattingen, am 23.2.1521 der Kirche hierselbst eine jährliche Rente von 4 1/2 Goldgulden "uith onsen guede geheythen de Horst, in benoeff der armen", also für die Armen der Stadt. Am 12. März des nächsten Jahres schenkten die ge­nannten Elleleute an den Rektor des St.-Stephans-Altars "teyn schepell guden, harden schultkorns, halff rogge und halff gerste... uth unsem gude, dey Horst ind Keller gueth geheyten". Auch die Vormünder der Kinder dieser reichen Familie spendeten im Jahre 1538 nochmal für die Kleidung der Stadtarmen l 1/4 Goldgulden "uith den sementlichen huesern und hoeven op der Horst bynnen Hatneggen". (Siehe Hattinger heimatkundliche Schriften, Band 8).

Bereits am Anfang des 17. Jhs. war der Raum zwischen Emsche, Johannisstraße und Heggertor in Hausplätze aufgeteilt worden, wie der Pfarrer und Chronist Hermann Märker berichtet. Da dieser Stadtteil nicht von dem Marktleben berührt wurde, entstanden auf engem Raum besonders viel Wohnhäuser.

Allerdings lag auch hier eine der Ölmühlen der Stadt.

Bei der Aufstellung der ersten Katasterrolle Hattingens im Jahre 1318 wurden auf der Horst insgesamt 12 Wohnhäuser und 1 Scheune festgestellt. Es wurden folgende Hausväter angegeben: Adrian, Hein­rich Wilhelm; Behrens, Heinrich Jürgen; Conseth, Hermann; Heine, Hermann Heinrich; Ibing, Hein­rich, 2 Häuser und l Scheune; Koch, Friedrich; Mergenbaum, Jonas; Rottmann, Heinrich Jürgen; Tigmann, Giesbert; Wever, Moritz; Wiesmann, Johann Georg,

Dieses eigenständig entwickelte Wohngebiet innerhalb der Altstadt, das nicht von einem durchgehen­den Straßenzug gekennzeichnet wurde, fiel größtenteils dem letzten Bombenkrieg zum Opfer. Am 18. März 1945 wurden die meisten Häuser zerstört oder schwer beschädigt. Ein Wiederaufbau schien wenig zweckmäßig zu sein. Durch neue Straßenführung rückt auch "das Problem Horst" wieder in den Blickpunkt des Interesses. Vielleicht könnte hier wieder ein Gebiet der Ruhe entstehen im geschäfti­gen Treiben unserer Tage, allerdings in neuzeitlicher Form; denn die Horst in der Altstadt Hattingen ist über Jahrhunderte hinweg ein ruhiger und besinnlicher Wohnplatz Hattinger Bürger gewesen.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch