Land: Hof Spangeney

In unmittelbarer Nähe des Hofes "Am Tigge" in Welper liegt ein alter bäuerlicher Siedlerplatz, der heute noch allgemein unter dem Namen "Am Spangenoil" bekannt ist. Dieser Hof gehört mit zu den ältesten Bauernsiedlungen unserer Heimat. Jahrhunderte hindurch hat er sogar unter den übrigen Höfen eine Sonderstellung eingenommen, zählte er doch zu den Unterhöfen des Reichshofes Hatneggen. Über die Entstehung des genannten Hofplatzes gibt uns eigentlich der Name "Am Spangenoil" einige Auskunft. Als die ersten Siedler von der großen Blöße im Ruhrtal, der Oye oder Oie, auf die Höhen hinauf in den Wald vordrangen, errichtete man auf der ersten Ruhrterrasse über der Oie am Ausgang des Hohlweges der Deipenbecke, die den Wanderern die Richtung in den Wald gewiesen hatte, gewissermaßen als er­ste Etappe der Neulandgewinnung den Hof "Am Spangenoil", dessen Bezeichnung also die Bedeutung von Enge über der Oie haben könnte.

Die Rechte des Bauern am Spangenoil standen in ältester Zeit den der übrigen Bauern in der Gemein­schaft nicht nach. Eine Änderung dieses Verhältnisses des Hofes zu der Bauerschaft Welper trat jedoch ein, als der Franke ins Land kam und in langer Kriegs- und Notzeit mit dem weiten sächsischen Gebiet auch das Land an der Ruhr eroberte. Es wurden in den einzelnen Bauerschaften die an wichtigen Verkehrspunkten liegenden Höfe zu fränkischen Stützpunkten eingerichtet, die als sogenannte Königshöfe in den Besitz des Frankenherrschers übergingen. Der Hof "Am Spangenoil" an der Straße vom Ruhrtal her gehörte auch dazu und kam als Unterhof an den Königshof Hatneggen, der in unmittelbarer Nähe der Ruhr unweit des späteren Hauses Cliff lag. Das mag bereits im 9. Jahrhundert gewesen sein. Um das Jahr 990 wird der Hof Hatneggen mit etwa 20 Unterhöfen zum ersten Male urkundlich erwähnt. Um diese Zeit taucht auch bereits die Bezeichnung "Reichshof" auf.

In der weiteren geschichtlichen Entwicklung wäre das Jahr 1005 zu nennen, als der Reichshofverband "Hatneggen" durch Kaiser Heinrich II. dem Abt zu Deutz geschenkt wurde. Es zeigte sich, daß dieser neue Lehnsherr nicht Macht genug besaß, seine Lehnsbauern im Hattinger Land zu schützen, so daß Nei­der und böse Nachbarn recht häufig plündernd und raubend die Höfe heimsuchten. Darauf begaben sich diese mit Wissen und Willen ihres Lehnsherrn unter die Schirm- und Schutzherrschaft des Grafen von der Mark. Allerdings hatten sie dafür außer den Abgaben an den Abt zu Deutz jährlich auch an diesen eine Abgabe zu entrichten, die 20 Malter Hafer und 20 Mark Geld, die Mark zu 12 Schilling und den Schil­ling zu 12 Pfennig Dortmunder Geld gerechnet, betrug. Über die Rechtsverhältnisse innerhalb des Reichshofverbandes gibt uns eine Urkunde Auskunft, die von einem auf der Hattinger Wiese am 15. Januar des Jahres 1534 abgehaltenen Hofesgericht berichtet. Danach waren die Bauern der Unterhöfe schon in ältester Zeit aus der örtlichen Gerichtsbarkeit ihrer Bauerschaft ausgeschieden und unterstanden einem eigenen Gericht, das unter Vorsitz des Schulzen vom Oberhof dreimal im Jahre auf der "Scholtenwysche" bei Hattingen abgehalten wurde. Bei Strafe durfte keiner der Bauern an diesen Gerichtstagen fehlen. Für die Regelung der kleinen Angelegenheiten innerhalb des Hofesverbandes wurde ein Bauernrichter gewählt, dem gewissermaßen Aufgaben eines Sprechers zukamen.

Wie alle anderen Bauern des Reichshofes so war auch der vom Spangenoil Erbhofbauer seines angestamm­ten Besitzes. Weder der Schulte des Oberhofes noch der Lehnsherr zu Deutz oder gar der Graf von der Mark konnten ihm seinen Hof nehmen, sie waren dagegen nach Hofesrecht verpflichtet, Ihn zu schützen und ihm in Notzeiten beizustehen. Allerdings hatte er in Auswirkung des Lehnsverhältnisses in der fränkischen Zeit beim Antritt seines Erbes seine Rechte an dem Hof erneut zu gewinnen. Das geschah durch Eidesleistung und eine Geld- und Weingabe an den Schulten und dessen Gesinde. Dasselbe war der Fall, wenn der Bauer heiratete. Dann mußte die Frau ebenfalls ihren Anteil oder ihre "Hand" an dem Besitztum ihres Mannes gewinnen. Der Hof war unteilbar. Blieben nach dem Tode der Eltern unmündige Kinder zurück, so war der Schulte des Oberhofes verpflichtet, das Erbe bis zur Großjährigkeit der Kinder zum Nutzen derselben verwalten zu lassen. Die Familie gehörte also zum Hofe und konnte nicht davon vertrieben werden. Auch dem Altbauer war seine Leibzucht bis zum Tode sicher. Wie lange der Hof "Am Spangenoil" Unterhof des Reichshofes zu Hattingen gewesen ist, läßt sich aus den vorliegenden Urkunden nicht ersehen. Jedenfalls ist er bei Auflösung des Verbandes durch Kauf oder Schenkung an die Familie derer von Heyden auf Bruch gekommen.

Um die Wende des 18. Jahrhunderts verschwindet die alte Sippe derer von Spangenoil. Das Besitztum ging in die Hände der reichen Familie Trappmann in Hattingen über, die es im Jahre 1819 durch öffent­lichen Verkauf veräußerten. Der Landmesser Miebel hatte zuvor eine genaue Vermessung sämtlicher Ländereien, die damals noch zum Hofe gehörten, vorgenommen und eine Gesamtgröße aller in der Bauernschaft Welper verstreut liegenden Besitzstücke von 3627 1/2 Ruten oder 26 3/4 Morgen festgestellt. Die Gebäude des Hofes und die in unmittelbarer Nähe gelegenen Grundstücke wurden ungeteilt an die Familie Diergardt verkauft, die auch noch die auf dem Hofe ruhenden Lasten übernahm. Die übrigen Ländereien "Auf dem Platze", "Auf dem Rüggen", "Auf dem Haidken", "Auf der Wasserfuhr", "Hinter der Hecke", "Auf dem Buschstück", "Auf dem langen Stück", "Auf der Malsterbecke", "Im Brain" und der Busch "An der hoallen Böcke" wurden einzeln an die Bauern von Welper verkauft. So sank der ehemals wichtige Hofplatz in der Bauernschaft Welper im vergangenen Jahrhundert zur Bedeutungslosigkeit herab. Seine Geschichte wurde vergessen, und nur in Bruchstücken ist uns einiges davon überliefert worden. Der Name aber blieb und weist zurück in die weitesten Fernen unserer reichen und interessanten Heimatgeschichte.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch