Land: Hof Köcke wird lehensfreier Erbhof (1766)

Grau und düster wölbt sich der Himmel am 8. November des Jahres 1766 Über dem Ruhrtal. Dünne Nebelschwaden ziehen über die Wiesen und Äcker und hüllen die Eichen in dem bergwarts ansteigenden Walde in einen weiten, wallenden Mantel, aus dem nur hier und da das knorrige Geäst eines einzeln stehenden Baumes herausgeistert. Dort, wo der Flußlauf den Höhenrücken an seiner linken Uferseite verläßt und in die weitläufige Talaue der Bauerschaft Welper eintritt, liegt zwischen Ufer und Berg die Hofstatt des Geschlechtes derer "An der Köcke". An der Bergseite werden Wohnhaus, Schuppen und Ställe überschattet von den mächtigen Eichen, die ihre Zweige schützend über sie strecken, nach dem Flusse aber schließt eine feste Mauer aus wohlgefügten Ruhrsandsteinen den Hofplatz ein, damit die reißenden Fluten in Zeiten der Überschwemmungen, wenn der Fluß über Nacht seine Ufer verläßt und sich über Wiesen und Äcker seinen Weg bahnt, nicht zu arg an der Stätte bäuerlichen Fleißes wüten können.

In der großen Stube des Hauses sitzt der Bauer Henrik an dem Eichentisch. Er hat seinen Feiertagsrock angelegt und kramt in der schweren Truhe geschäftig unter den Pergamenten und Rollen, die fein säuberlich geordnet an ihrem Platz ruhen. Er weiß, was diese alten Aufzeichnungen bedeuten, wenn auch oft fremde Schriftzeichen in krausen Formen ihm ihre Geheimnisse verbergen. In seiner Jugend durfte er die Stadtschule in dem nahen Hattingen für eine kurze Zeit besuchen und hat dort die Kunst des Lesens und Schreibens gelernt. Die sorgfältig gehüteten Pergamente enthalten wichtige Angaben über Rechte und Pflichten des Hofes und liegen darum wohlverwahrt in der eisenbeschlagenen Truhe, in der auch neben anderen Schätzen ein Leinenbeutel mit harten Talern aufbewahrt wird.

Ein ledergebundenes Büchlein kommt zum Vorschein. Der Bauer blättert eifrig darin und rechnet und rechnet. Ab und zu ergreift er den Gänsekiel und schreibt mit schwerfälliger Hand große Zahlen auf ein zerknittertes Blatt. Der Hoferbe und die Bäuerin verfolgen aufmerksam das Tun des Alten, bis dieser den Schlußstrich unter seine Rechnung zieht.

