Namen: Alte Hattinger Familiennamen

Die Sippenforschung erfreut sich heute allgemeiner Beliebtheit. Sie würde jedoch ihren Zweck nicht voll erfüllen, wenn man sich mit der Festlegung von Namen und Daten begnügen würde. Wichtig für eine Erforschung der Zeitverhältnisse, die das Leben unserer Ahnen beeinflußten, ist die Deutung der Namen, gibt sie doch wertvolle Aufschlüsse und Hinweise über Herkunft oder Beschäftigung unserer Vorfahren. Da muß dann der Forscher neben den meist nur registermäßig aufgeführten Angaben in den alten Kirchenbüchern auch zu Aufzeichnungen und Urkunden früherer Jahrhunderte greifen, die sich oft noch im Familienbesitz oder aber in den Archiven der Städte und Heimatvereine befinden. Während in bäuerlichen Gegenden die Entstehung der Familiennamen fast ausschließlich auf Hofesbezeichnungen oder Flurnamen zurückgeht, ist die Namensbildung in den Städten bedeutend vielseitiger. Dazu bilden die alten Bürgernamen der Stadt Hattingen einen ganz eindeutigen Beweis.

Das alte Hattneggen entwickelte sich schon recht früh im Mittelalter zu einem bedeutenden Markt-und Handelsplatz, der die Menschen von nah und fern anzog und manchem Handwerker dauernden Wohnsitz bot.

Noch im 15. Jahrhundert lesen wir in den alten Urkunden bei den verzeichneten Personen immer nur solche Eigennamen, die wir heute als Vornamen kennen. Eigentliche Zunamen oder Familiennamen im heutigen Sinne gab es m dieser Zeit noch nicht. Nähere Benennungen sind meist nur dann angeführt, wenn zugleich die Herkunft der betreffenden Person angegeben wird. So finden wir fast ausschließlich Namen, die eine bäuerliche Abstammung des genannten Bürgers angeben, zugleich aber auch auf den noch rein bäuerlichen Charakter des damaligen Gemeinwesens Hattneggen schließen lassen. Da sind z. B. erwähnt; Ewert thom tyele, Hannes im hoeve, Korth thum broeker, Roppert thum moiderpaß u. a. m. Die nähere Bezeichnung haftet nicht der Person an, es soll damit lediglich die Herkunft oder der Besitz angegeben werden. Naturgemäß fiel jedesmal der Name fort, wenn ein Besitzwechsel eintrat, oder wenn ein nachgeborener Sohn auf einen anderen Hof heiratete. In diesem Falle wurde die Bezeichnung des neuen Hofes dem Personennamen hinzugefügt. Diese Tatsache kann bei Forschungsarbeiten recht oft zu unüberbrückbaren Hindernissen oder aber auch zu ganz falschen Ergebnissen führen.

Je mehr Hattneggen dann zur Stadt erblühte, um so mehr tauchen Bürgernamen auf, die nicht mehr auf einen bäuerlichen Siedlungs- oder Wohnplatz bezogen werden können. Als Wall und Graben angelegt worden waren, wurde die nähere Bezeichnung der Bürger, die innerhalb der neuen Stadt ihre Wohnhäuser angelegt hatten, sehr oft nach der Lage ihres Besitzes gewählt, wie es bereits Jahrhunderte hindurch bei den Höfen der Bauern üblich gewesen war. Da tauchen Bezeichnungen auf wie Gerret vur der poete, Wyilm ob der poete, Jörgen vur dem kyrchhoff, Betram achter dem koer, Hermann op dem plasse, Elßken achter der Hallen usw.

Aber auch da wurden endlich der Findigkeit der Bürger bei der Namengebung durch die Fülle der städtischen Wohnplätze Schranken gesetzt. Man konnte nicht mehr die dicht aneinandergereihten Gebäude genau nach ihrer Lage unterscheiden und ihre Bewohner darum auch nicht. Nun wurde die Tätigkeit der einzelnen Stadtbewohner recht oft ein weiteres Mittel zur Unterscheidung, und die reiche Ausgestaltung der städtischen Verhältnisse, besonders auf dem Gebiet des wirtschftlichen Lebens, bot da eine fast unerschöpfliche Fülle von Möglichkeiten. Die Erforschung der Namen nach ihrer Entstehung unter diesem Gesichtspunkt ist wohl die interessanteste und reichhaltigste. Sie bietet aber auch zugleich die Möglichkeit, nach dem Auftauchen der verschiedenen Namen den Beginn der einzelnen Handwerkszweige in der Stadt zu bestimmen.

Namen wie Sloet, Sloetmeker und Meömeker geben nach ihrem ersten Auftauchen ziemlich genau die Zeit an, in der sich die Klingen- und Messerschmiede im Hattneggen niedergelassen haben. Die Bezeichnung Schröder, Kannegießer, Koppersmyt, Klynkhamer, Sehuemeker, Steeribierer, Koetenbrauer (Bierbrauer) weisen die Vielseitigkeit der handwerklichen Berufe Hatnegger Bürger im Mittelalter nach. Als dann im 17. Jahrhundert die Tuchmacher ebenfalls zu einem bedeutenden Gewerbe der Stadt wurde, da tauchen auch Namen auf, die ihre Entstehung auch diesem Handwerk und seiner Nebenzweige verdanken. Hierher gehören die Bezeichnungen Doekscheerer, Scheerer, Scheer und Kratz. Andere lassen sich aus der Bedeutung der Stadt als wichtiger Markt- und Handelsplatz ableiten, wenn in den alten Gildebüchern der Kaufleute Gramer, Gramer und Kopmann genannt werden. Noch heute trägt ein ganzer Stadtteil in Alt- Hattingen die Bezeichnung Krämersdorf.

In manchen Fällen gab auch die Stellung der Bürger im städtischen Gemeinwesen Anlaß für die nähe­re Bezeichnung der Person. Hier wären Slyter und Schrywer zu nennen, die sicher ihre Entstehung der Tätigkeit als Torschließer und Schreiber der betreffenden Namensträger verdanken. Zugezogene Bürger wurden oft einfach nach dem Ort ihrer Herkunft benannt. Das beweisen die Namen Suerländer, Johann van Zoest, Henrick van Essen oder Tylmann van Gerten.

Mit der raschen Zunahme der Bevölkerung durch das aufblühende Handwerk reichten in manchen Fällen die oben angeführten Mittel der Namengebung nicht aus. Dann griff man zu anderen. Die Söhne, die das gleiche Handwerk wie der Vater ausübten, wurden häufig einfach mit dessen Namen bezeichnet, indem man zur Unterscheidung einen zweiten Namen hinzusetzte. So entstanden Arndt Jacobs, Ruetger Peters, John Coerd, Henrick Thoays, Johan Werners, Derick Jaspers, Peter Alberts, Wennemar Elberts. Auch die außergewöhnliche Gestalt war manchmal ein willkommenes Mittel, wie die Namen Lange Ruetger und Clyen beweisen.

Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich durch Umformung und Ableitungen aus der urspüngüchen Form immer neue Bezeichnungen. So wurde beispielsweise aus der alten Hofbezeichnung "op der wysch Wysch oder Wismann, und man kann wohl annehmen, daß auch Namen wie Wische, Wiesche, Wieschermann, Wieschmann, Wiesemann, Wiesmann u. a. sich auf den alten Stamm zurückführen lassen. Ebenso wurde aus "op dem felde" später Ueberfeld, Oberfeld und Upfeld, Ähnliche Beispiele lassen sich in reicher Fülle angeben.

Die alten Hattinger Namen sind heute in der Stadt selbst nur noch in ganz geringer Zahl vorhanden. Viele Familien sind längst ausgestorben, andere suchten sich eine neue Heimat weit draußen in der Welt. Eine neue Zeit brachte eine wahre Flut anderer Namen, die mit der Geschichte der Stadt keine Verbindung haben. Mancher Sippenforscher im weiten Reichsgebiet muß aber heute noch seine Aufmerksamkeit den alten Hattinger Urkunden zuwenden, wenn er tiefer in die Geschichte seiner Familie eindringen will.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch