Land: Germanische Kultstätte in Welper

Auf einem Bergvorsprung des Höhenrückens, der sich in ost-westlicher Richtung durch die Gemeinde Welper hinzieht, liegt dicht an dem Laufe des Sprockhöveler Baches ein alter Kotten, der von jeher die Bezeichnung "Am Klosborn" trägt. Die Schreibweise dieses Namens ist in den überlieferten Urkunden verschieden und schwankt zwischen Klosborden, Kosborn und Nicolborn. In dieser Bezeichnung, die sich in den ältesten Urkunden der Gemeinde Welper findet, ist ein Fingerzeig gegeben für die Annahme, daß hier eine alte Kultstätte zu finden ist.

Das Grundstück, auf dem der genannte Kotten liegt, gehörte früher zu dem Schultenhofe derer zu Hunsebeck und ist nachweislich mit Familienmitgliedern dieser Sippe besiedelt gewesen. Der Chronist Merker in Hattingen (1619 angef.) vermerkt, das ehemals auf dem Schultenhofe zu Hunsebeck eine Kapelle gestanden habe, die noch in der Jugendzeit des damaligen Schulten in einigen Resten vorhanden gewesen sei. An einer anderen Stelle der Chronik wird gesagt, daß verschiedene Bauern der Umgebung an die genannte Kapelle Wachs liefern mußten. Dieses Gotteshaus war dem heiligen Nikolaus geweiht. Die mundartliche Bezeichnung für Nikolaus lautete Kloas. Der Ausdruck "Kloaskeri" für den Stutenkerl, den es am Nikolaustage (6. Dez.) bei den Bäckern zu kaufen gibt, ist heute noch geläufig. So ist wohl anzunehmen, daß die Kapelle an jenem Platz gestanden hat, der heute noch unter dem Namen "Klosborn" bekannt ist.

Wie mögen aber christliche Mönche auf den Gedanken gekommen sein, an dieser Stelle eine Anbetungsstätte zu errichten? Der Platz lag keineswegs im Mittelpunkt der damaligen Bauerschaft Welper. Zwar war er vom Schultenhofe auf einem in gerader Richtung verlaufenden Weg, wie eine Bodenwelle noch deutlich zeigt, zu erreichen, aber die übrigen Höfe lagen weitab. Dazu waren die steilen Hänge nördlich und südlich mit dichtem Wald bedeckt. Man kann wohl nur eine Erklärung dafür finden, wenn man annimmt, daß auf diesem Bergvorsprung bereits eine Stätte altgermanischer Gottesverehrung vorhanden war, als christliche Mönche Einzug in unsere Heimat an der Ruhr hielten. So ist es dann auch nicht als Zufall anzusehen, wenn die Kapelle, die man hier errichtete, dem heiligen Nikolaus geweiht wurde. Allerorts begegnet man in seinem Gewände dem altgermanischen Gott Wodan (Rugklas, Ruprechr Nikolausgestalt), dem Segenspender, der von unseren Altvorderen in den heiligen Hainen auf den Bergen der Heimat verehrt wurde. Es liegt sehr nahe, anzunehmen, daß die Mönche an dieser altgermanischen Kultstätte eine Kapelle errichteten, die dem Nikolaus geweiht wurde. In der modernisierten Gestalt dieses Heiligen fanden die Bauern manche Ähnlichkeit mit ihrem alten Gott, und so wurde ihnen die Anpassung an die neue Lehre leichter gemacht.

Diese Annahme wird noch erhärtet durch die Tatsache, das der Name des Schultenhofes ebenfalls an die Bezeichnung des altgermanischen Gottes erinnert. Die Schreibweise der Hofesbezeichnung schwankt in den Urkunden zwischen Hunsbeck, Hunsebecke und Hounsbiek, ein Beweis, daß die mittelalterlichen Schreiber die mundartliche Bezeichnung nicht klar zu Papier bringen konnten. Bei den ältesten Bauern der Gemeinde, die ihre Mundart noch in unverfälschter Weise beherrschen, wird der Name so ausgesprochen, daß man deutlich ein Anklingen an die Bezeichnung des mittelalterlichen Wochentages (Chuonsdag - Wodanstag) feststellen kann. Hof an der Chuonsbecke, - d. h, an der Wodansbecke -wäre also die Bezeichnung dieses alten Bauernhofes, der in der Entwicklung der Gemeinde Welper eine bedeutende Rolle gespielt hat. Tatsächlich befindet sicti heute noch, nachdem längst die nächste Umgebung des Hofes vom regensammelnden Walde entblößt wurde, ein Quellchen in nächster Mähe der alten Siedlerstätte. Zwar fließt nur noch ein dünnes Rinnsal von hier aus durch das Tälchen am Klosborn vorbei, aber früher mag es einmal recht viel Wasser dem Welpebach (Sprockhöveler Bach) zugeführt haben. "Nicolborn" würde eine christliche Umdeutung des Namens Hounsebecke (Wodansbecke) bedeuten und besagen, daß oberhalb dieses Baches oder Borns jene Kapelle stand, zu deren Schutzpatron man den heutigen Nikolaus gewählt hatte.

Die Lage einer altgermanischen Kultstätte auf jenem Platze "Am Klosborn" wird auch klar, wenn man an die Besiedlungsweise der heimatlichen Berge in grauer Vorzeit denkt. Vom Ruhrtal her zogen die Familien, die sich auf Wanderungen begaben, um Neuland zu gewinnen, an dem Welperbach entlang und fanden in den Seitentälern und auf den Höhen geeignete Siedlerplätze. Die Anbetung- und Opferstätte aber wählten sie auf einem hervorragenden Bergvorsprung an der alten Wanderstraße, denn sie war ja die einzige Orientierungsmöglichkeit in dem unbekannten Land. So ist es wohl zu erklären, daß auf dem steil aufsteigenden Berge, vom Tale des Baches gut sichtbar, der Hain angelegt wurde, in dem man dem höchsten Gott Dank abstattete und seinen Schutz und Segen erflehte.

Der heilige Hain ist längst der Axt der Menschen einer Zeit zum Opfer gefallen, die nur zu sehr vom Nützlichkeitsgedanken erfüllt waren. Auch die christliche Kapelle steht nicht mehr. Praktische Erwägungen ließen die Menschen andere Wege zu ihren Gotteshäusern finden. Aber noch heute schaffen fleißige Hände auf dem alten und doch ewig jungen Boden unserer Heimat und ringen ihm seine Früchte ab, wie unsere Altvorderen ehedem.

...

Christian Hartmann: Hattingen-Historisch