In der frühen Morgenstunde wurde ihm eilige Nachricht durch einen Boten des Gerichtes zu Bruch ge­bracht. Heute soll er in der Amtsstube erscheinen und seine Bereitwilligkeit bejahen, das Erbe seiner Väter durch eine einmalige Ablöseschuld von allen Lasten und Frondiensten gegenüber dem Herrenhause Bruch zu befreien. Schon seit Wochen verhandelte er darum mit dem Verwalter des Schlosses. Nun hat er seine Rechnung noch einmal genau überprüft und festgestellt, daß der Kaufpreis zwar recht hoch bemessen, des Einsatzes aber wert ist. Allerlei Gedanken sind ihm gekommen, als er das Büchlein Seite um Seite durchblätterte. Da stehen alle die Abgaben verzeichnet, die er zeitlebens an das Herrenhaus abgeführt hat. Recht beträchtlich war der dürre Zehnt, der noch von seinem Vater in Form von gedroschenem Korn in die Mühle zu Bruch gebracht werden mußte. Da waren jährlich 13 Scheffel Roggen, 13 Scheffel Gerste und 16 Scheffel Hafer zu liefern. Er weiß noch, wie schwer seinem Vater oft diese Abgabe wurde, besonders dann, wenn eine schlechte Ernte kaum das erforderliche Getreide für die eigene Hofhaltung erbrachte. Seinem guten Einvernehmen mit dem Verwalter des Herrenhauses gelang es endlich, den Zehnten in Geld abzustatten. Jahr für Jahr hat er 21 harte, blanke Taler zu Martini bei der Adelskasse auf Bruch einzahlen müssen. Auch das wurde ihm manchmal sauer genug, aber er konnte doch wenigstens aus anderen Einnahmen des Hofes die fälligen Lasten bestreiten, wenn Mißernten die Abgabe des Zehnten erschwerte. Außerdem mußte am gleichen Tage der blutige Zehnt in Form von 11 Hühnern und 2 Gänsen für die Küche des Herrenhauses eingebracht werden, gar nicht zu denken an die Dienste, die im Laufe des Jahres mit Pferden und Wagen oder Geräten beim Lehnsherrn zu leisten waren. Das war alles recht schwer für die Bauern "An der Köcke", und er hat oft in seinem Leben darüber nachgedacht, wie das wohl so gekommen sein mag. Sein alter Großvater erzählte ihm einmal, als er noch Knabe war, daß vor vielen, vielen Jahren eine große Notzeit über die freien Höfe der Bauern an der Ruhr gekommen sei. Fremde Völker von jenseits der Berge wären in das Land eingefallen und hätten die in mühseliger Arbeit dem Walde abgerungenen Äcker verwüstet, die Hofe zerstört und das Vieh hinweggeführt. Sie waren stärker als das kleine Häuflein der Bauern in Welper gewesen. Wenn dann die Zerstörungen nach langer Arbeit beseitigt, die Felder wieder ertragfähig waren, dann wiederholte sich die gleiche Not. Da hätten sie sich dann ganz unter den Schutz des mächtigen Hofes im Bruch gestellt, der ihnen ohnehin seit undenklichen Zeiten in manchen Dingen Vorbild und Stütze gewesen war. Der rüstete nun Knechte aus, die dem Feinde tatkräftig wehren konnten. Die Bauern aber gaben dem Adelsherrn dafür einen Teil ihrer Ernte. Wie es aber gekommen war, daß zu diesen freiwilligen Abgaben für den gewährten Schutz Dienste und Zehnt in fast unerfüllbarem Maße gefordert wurden, davon hatte der Großvater auch nichts mehr gewußt.

Nun soll ihm vor seinem Geschlecht die hohe Aufgabe zufallen, den ehemals freien Besitz seiner Familie für alle Zeiten wieder freizukaufen. Freier Bauer auf freiem Grund! Der alte Henrik atmet schwer, erhebt sich und geht nach der Tür, wo in diesem Augenblick der Hofhund die beiden Nachbarn meldet, den Bauern "An der Kost" und den "In der Eye". Sie sollen Zeuge sein bei der wichtigen Verhandlung in der Brucher Amtsstube.

Im weitläufigen Hofraum des Herrenhauses Bruch herrscht nicht mehr die Ordnung wie in der Jugend des Bauern Henrik. Damals wohnten hier noch die angesehenen und mächtigen Herren von Heyden, die im Dienst des Landesherrn hohe Ämter bekleideten. Jetzt ist der ganze Besitz Eigentum derer von Raesfeld geworden, und auf dem Schloß wirtschaftet ein Verwalter. Der neue Herr will die Herrlichkeit Bruch mit den zugehörigen Lehnshöfen nach und nach verkaufen, denn er wohnt weitab vom Ruhrlande.

In der Amtsstube sind außer dem Verwalter noch zwei Schreiber anwesend, denn Haus Bruch ist auch Gerichtssitz für die umliegenden Bauerschaften. Der Verwalter liest den ausgefertigten Loskaufbrief vor, in dem steht, daß von diesem Tage an der Hof "An der Köcke" erb- und eigentümlich dem Bauern Henrikus und seinen Nachkommen zugeteilt wird für die Summe von 795 Taler, Eine große Summe, die der Bauer unmöglich sogleich zahlen kann. Er hat ja lange gerechnet und wird die neue Last, die er dem Hofe aufbürdet, wohl zu mildern verstehen. So setzt er denn mit festen Zügen seinen Namen unter das Schriftstück und zahlt die Hälfte des Lösegeldes auf den Tisch.

Als Henrik an der Köcke um die Mittagszeit seinem Hofe sich zuwendet, da ist der Nebel den leuch­tenden Strahlen der Spätherbstsonne gewichen, die den alten Siedlerplatz an der Ruhr goldig überfluten. Der Bauer fühlt sich beglückt in dem stolzen Bewußtsein, für die kommenden Geschlechter et­was Bedeutendes geleistet zu haben.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch