Land: Alte Hofplätze in Hattingen

Die Stadt Hattingen ist aus einer bäuerlichen Siedlung hervorgegangen. Das bezeugen zahlreiche Urkunden, in denen die Grafen von der Mark dem ehemals bäuerlichen Gemeinwesen die verschiedensten Rechte und Privilegien verliehen, die den Charakter einer Stadt überhaupt erst ausmachten. Da wären vor allen Dingen zu nennen das Marktrecht, die Erlaubnis zur Befestigung mit Wall und Graben, die Wein- und Kornakzise und die Erhebung festgesetzter Gebühren für die Benutzung der Stadtwaage. So war das alte Hattingen bereits im 15. Jahrhundert zu einem bekannten Marktplatz geworden, und auch das Handwerk hatte darin eine gewisse Bedeutung erlangt. Trotz dieser Entwicklung waren aber die Bewohner Alt-Hattingens teilweise Bauern geblieben. Noch im 13. Jahrhundert finden wir innerhalb der Stadtmauern ganz beachtliche Hofplätze, von denen das Kellergut wohl das größte gewesen sein mag. Diese Bauernhöfe innerhalb des Stadtkerns haben in geschichtlich nicht nachweisbarer Zeit den Anfang der städtischen Siedlung ausgemacht und sicher in der alten Bauernschaft Hatneggen eine bedeu­tende Rolle gespielt, lagen sie doch in der Nähe des altgermanischen Kultplatzes, auf dem dann spä­ter eine Kapelle und die Kirche von St. Georg errichtet wurden. Die alte Bauernschaft Hatneggen umfaßte aber einen viel größeren Raum, als er im Mittelalter durch Wall und Graben abgegrenzt wurde. In dem verhältnismäßig engen Raum des Stadtgebietes hatten nur wenig Höfe Platz, die meisten lagen ehemals außerhalb desselben in der späteren Stadtfeldmark.

Das ganze bäuerliche Siedlungsgebiet von Hatneggen reichte in altgermanischer Zeit vom Ruhrtal bis zu den Höhen des Schulenbergs und Raffenbergs. Zunächst mögen alle diese Bauernsiedlungen sich noch erhalten haben, als bereits ein gewisser städtischer Kern sich herausgebildet hatte. Als aber die Bedeu­tung Hatneggens als Markt- und Handelsplatz mehr und mehr stieg, und der Wohlstand seiner Bewohner landbekannt wurde, da setzten auch Raubzüge und Plünderungen beutegieriger Nachbarn und Landläufer ein, die mehr als einmal das städtische Gemeinwesen überfielen und, wenn sie diesem selbst infolge der Wachsamkeit der Bewohner und der Befestigungsanlagen nicht viel anhaben konnten, sich an den umliegenden Gehöften schadlos hielten und plünderten was Küche und Keller hergaben. Es ist darum leicht verständlich, wenn die so geplagten Bauern der Stadtfeldmark nach den üblen Erfahrungen Schutz innerhalb der Stadtmauern suchten und ihr Gehöft draußen aufgaben. Sie erwarben Bürgerrechte in der Stadt und bewirtschafteten von hier aus ihre Äcker und Wiesen vor den Toren weiter. Nebenher übten sie eine zusätzliche gewerbliche Tätigkeit aus, die ihren Lebensunterhalt vollkommen sicherte. Auf diese Weise verschwanden nach und nach die alten Hofplätze in der Feldmark. Bald verfielen die Ge­bäude, und über die letzten Reste breitete die Natur ihren grünen Teppich aus, der die alte Hofstatt schnell in Vergessenheit geraten ließ. Übrig blieb allein noch der Name, der ja der Eigenart des betreffenden Landschaftsteiles anhaftete und darum zu einer Flurbezeichnung wurde.

Diese alten Flurnamen, die von einem bäuerlichen Siedlerplatz herrühren, sind teilweise bis in unsere Zeit erhalten geblieben und klingen erneut oft in Straßen- und Grundstücksbezeichnungen auf. Manchmal ist die Verbindung mit dem alten Hofe noch ganz offensichtlich wie beim "Dünkhof oder "Eikener Hof". Einige sind nur noch dem Namen nach erhalten geblieben und geben den Menschen unserer Zeit bei der Deutung unlösbare Rätsel auf, andere dagegen sind vollkommen vergessen worden. Nach dem Jahre 1684 liegt im Stadtarchiv eine Aufstellung vor, in der die um diese Zeit in der Stadtfeldmark bereits vollkommen wild liegenden Feuerstellen aufgezählt werden. Es ist eine ganz stattliche Zahl, mit der die verhältnismäßig dichte Besiedlung unserer Heimat in frühgeschichtlicher Zeit bewiesen wird.

Am stärksten war der nordwestliche Teil der Stadtfeldmark ehemals besiedelt. Sicher eine Erhärtung der Annahme, daß die Besiedlung in grauer Vorzeit vom Ruhrtal her vorgenommen wurde. Da lag zunächst dicht am Steilhang der Ruhr in der Nähe des heutigen Cliff der "Clever Hof", der in den Urkunden oft als Prinzipalhof zum Reichshoff Hatneggen erwähnt wird. Erst später entstand als Adelssitz der ritterburtigen Herren des Prinzipalhofes das feste Haus Cliff am Ruhrufer, dessen letzte Mauerreste unweit Birschels Mühle den Leinpfad überragen. In der Nähe des Clever Hofes lag der "Frohnhof", die Wohnstätte des Frohnen zum Reichshof Hatneggen, dessen erbliches Amt mit diesem bäuerlichen Lehen bezahlt wurde. Westlich dieser beiden bedeutenden Siedlerplätze traf man auf die Höfe "Im Backforth" und "Im Ulningh" an der äußersten Grenze der Bauerschaft. Zwischen ihnen und dem heutigen Stadtkern hatten die Bauern "Im Middelschulte", Im Baseldyk" und "Holßborn" ihre Höfe angelegt, und in der Nähe der Stadtmauer lagen "Im Dünkhof" und "Im Reschop". Auch im Südwesten und Süden war die Bauerschaft stark besiedelt. Da lagen die Höfe "Im Keßkamp", "Im Ekelkamp", "In der Alder", "Op dem Hysypen", "Im langen Kamp", "Dodtman" und "Am Beule". Unter dem Schulenberg und dem Hohenstein waren in alter Zeit entstanden: "Die Wintgate", "der Krusenhof", "der Steinhagen", "die Petershöfe", "der Irnmenhof" und "die Rosendaele". Östlich und nördlich der Stadt lagen nur wenig Höfe. Diese Grenzgebiete waren in alter Zeit noch reichlich mit Wald bestanden und boten den Rodungs­arbeiten der Menschen lange Widerstand. Hier werden genannt:"Der Molderpaß", "der Lappendyk" und "der Vinkenbrink". Diese genannten Feuerstellen sind ohne Zweifel die bedeutendsten gewesen, aber damit war ihre Zahl keineswegs erschöpft. Am Schluß der erwähnten Aufstellung, findet sich der Vermerk "und die anderen alle".

Manche der aufgeführten Hofplätze sind nach ihrer Entstehungsart leicht zu deuten, bei anderen dagegen ist der ursprüngliche Sinn kaum noch festzustellen. Allen aber ist die feste Verbundenheit mit der Landschaft eigen, deren Form und Gestalt den Siedlerplätzen und damit auch ihren Bewohnern ihren Namen gaben.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch