Die Geschichte der Stadt Hattingen

Die umfassende Darstellung einer Ortsgeschichte unserer alten Stadt am Ruhrbogen harrt noch ihrer Vollendung. An dieser Stelle soll nur eine Gesamtschau gewagt werden über die wesentlichen Merkmale historischen Geschehens, die für das Verständnis der Einzelvorgänge auf heimatgeschichtlicher Grundlage notwendig erscheint. Dabei müssen naturgemäß die Erscheinungsformen der politischen Geschichte in ein helleres Licht gerückt werden als die des wirtschaftlichen und kulturellen Geschehens innerhalb der einzelnen Zeitabschnitte, bilden sie doch die wesentlichsten Faktoren in dem Rahmen der großen Landesgeschichte, in den sich auch der Ablauf der bedeutenden Ereignisse örtlichen Charakters in den einzelnen Jahrhunderten einordnen läßt.

Da wird zunächst nach der Deutung des Namens der Stadt an der charakteristischen Ruhrschleife gefragt werden müssen, dessen Schreibweise von der ältestens Form Hatneghen (1019) bis heute eine vielfache Wandlung erfahren hat. Die Feststellung, daß in der nächsten Umgebung der Stadt bisher nur verhältnismäßig geringe Zahl historischer Bodenfunde geborgen werden konnte, läßt den Schluß zu, daß von einer planmäßigen Besiedlung der Terrassen der Ruhr, auf der sich die einzelnen Stadtteile Hattingens heute erheben, in vorgeschichtlicher Zeit kaum gesprochen werden kann. Dagegen bezeugen schriftliche Quellen das Vorhandensein von Wohnsitzen einzelner Stämme der sugarnbrischen Völkerfamilie an der mittleren Ruhr in den ersten Jahrhunderten christ­licher Zeitrechnung. Nach der besonderen Eigenart des Ruhrlandes können Rückschlüsse getan werden auf eine mögliche Besiedlung in ältester Zeit. Das Tal des Flusses bot infolge der starken Versumpfung durch den Wasserreichtum des angrenzenden Berglandes keine Möglichkeit zur Anlage von Siedlerplätzen. Auch die einmündenden Bachtäler zeigten das gleiche Gepräge und konnten nur als Wegweiser bei Wanderzügen in das dunkle Waldland des Südens benutzt werden. Die ersten festen Wohnsitze wurden sicher auf erhöhten Vorsprüngen dicht am Ufer errichtet, von wo aus eine Kontrolle der Wanderstraßen längs der Wasserläufe möglich war. Diese Bergvorsprünge auf der Hauptterrasse eig­neten sich auch zur Anlage umhegter Plätze, die nicht nur der Beobachtung des umliegenden Landes in kriegerischen Zeiten dienten, sondern auch zur Not die wichtigste Habe der einzelnen Familien aufnehmen konnten. So scheint die Deutung des Namens Hattingen, die sich auf die Besiedlungs­verhältnisse des Raumes in frühgeschichtlicher Zeit stützt und in der mittelalterlichen Schreibweise Hattnegge eine sinnvolle, wortkundliche Bestätigung finden könnte, die einzig mögliche zu sein. Chattuarier Egge (d.h. Befestigung) ist die ursprüngliche Bezeichnung des Siedlerplatzes auf dem Steilufer der Ruhr, etwa in Höhe des Flurstückes "Auf dem Nocken", und benennt eine wahrschein­liche Wallanlage des Volksstammes der Chattuarier. Die Geschichte des Reichshofes Hartneggen üblich ist, kann durch keinen urkundlichen Hinweis belegt werden.

Die Deutung des Namens der alten Stadt führt uns hinein in die Frühgeschichte des Raumes an der mitt­leren Ruhr. Wesentliche Urkunden beweisen, daß dieser im 6. und 7. Jahrhundert von der sächsischen Vorstoßbewegung nicht unberührt geblieben ist. Jene kriegerischen Unternehmungen, die nachweislich die Ruhrlinie von Werden bis Hohensyburg trafen, forderten wirksame Gegenmaßnahmen der westlich wohnenden Franken heraus, da diese ihren Wohnraum bedroht sahen. Hand in Hand mit der fränkischen "Rückeroberung" des Raumes ging dann die Christianisierung, die schon im 8. Jahrhundert starke Bollwerke erstehen ließ, die künftig der Stütze und Ausbreitung der geistlichen Macht dienten. So übte die Abtei Deutz und vor allem das Kloster Werden im Hattinger Raum mehrere Jahrhunderte hindurch stärksten Einfluß aus. Im Zuge dieser fränkischen Bewegung waren die Kriegszüge Karls des Großen von entscheidender Bedeutung. Zur Vermeidung empfindlicher Rückschläge wurden an den Vormarschstraßen alte Befestungspunkte ausgebaut, neue umfangreiche Vorratslager eingerichtet. Damals entstanden die sogenannten Königshöfe mit ihren zahlreichen Unterhöfen, die sich in mancherlei Beziehung als recht bedeutungsvoll für das ganze Land hinsichtlich der friedlichen Durchdringung mit fränkischem Wesen und fränkischer Staatsordnung erwiesen. Jener bereits erwähnte Platz am Vorsprung des Steilufers der Ruhr wurde wegen seiner bevorzugten Lage im Räume zum fränkischen Königshof ausgebaut und hat viele Jahrhunderte hindurch mit seinen zwanzig Unterhöfen das Gebiet des alten Amtes Blankenstein zwischen Deilbach und Pleßbach unter wirksamer Kontrolle gehalten.

Seit der fränkischen Überflutung des Landes erschien die Bedeutung der alten Chattuarierfeste in einem ganz anderen Lichte, zumal jetzt die völkerverbindenden Straßen von Westen nach Osten den ehemals ziemlich abseits gelegenen Hattinger Raum an andere, politisch und wirtschaftlich wichtige Gebiete anschlössen. Auch den Höhenstraßen vom südlichen Bergland in das Flachland des Nordens kam seit der fränkischen Durchdringung des Landes erhöhte Bedeutung zu. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts erwachte der Hattinger Raum daher zu einem vielgestaltigen Leben, das sich nicht nur auf politischem, sondern auch auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet zeigte. Die aus der altgermanischen Zeit übernommene Markenverfassung erfuhr eine intensivere Gestaltung, und die gesteigerten Erträge lieferten den Grundherren willkommene Mittel zur Ausgestaltung ihres Einflusses. Nicht nur die weltlichen Herren, sondern auch die geistlicher Stifter, Abteien und Klöster besaßen schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts wesentliche Rechte in der wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes. So gehörte die schon im Jahre 990 urkundlich erwähnte Kirche zu Hattneggen mit dem Reichshof 1019 der Abtei Deutz.

Ob dieses Gotteshaus, das sicher in jener Zeit noch das Aussehen einer schlichten Kapelle zeigte, im Bereich einer altgermansichen Kultstätte errichtet wurde, kann urkundlich nicht nachgewiesen werden, scheint jedoch durchaus im Bereich des Möglichen zu liegen, wenn man die erhöhte Lage des Kirchplatzes von St. Georg einer näheren Betrachtung unterzieht.

Die vielfache wirtschaftliche Ausnutzung des Landes seitens der verschiedenen Grundherren erforder­te einen starken Schutz, um auch in kriegerischen Zeiten die Erfolge der Abtei ausnutzen zu können. Daher stellten die geistlichen Herren ihr Einflußgebiet unter den Schutz eines starken weltlichen Herrn, der für einen Teil der Einnahme die Vogtei über das ihm anvertraute Gebiet ausübte. Im Verlaufe dieser Entwicklung entstanden im Hattinger Raum Einflußbereiche aufstrebener Dynastien, von denen die der Grafen von Berg-Altena die bedeutendsten waren. Ihre beherrschende Machtposition machte sich äußerlich in der Errichtung der Feste Isenberg an der Ruhrschleife am Ende des 12. Jahrhunderts bemerkbar. Wie umfangreich die Machtfülle der Grafen von Isenberg gewesen ist, zeigt sich in der langen Liste aller Höfe, von denen der Graf Renten bezog.

Die Machtentfalung des genannten Grafengeschlechtes wurde jäh unterbrochen durch das Edikt des Papstes Innozenz III., nach dem möglichst alle Vogteien über geistlichen Grundbesitz aufgelöst werden sollten, und in dessen Befolgung der mächtige Erzbischof Engelbert von Köln seinem Ver­wandten an der Ruhr die wichtigsten Quellen seines Wohlstandes zu verschütten drohte. Als die langwierigen Verhandlungen im Bunde mit einflußreichen Verwandten auf beiden Seiten zu keinem Ergebnis führten, griff der Isenberger zum letzten Mittel, um mit der Waffe in der Hand seine Rechte zu erhalten. Die Folgen dieser Tat wirkten sich unheilvoll aus, nicht nur für ihn und seine Familie, sondern auch für das ganze Land an der Ruhr. Die isenbergischen Erbfolgewirren brachten den Bauern bei Hattingen für mehrere Jahrzehnte Krieg und Verwüstung, und als endlich um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine vertragliche Regelung dem Streit ein Ende bereitete, da fanden sie sich unter der Herrschaft eines anderen weltlichen Herrn, der mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln seinen gewonnenen Einfluß hart an der Grenze des kurkölnischen Territoriums durch Anlage starker Bollwerke zu befestigen trachtete. Mit dem Vertrage des Jahres 1243, dem Geburtsjahr der Grafschaft Mark, begann eigentlich erst eine geordnete Verwaltung in dem Lande am Ruhrbogen mit der Tendenz der Grenzlandbefestigung gegen die Machtentfaltung eines starken, westlichen Nachbarn.

Unter diesem Gesichtspunkt kann die Frühgeschichte der Stadt Hattingen verstanden werden. Die exponierte Lage des Fleckens Hattneggen zwang die neuen Herren dieses Gebietes, die alten Chattuarierfeste und Königshofanlage aus der fränkischen Zeit wegen ihrer neueren Bedeutung als Handels- und Verkehrszentrum hart an der Westgrenze auszubauen und zu schützen. Daher berichten urkundliche Hinweise bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts von dem Kirchdorf Hattneggen als einem wichtigen Handelsplatz im westlichen Teil der Grafschaft Mark. Händler und Handwerker hatten sich am Gotteshaus der alten Bauernsiedlung unweit der Sohlstelle des ehemaligen Könighofes angesiedelt, und ihre Einsatzfreudigkeit für die Belange des Landesherrn wurde von diesem reichlich belohnt. So entstand schon lange, bevor Hattingen den Charakter einer Stadt erhielt, ein wichtiger Markt, und eine eigene Münze, in der Engelbert II. von der Mark nachweislich im Jahre 1308 bereits Denare schlagen ließ unterstrich die hohe Bedeutung des Kirchdorfes für den ganzen Westen der Grafschaft.

Obwohl das Jahr 1396 als das eigentliche Gründungsjahr der Stadt durch die Verleihung des Rechtes Wall und Graben anlegen zu dürfen, gilt, ist wohl anzunehmen, daß schon lange vorher der stadt­ähnliche Charakter des Kirchdorfes Hattneggen nachzuweisen wäre. Darpe erwähnt, daß bereits Graf Adolf VI., der sich von den Einflüssen der Kölner Kurie ganz frei machen wollte, seine be­sondere Aufmerksamkeit gerade diesem Grenzflecken zuwandte, und von ihm wird auch berichtet, daß er sich gern in Hattingen aufhielt und den kleinen Ort mit einer ersten Befestigungsanlage ver­sehen ließ. Tatsächlich ist bei genauer Überprüfung des Altstadtkerns noch deutlich in dem Verlauf der Emsche und Kirchstraße als unmittelbare Umgrenzung des alten Kirchplatzes eine erste Befestigungsanlage zu erkennen.

In den ersten Jahren des Bestehens der Grafschaft Mark trat trotz der vertraglichen Abmachungen das Bestreben des Erzbischofs von Köln immer wieder hervor, seinen Machteinfluß an der Ruhr weiter nach Osten zu verschieben. Das machte sich in wiederholten Überfällen der Waffenknechte des Kölners in der Hattinger Gegend bemerkbar, so im Jahre 1263, als Hattneggen von den Kölnern verbrannt wurde. Das nachfolgende Strafgericht über die Frevler vollzog sich unmittelbar darauf in der Koppel an der Ruhr, wo die Reisigen des märkischen Drosten Bernd Bitter auf Blankenstein zusammen mit den bewaffneten Bürgern und Bauern der Umgegend die Kölner vernichtend schlugen.

Seit dem Vertrage des Jahres 1243, der den isenbergischen Wirren ein Ende bereitete, gehörte Hattingen in den Hoheitsbereich des Drosten oder Amtsmanns zu Blankenstein, der auf der Burg als Beamter des Grafen von der Mark residierte. Alle landeshoheitlichen Rechte gingen von dort aus, auch die Gerichtsbarkeit. Daneben bestanden noch die in den Rechtsverhältnissen früherer Zeit verankerten Rechte adeliger Familien, die als Grundherren von liegenden Gründen oder Wohn- und Wirtschaftsgebäuden jährliche Abgaben und Behandigungsgebühren beim Tode des jeweiligen Besitzers erheben durften und in mancher Beziehung auf die persönlichen Verhältnisse ihrer Untergebenen entscheidenden Einfluß ausüben konnten. Der Raum der Altstadt Hattingens gehörte zum großen Teil den Herren von Hattneggen, deren Wohnstätte, der Clever Hof, wahrscheinlich in unmittelbarer Nähe der ältesten Siedlung am Gotteshause auf Deutzer Grund, auf dem sogenannten Nocken, gelegen hat.

Diese Adelsfamilie übte bis zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Schultheißenrechte im Hattinger Raum aus, die dann an die Familie Weite auf dem Clyff übergingen. Als der Landesherr im Jahre 1396 den Bürgern von Hattneggen vertraglich die Stadtrechte zusprach, war auch der derzeitige Schultheiß des Hofes Hattneggen zugegen, dem ausdrücklich seine bisherigen Rechte über die im Stadtgebiet gelegenen Höfe in ungeschmälerter Weise bestätigt wurden. Aber auch Bürgermeister und Ratsherren von Hattneggen werden in dieser wichtigen Vertragsverhandlung am 2. Juli des genannten Jahres bereits erwähnt, eindeutiger Beweis dafür, daß eine städtische Verwaltung, ähnlich der anderer Städte des Mittelalters, schon vorher bestand. Auch auf dem Gebiete der Gerichtsbarkeit waren den Bürgern schon im Jahre 1350 Sonderrechte eingeräumt worden, durch das Freiheitsprivilegium für das sogenannte Volberts Haus in der Nähe des Kirchplatzes, wodurch das Kirchdorf zur Freiheit erhoben worden war.

Der Umfang der mittelalterlichen Stadt Hattneggen wuchs von einer kleinen Siedlung an der Kirche - durch den ältesten, bereits erwähnten Befestigungsgürtel gekennzeichnet - durch ständigen Zuzug von Händlern und Handwerkern allmählich in die Feldmark hinein und hatte am Ende des 14. Jahr­hunderts die Ausdehnung erreicht, die durch die noch heute teilweise erkennbare Stadtmauer fest­gelegt werden kann. Die von den umliegenden Bauerschaften nach dem alten Gotteshause führenden Wege übten entscheidenden Einfluß bei der Gestaltung der städtischen Siedlung aus. Fünf Bauernwege führten in das alte Hattneggen hinein, und dementsprechend bleiben auch fünf Eingänge in der Befestigungsanlage frei, die später zu starken Toren mit einer Außen- und Innenbefestigung und besonderen Türmen ausgebaut wurden. Man bezeichnete sie ausnahmslos nach den Hofplätzen, die seit undenklichen Zeiten in der Feldmark lagen.

Die durch den mehrfach erwähnten Festungsvertrag des Jahres 1396 priviligierte, große Stadtbefestigung bestand zunächst aus Wall, Graben und Dornenverhau. Erst die günstige wirtschaftliche Entwicklung im 15. und 16. Jahrhundert brachte den Bürgern die notwendigen Voraussetzungen für einen Ausbau mit festen Steinen. Die umfangreichen Arbeiten waren etwa mit dem Jahre 1590 abgeschlossen und zeigten vor allem am Westrand der Stadt starke Wehranlagen mit besonderen Mauertürmen und weit draußen in der Feldmark zu beiden Seiten des Weges nach Langenberg vorgelagerte Landwehren. Der Stadtbereich schied sich deutlich entsprechend der verschiedenen Höhenlagen in Ober- und Unterstadt.

Die Verwaltung der Stadt geschah seit dem Beginn ihres Bestehens auf Grund der Bürgerschaftsverfas­sung, d.h. Rat und Vertreter der Gemeinheit, die sogenannten Zwölfer, wurden aus der Gesamtheit der männlichen Stadtbewohner, die das Bürgerrecht besaßen, in freier Wahl ermittelt. Eine Bestätigung seitens des Landesherrn oder eines Grundherrn erfolgte nicht. Zwei Ratsherren, die beiden Bürgermeister, übten die Exekutive aus, jedoch konnten auch andere Ratspersonen damit von Fall zu Fall beauftragt werden. Nicht nur die Verwaltung ihres kleinen Gemeinwesens, sondern auch die niedere Gerichtsbarkeit stand den Bürgern zu. Bei sitzendem Rat wurden kleinere Vergehen, die nicht die Hoheitsrechte des Landesherrn berührten, gesühnt und Grundstücks- und Vormundschaftsangelegenheiten erledigt. Die Verwaltung richtete sich insbesondere auf die Erhaltung von Ruh und Ordnung, auf die Beaufsichtigung des Wirtschaftslebens und die Verwaltung der städtischen Liegenschaften. Für den Schutz der Stadt war jeder Bürger verantwortlich. Mit der Waffe in der Hand mußte er im Ernstfall Leib und Leben wagen für seine Mitbürger. Daher war der Dienst in der Rotte vornehmste Pflicht jedes Bürgers, Vergehen wurden streng geahndet. Die Ausbildung der waffenfähigen Männer oblag den Schützungsbrüderschaften, die seit dem Jahre 1403 in der Stadt bestanden. Auch der gewöhnliche Wachdienst in den Torstuben und die Kontrolle der Feldmark, wenn die Feldfrüchte reiften, oblag der Rottengemeinschaft. Für die Ordnung auf dem Markt waren die "Kurgenoeten" verantwortlich, ihnen oblag auch die Überprüfung der Maße und Gewichte.

Da die Entwicklung der städtischen Siedlung seit jeher in stärkstem Maße von dem Ausbau des Handels und Gewerbes abhängig war, brachte man diesem nicht nur seitens der Bürger, sondern auch vom Landes­herrn das größte Interesse entgegen. Eine stattliche Zahl einzelner, wichtiger Privilegien beweist das, so das Recht des Weinzapfs, des Wegegelds (1407), des freien Wochen- und Jahrmarktes (1435), der Stadtwaage (1478), der Kornakzise (1486), der freien Stadtjagd (1495) u.a.m. Die Bürger ordneten selbst das Wirtschaftsleben der Stadt nach den allgemeingültigen Grundsätzen, die auch in anderen aufblühenden Städten des Mittelalters galten. Vom Jahre 1412 an bestanden in der Stadt drei Gilden, die zunächst folgende Gewerbe umfaßten; Bäcker und Krämer, Fleischer, Loher und Schuhmacher, Schmiede und Schröter. Sicher entwickelten sich auch noch andere Gewerbezweige, so vor allem die Tuchmacherei, die bereits vor dem Jahre 1606 eine eigene Gilde entstehen ließ, von der allerdings aus dieser Zeit nur wenig urkundliche Hinweise vorliegen. Eine fünfte Gilde bildete sich noch im Jahre 1767, als durch die Förderung des preußischen Staates die Feintuchmacher in der Stadt günstige Entwicklungsmöglichkeiten gefunden hatten und sich in der Miscellanmacherzunft zusammenschließen konnten. Hattinger Erzeugnisse erschienen nicht nur auf dem heimischen Markt, sondern wurden weit in die Lande verschickt, wie mancher Vermerk in den Gildebüchern der Kaufleute oder im Ratsprotokollbuch der Stadt bestätigt. Mancher Bürger konnte auf seinen weiten Fahrten in die großen Handelstädte wichtige Verbindungen anknüpfen, die seiner Vaterstadt zugute kamen, oder er blieb selbst draußen und gründete eigene Niederlassungen, die von dem Fleiß und der Tatkraft Hattinger Bürger zeugten. Mancher fand auch im fremden Lande ein frühzeitiges Ende, aber die Daheimgebliebenen hatten ihn nicht vergessen und ließen seinen Tod in der Vaterstadt durch Läuten der Kirchenglocken verkünden.

Die Erfolge der wirtschaftlichen Entwicklung wirkten sich auf das Stadtbild günstig aus, obwohl Plünderungen und Einäscherungen bei Fehden und Kriegszügen Beute lüsterner Heerhaufen wiederholt diese Entwicklung empfindlich störten. Alt-Hattingen zeigt heute noch in den Resten seiner mittelalterlichen Häuser deutlich drei Bauperioden, in denen sich das ehemals vorwiegend bäuerlichen Zwecken dienende Wohnhaus zum wirklichen kleinstädtischen Bürgerhaus entwickelte. Die Enge des Raumes erforderte häufig eine Bauweise, die sich durch konsolenartige Vor- und Überbauten kennzeichnete und so für helle, luftige Straßenzüge keinen Platz ließ. Das sieht man heute noch am deutlichsten in der Kirchstraße und in den schmalen Seitengäßchen und Winkeln an der Kleinen Weilstraße. Bei Errichtung der öffentlichen Gebäude wußten die Bürger jedoch ihr ganzes Können und ihr Verständnis für kunstvolle Ausdrucksformen wirksam einzusetzen, wie es an dem bis in unsere Tage erhalten gebliebenen schönen Renaissancebau des alten Rathauses am Untermarkt deutlich wird.

Der Wohlstand der Hattinger Bürger im 15. und 16. Jahrhundert drückte sich wesentlich auch auf kulturellem Gebiet aus. Da das gesamte Geistesleben damaliger Zeit von kirchlichen Einrichtungen getragen wurde, finden wir hier deutliche Beweise höheren Strebens der Stadtbewohner, Stiftungen und Schenkungen für das Gotteshaus oder die einzelnen Altäre wiederholten sich ständig, und mehrfach lesen wir in den Gildebüchern oder in besonderen Briefen von Erneuerungen der bunten Glasfenster an der Kirche oder von dem Ausbau oder der Erneuerung der Orgel auf dem Chor. Eine Lateinschule bestand nachweislich seit dem Jahre 1584 in der Stadt, jedoch reicht ihr Bestehen in frühere Zeit zurück. Auch ein Gasthaus wurde im Jahre 1473 durch die Adelsfamilie zum Grimberg bei Bochum für die Stadt gestiftet, und die geistlichen Bruderschaften zu Ehren St. Sebastians und St. Georgs - letzterer wurde zum Schutzpatron der Stadt erkoren - übten dienende Bruderliebe in Zeiten der Not, wenn Seuchen und Kriegsunbill zu Gast waren.

Ene grundlegende Änderung des gesamten Lebens der Stadt setzte ein, als die Grafschaft Mark und mit ihr auch Hattingen in das staatliche Ordnungsgefüge des Landes Brandenburg-Preußen eingegliedert wurden. Die Grafen von der Mark aus der Isenberg-Altenaer Linie erbten im Jahre 1368 die Grafschaft Cleve und erhielten vom Kaiser Sigismund im Jahre 1417 den Herzogstitel. In dem Bruder­zwist, der sich bald darauf zwischen dem Grafen Gerhard von der Mark, den der Erzbischof von Köln unterstützte, und seinem älteren Bruder ausbrach, weil Gerhard ein größeres Erbteil beanspruchte als ihm in der Teilung 1413 zugefallen war, hatten Hattingen und das umliegende Land schwer zu leiden. Da die Stadt unter der Botmäßigkeit des Grafen Gerhard stand, war sie besonders der Rache des gegnerischen Amtsmanns auf Blankenstein ausgesetzt, der trotz abgemachter Waffenruhe die Häuser der Bürger nächtlicherweise in Brand schießen ließ. Im Frieden des Jahres 1437 wurde die Mark mit Ausnahme einiger Gebiete, z.B. auch der Stadt Hattingen, auf Lebenszeit dem Grafen Gerhard zugesprochen.

Nach seinem Tode hörte aber die unselige Teilung der Mark auf, die von jetzt an fest mit Cleve verbunden blieb. Als der letzte Herzog von Cleve starb und längst vorher abgeschlossene Erbverträge wirksam wurden, begann im Jahre 1609 der viele Jahre währende jülich-clevische Erbfolgestreit, der für die Stadt eine Zeit bitterer Leiden und den Niedergang der wirtschaftlichen und kulturellen Lebens brachte, da dieser Streit, mit mächtigen Verbündeten auf beiden Seiten zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Pfalzgrafen von Neuerburg geführt, unmerklich in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges hinüber leitete. Einquartierungen, Plünderungen und Kontributionen folgten nun in immer kürzeren Abständen, so daß aller Wohlstand dahinschwand und viele Bürger die Stadt verließen, um auf dem platten Lande Unterschlupf zu suchen. Dazu kamen Krankheiten aller Art, vor allem die Pest, die bereits in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts übel in der Stadt gehaust hatte. Das Jahr 1619 forderte besonders große Opfer, in den Sommermonaten starben täglich 5 bis 7 Menschen an der gefährlichen Seuche. Die Kriegsnot erreichte im Jahre 1635 ihren Höhepunkt, als in den Märztagen die Stadt von den Truppen des Obristen Wendt zum Crassenstein 11 Tage lang belagert und schwer beschossen wurde. Nach erfolgter Übergabe verlangte dieser bei starker Einquartierung 3000 Taler Kontribution. Der Rat mußte sich entschließen, einen Teil der städt. Besitzungen zu verkaufen, um die ungeheure Schuldenlast zu tilgen. In diesen Jahren schwanden die seit Jahrhunderten peinlich gehüteten starken Stützen des städtischen Gemeinschaftslebens mit der Verrohung der Sitten und der Verflachung althergebrachten Brauchtums dahin. Oft vernachlässigten die Bürger den wichtigen Dienst in den Rotten, nächtliche Unruhen auf den Straßen kamen allzu häufig vor, der Genuß von Branntwein nahm in erschreckendem Maße zu, und die Familiengemeinschaften wurde stark erschüttert durch das liederliche Leben, das fremdländische Soldaten mit ihrem Troß von Weibern und Kindern in der Stadt führten. Auch auf religiösem Gebiet zeigten sich tief wurzelnde Schäden. Das alte Gotteshaus wurde wiederholt entweiht durch eine entmensche Soldateska, und die gottesdienstlichen Handlungen, die seit Ende des 16. Jahrhunderts im Sinne der Reformation ausgeübt wurden, konnten zu gewissen Zeiten nicht durchgeführt werden. Die Gottesdienste wurden dann im Weinhaus der Stadt oder sogar im benachbarten Stiepel abgehalten. Als endlich die Friedensglocken im Jahre 1648 läuteten, klangen sie über eine von den Leiden mehrerer Jahrzehnte gekennzeichnete Stadt. Die Befestigungswerke waren teilweise zerstört, viele Bürgerhäuser lagen in Schutt und Asche, ihre Bewohner waren gestorben oder im Kriege geflohen, und verwüstete und verwilderte Gärten vor den Toren kennzeichneten in eindeutiger Weise die schrecklichen Folgen des Krieges. Auch in den folgenden Jahren hatte Hattingen noch unter kriegerischen Einflüssen mehr als genug zu leiden, so in den Kriegszügen Ludwigs XIV. gegen die Niederlande.

Nach der endgültigen Angliederung der Mark an den brandenburgisch-preußischen Staat wurde die innere Ordnung der Stadt bald grundlegend umgestaltet und der Verwaltungsreform der neuen Obrigkeit angepaßt. Im Zuge dieser Neuerungen verschwand im Jahre 1718 die alte Ratsverfassung.

Künftig bestimmte ein Magistrat die Geschicke der Stadt. Bürgermeister und Ratsherren wurden von der Regierung ernannt, und der erste Bürgermeister hatte zudem auch mit dem Titel eines Justizbürgermeisters die Gerichtsbarkeit im Namen des Königs in seinem Dienstbereich auszuüben. Damit war die bürgerliche Selbstverwaltung, die in den ersten Jahrhunderten der Stadtgeschichte die schönsten Erfolge errungen hatte, von der absolutistischen Staatsidee abgelöst worden. Hattingen gehörte in dieser Zeit als eine der kleinsten märkischen Städte zum landrätlichen Kreise Horde und hatte desöfteren Klage Über die Nichtachtung seiner Rechte zu führen.

Obgleich das Wirtschaftsleben nach dem Dreißigjährigen Kriege verhältnismäßig rasch wieder aufblühte, erlangte es in der Ruhrstadt doch nie mehr die Erfolge wie im 15. und 16. Jahrhundert. Von Staats wegen wurden mancherlei Versuche unternommen, Gewerbe und Handel wieder zu heben, so förderte man neben der Textilindustrie auch das Kleineisengewerbe zu beträchtlicher Leistungssteigerung. Durch Ausbau der Ruhr zu einem brauchbaren Schiffahrtsweg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Hattinger Raum an den niederrheinischen Bezirk angeschlossen und damit vor allem der Kohle ein Weg zu einem größeren Verbraucherkreis geöffnet. Alle diese Maßnahmen aber vermochten nicht den langsamen Niedergang der heimischen Wirtschaft aufzuhalten, der durch die unsicheren politischen Verhältnisse noch beschleunigt wurde. Dem vollkommenen Ruin in der Zeit der Zwischenregierung am Anfang des 19. Jahrhunderts folgte nach der Rückkehr der preußischen Verwaltung wieder eine Belebung, so daß noch um 1840 von einer namhaften Weberei und Kleineisenher­stellung in der Stadt berichtet wird. Die alten Wirtschaftsorganisationen aber hatten ihre Geltung verloren. Die straffe Ordnung des Gildewesens war durch die staatliche geförderte Gewerbefreiheit in eine individualistische Wirtschaftsführung übergeleitet worden. Das Zeitalter des Unternehmertums hatte begonnen, und erste Zeichen einer aufkommenden Industrialisierung machten sich bereits bemerkbar.

Der inneren Umwandlung des städtischen Lebens entsprach die Veränderung des äußeren Stadtbildes. Die mittelalterlichen Wehreinrichtungen waren längst überflüssig geworden und bedeuteten für die Auswirkung des neuen Geistes nur eine beengende Fessel. Sie wurden in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts größtenteils abgetragen. Mit dem gewonnenen Steinmaterial füllte man die Straßen, die zunächst in der Stadtfeldmark ausgebaut wurden als Ansatzpunkte für den in späteren Jahren durchgeführten großzügigen Straßenbau zur Steigerung des Durchgangsverkehrs. Dabei erwies sich der Hattinger Stadt- und Landrichter Rautert als weitblickender, großräumiger Planer, der ein gut ausgebautes Wegenetz im Lande als die wesentlichste Voraussetzung für die Entwicklung der Wirtschaft in der Zukunft voraussah. Mit den ersten Wohnbauten außerhalb der alten Stadtmauer begann die Besiedlung der ehemaligen Stadtfeldmark, und damit wurde ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Stadt eingeleitet.

Mit der Gründung der Henrichshütte im Jahre 1854 vollzog sich der Anschluß der Ruhrstadt an den Großraum der Schwerindustrie. Im Stadtgebiet selbst oder in seiner unmittelbaren Umgebung ent­standen im Laufe der folgenden Jahrzehnte weitere industrielle Unternehmungen kleineren Ausmaßes, die heute einen wesentlichen Teil der Bewohner Hattingens auskömmliche Beschäftigung vermitteln. Die Bedeutung der Stadt als südlicher Vorposten des Ruhrgebietes stieg wesentlich durch den Ausbau der großräumigen Verkehrslinien in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Diese eigenständige wirtschaftliche Entwicklung des Hattinger Raumes zu Beginn des Industriezeitalters machte bald wieder eine Änderung der neuen Verwaltung, die mit der Bildung der Provinz Westfalen nach den Befreiungskriegen und dem Anschluß Hattingens an den Kreis Bochum eingeführt worden war, für den südlichen Bezirk an der Ruhr notwendig. Im Jahre 1885 wurde dieses Gebiet vom Kreise Bochum abgetrennt und zu einem besonderen Kreisgebiet mit Hattingen als Mittelpunkt zusammengefügt. Damit war der Stadt verwaltungsmäßig wieder die Aufgabe zugefallen, die ihr dank ihrer geographischen Lage und ihrer geschichtlichen Vergangenheit gebührt und die sie das ganze Mittelalter hindurch erfüllt hatte. Zwar wurden der Stadt mancher dieser Verwaltungsaufgaben mit der Einrichtung des Ennepe-Ruhr Kreises im Jahre 1929 wieder genommen, aber ihre Bedeutung als Mittelpunkt des gesamten Lebens im südlichen Grenzraum des Industriegebietes zwischen Ruhr und Wupper wuchs ständig.

Obwohl der letzte Krieg mit 31 Prozent Totalzerstörung schwerste Schäden in der Stadt verursacht hatte, ist durch einen planmäßigen, zehnjährigen Wiederaufbau nicht nur das frühere Stadtbild wiederhergestellt, sondern durch Anlage ganzer neuer Wohnviertel noch beträchtlich erweitert worden. Durch Aufnahme von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen wächst die Bevölkerungszahl Hattingens, die um die Jahrhundertwende noch nicht 9000 betrug, ständig und wird bald 60000 erreicht haben.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch