Chroniken: Bürgermeister Adolf Rautert - 1832

Die alte Geschichte und Verfassung der Stadt Hattingen kann aus dem Nebel der Vorzeit nur aus Bruchstücken zusammengesetzt werden. Diese finden sich teils in dem Lehnbuche der Abtei Deutz, teils in einem alten Rentenbuche des Pastors Albert Gramer vom Jahre 1676 bemerket, worinnen sich pag. 513 seq. 93) verzeichnet findet, daß die Villa Hattneggen bereits im Jahre 990 ein Curtis gewesen sey, (worunter ein mit besonderen Hofesrechten versehener Verband von Landgutsbesitzern, der nach Kindlingers Beschreibung unter der Obhut eines Oberhofes stand, verstanden werden muß) und daß Kayser Heinrich der 2te, auch der Heilige genannt, diesen Hoff Hattneggen anno 1005 dem Abte Rudolph zu Deutz übergeben habe, daß die Abtey die Abgaben dieser Höfe so lange ruhig benutzet bis daran, daß der Graf Friedrich von Isenberg den Erzbischof Engelbert zu Cöln ermordete, und bei dem darauf zwischen des Grafen Söhnen und dem Bischof zu Cöln in annis 1226 bis 1243 geführten blutigen Kriege Hattingen öfters abgebrannt und die Hofesleute genötiget worden, den auf dem benachbarten festen Schloß Clyff wohnenden Miles Wei­te zu ihrem Schultheißen und Schirmherrn zu erwählen, der vom Abt bestätigt wurde. Bei dem anno 1243 abgeschlossenen Frieden erhielt der Graf Adolf von der Mark, der im Kriege dem Bischof zu Cöln beigestanden, die confiscirten 94) Güter des Grafen von Isenberg, wie sich solche in dem bei von Steinen abgedruckten Fciedensabschluß verzeichnet finden, und den größten Teil der jetzigen Grafschaft Mark nebst Recklinghausen umfaßten.

Dieses Friedenschlusses ohngeachtet entstand im Jahre 1254 zwischen dem Erzbischof zu Cöln und dem Grafen Engelbert von der Mark eine neu Fehde, die Gerhard von Schüren in seiner Märckischen Chronik von 1450 beschreibt und die dadurch entstand, daß der Drost des Grafen Engelbert, Berndt Bit­ter, einige Bürger aus Soest (damals cölnisch), hatte arretieren lassen. Die Cölnischen Truppen kamen nach Hattingen und verbrannten abermals dies kaum wieder aufgebaute Dorf. Dessen Einwohner und übrige Hofesleute des Amtes Blankenstein wurden aber von dem Schultheißen zu Clyff gesammelt, die Cölnischen Soldaten, obgleich sie an Mannschaft stärker waren, in der Koppelweide geschlagen und zerstreuet, und achtzig schildbürtige cölnische Reiter gefangen.

Der Erzbischof schickte darauf seine Soldaten nach Unna , ließ die Kirche plündern und das Dorf verbrennen. Des Grafen Drost Bitter wurde gefangen genommen und von den Soester Soldaten im Felde totgeschlagen. Dieser Krieg wurde dadurch beseitigt, daß Graf Engelbert des Bischofs Nichte Elisabeth von Falckenstein heiratete.

Außer jenem Schultheißen Weite zu Clyff wohnte auch noch ein Nobilis Heinrich von Hettnegge vor dem Dorfe Hattingen, damals Hattnegge ge­nannt, und zwar auf dem Clever oder Clyffer Hofe, der nach alten Nachrich­ten auf der Anhöhe vor dem Clyffgens Busche vor der Querstraße am Brucher MUhlenwege lag. Dieser Nobilis von Hattneggen besaß als besonderer Hofes­herr des Clever Hofes über den Teil der Hattingschen Bewohner, die nachher die Stadt umfaßte, viele Hofesrechte, welche er an den Schultheißen Weite zu Clyff verkaufte, wodurch dieser beide Hofesherrlichkeiten zusammen er­hielt, und damit vom Abt zu Deutz belehnt wurde. Diese beiden Oberhöfe, der Clever Hof und der Hof Hattingen existieren noch und sind bei der vor einigen Jahren erfolgten Distraction des Hauses Clyff mit allen ihren Realitäten und besonders mit dem Erb-Schultheißen-Ambt, wozu noch 21 Bauren des Ambts Blanckenstein und die alten Bürgerhäuser der Stadt mit Zubehörung gewinn- und zinspflichtig sind, öffentlich verkauft worden.

Die Hofesschultheißen sind successive folgende gewesen:
  • der erste Johann Weite zu Clyff anno 1254
  • dessen Sohn Johann Weite, der den Clever Hoff von dem Arnold von Hattnegge kaufte 1322
  • Johan Overhus genannt Lebbing. anno 1393 - 1415
  • Gort Overhus 1435, auch Lebbing genannt
  • Reinard Krickenbeck, genannt Spoir, von Herten heiratete Elsken, des Lebbings Tochter, 1470 - 1505
  • Bertram von Lüzzenradt 1520 - 1525, 1634
  • Canzler Raht, nomine uxoris einer Lüzzenradts Tochter 1634
  • Johan Diederich von Syberg zu Wischelingen, Drost zu Bochum, dem die Erbg. Lüzzenradt ihre Rechte an den Lehnstücken cedirten, 1657. Er wurde 1661 vom Abt belehnt, und sein Lagerbuch von den Revenuen des Clever Hofes ist noch vorhanden
  • Obristwachtmeister F.W. von Syberg. 1677, starb ohne Kinder
  • dessen Schwester Mann Friedr. Mathias von Syberg zu Kemnade 1680
  • Freiherr von der Reck, der des Obristwachtmeisters von Syberg Wittwe geheiratet.
  • Obristen von Heiden zu Bruch, als Erbe des Herrn von der Reck. Da dessen Sohn sich seiner Erbschaft entsagte, ließ sich
  • der geheime Rath vorr Außen ex nova gratia belehnen 1736
  • dieser verkaufte das allodiale Rittergut Clyff mit dem lehnbaren Hofes-Schultheißen-Amt, und alle übrigen Zubehörungen an den Frei­herrn von König im Jahre 1762.

Nach der in den Jahren 1789/90 erfolgten Distraction der von Königschen Güter kamen die Hofesrechte mit dem Schultheißenamt vermöge Adjudication der (Königlichen) Landesregierung an den damaligen Justizbürgermeister, nachherigen Landrichter Rautert.

Dieses Hofes -Schultheißenamt war mit ansehnlichen Rechten versehen. Als der Graf Diedr. von der Mark Hattingen im 14. Jahrhundert zur Stadt erheben und mit Mauern befestigen lassen wollte, wurde die Einwilligung des Hofes-SchuItheißen dazu erfordert, und durch einen zwischen ihm und dem Grafen vollzogenen schriftlichen Vertrag vom Jahre 1396 documentirt, der von dem vorigen Schultheißen, Freiherrn von König, bei einem im Jahre 1768 mit der Stadtgeführten Jagdproceß bei damaliger Clevischer Regierung ad acta producirt ist. Ferner liegen die Beweise im Clevischen Lehnsarchiv, daß diesem Schultheißen die vollständige Realgerichtsbarkeit über seine Hofesleute zugestanden und sollen nicht nur im Jahre 1666 von dem Churfürsten Friedrich Wilhelm bestätiget, sondern auch bis zum Tode des verstorbenen Landrichters Bölling von diesem durch ein besonderes Hofesgericht ausgeübet, jedoch hernächst, als die jetzige allgemeine Gerichtsverfassung etablirt wurde, und die Patrimonial - Gerichtsherren ihre besonderen Richter selbst zu besolden zu lästig fanden, ist auch dieses Hofesgericht durch das neue Königliche Land- und Stadtgericht tacite mit abjorbiret worden.

Über die Rechte des Clever Hofes an den zinspflichtigen Gütern findet sich auch noch ein zwischen dem Hofes-Schultheißen und dem Magistrat zu Hattingen vollzogener Vergleich vom Jahre 1707, der vom Lehnhofe zu Deutz bestätiget ist.

Gewerbe der Stadt in der Vorzeit Die Einwohner haben sich von jeher durch großen Gewerbefleiß ausgezeichnet, obgleich die Lage der Stadt zwischen Gebirgen und Mängel guter Landstraßen, wodurch alle Handelsverbindung erschweret wird, dazu nicht günstig war. Schon im Jahr 1412 hatten sich Handwerk und Fabriquen schon so sehr ausgebreitet, daß der Magistrat bewogen wurde, zu Vermehrung des Zutrauens eine Gildeordnung festzusetzen, wonach

  • die Kaufleute und Bäcker,
  • die Schlächter, Gerber und Schuster,
  • die Schmiede und Schreiner

in besondere Zünfte eingeteilet worden, denen nachher die Tuchmacher als vierte Gilde hinzukamen. Jeder Zunft waren zwei Altmeister vorgesetzt, welche jährlich über die Prüfung der Lehrlinge und Gesellen und deren Qualification zum Meisterrecht ordentliche Bücher führen, auch jährlich an einem besonderen Gildetage, der mit Gottesdienst gefeiert wurde, ihre Rechnung vor der ganzen Zunft, wobei ein Mitglied des Raths präsidierte, ablegen mußten. Diese Verfassung hat aber bei sovlelen Umgestaltungen vor uhngefahr 25 Jahren ihr Ende erreicht, weil der Zunftzwang aufhörte.

Von dem Umfange des ehemaligen Gewerbes kann man in einem alten Handelsbuche des Kaufmanns Böving vom Jahre 1617 bis 1621 noch Spuren finden, weil darnach verschiedene Bürger bei seinem Handel mit Eisen und Staalwaren auf den Messen zu Frankfurt und Worms mit ihm Verkehr gehabt und nicht nur hiesige, sondern auch Schmiede von Graeveradt für ihn gearbeitet haben.

Referent erinnert sich, eine alte Note geleien zu haben, wornach die Stadt Hittingen zur ehemaligen Hanse, und zwar zum Cölntichen Viertel gehört haben solle; es wird dieses dadurch wahrscheinlich ,daß in der Stadtmauer an der Steinhagener Wäsche noch im vorigen Jahr eine alte, auf einem Blachsteine eingehauene Inschrift vom Jahre 1689 deutlich zu lesen war, worin Hattingen eine Hansestadt genannt wird.

Außerdem fand sich vor einigen Jahren bei Reparatur des Mergenbaums Hauses Über der Haustür eine Fenster - Glasscheibe aus dem l5ten Jahr­hundert, worauf der Nahme eines Hermann Mergenbom mit dem Prädicat als Churfürstlicher Hanse-Richter eingebrannt war, welches Glaß noch vorhanden ist. Die Mercantil-Streitigkeiten der alten Zeit, da sie hier eines besonderen Richters bedurft zu haben scheinen, lassen also an der ehemaligen Bedeutenheit des Gewerbes und Handels hiesiger Gegend keinen Zweifel übrig.

Die Stadt hatte vor dem 30jährigen Kriege einen begüterten Bürgerstand, und es findet sich bemerket, daß zwei Bürgermeister, ein Secretär, sieben Senatoren und zwölf Gemeinheitsvorsteher angestellt gewesen, und mehrere ansehnliche Bürgerfamilien hier gewohnt, woraus graduirte Gelehrte und Staatsmänner hervorgegangen sind, worunter man nur die Kielmänner, Maercker, Pfannkuch, Pelzer, Severin, Bröckelmann, Bövingetc. beispielsweise bemerket.

Ein Pfannkuch wurde Kaiserlicher Hofrath und in den Adelsstand erhoben; ein Kielmann, dessen Wappen an seinem Stammhause auf dem sogenannten Keil noch zu sehen ist, wurde in Wien geheimer Rath, geadelt und nachher mit dem Beinamen von Kielmannsegge in den Grafenstand erhoben. Nach seiner in Wien fundirten Stiftung konnten Jünglinge seiner Verwandt­schaft auf deren Kosten studiren, und es wurde noch vor circa 25 Jahren von dem Österreichischen Gesandten in Berlin durch die Landesregierung bei hiesigem Magistrat Nachfrage gehalten, ob von jenem Fundatore hieselbst noch Verwandte vorhanden, die sich zur Teilnahme an jener Stiftung qualificiren könnten? worauf sich die Gebrüder Stiiebeck als Verwandte legitimirten und auf Begünstigung ihrer Kinder antragen ließen, was aber, so viel man weiß, von keinem weiteren Erfolg gewesen ist, jedoch der weiteren Nachfrage wohl werth sein möchte.

Die Stadt hat den Ritter St. Georg von uralten Zeiten her zu ihrem Patron, der im Stadtsiegel stehet, und aufm Stadtsbrunnen am Marckt in MetallForm aufgestellt ist, und woran auch das im März einfallende Jahrmarkt seinen Namen hat. Diesem Patron zu Ehren ist auch laut alten, vom Bürgermeister Striebeck angeführten Documents im Jahre 1403 am dritten Pfingsttage eine St. Georgs- und Sebastians-Bruderschaft errichtet. Diese Bruderschaft zog jährlich am 3ten Pfingsttage nach gehaltener Messe, wobei für dieselbe geopfert wurde, mit Fahnen und Trommeln nach der Anhöhe des Stadtwaldes, und schössen nach einem auf einer langen Stange gehefteten, ausgeschnitzten Vogel, welche Anhöhe noch die Vogelsruthe genannt wird.

Wer den Vogel herunterschoß, bekam ein Feuerrohr zum Preise, ihm wurde als Schützenkönig ein silberner Vogel mit einer silbernen Kette, der noch vorhanden ist, um den Hals gehängt und er im Triumph nach der Stadt auf das Rathaus begleitet, wo nach gehaltenem Zech dem Magistrat der Vogel wieder abgeliefert, auch dafür vorher ein Cavent gestellt werden mußte. Diese St. Georgs -Bruderschaft wurde auch die Schützengilde genannt, und weil die Bürger die Jagdgerechtigkeit in ihrer Feldmark und einigen Communen des Amts Blankenstein besitzen, so wurde es zur Observanz, daß jeder zur Jagd qualifizierte Bürger, der jagen wollte, sich vorher zu dieser Schützengilde einschreiben und dazu 22 1/2 Stuber bezahlen mußte, welches noch vor 30 Jahren geschehen ist.

In den alten Striebeckeschen Notizen ist unter anderm bemerkt, daß anno 1664 auf Dienstag nach Pfingsten Ihro Hochedelgeboren und Gestrengen, Herr Drost von Syberg zu Clyff, damaliger Hofesschultheiß, den Vogel ab­geschossen, den silbernen Vogel auch Selbst umgetragen und der Observanz gemäß für dieses Kleinod den Herrn Doctor Severin zum Bürgen gestellt habe, daß dieser Drost, mit dem ebenfalls zugegen gewesenen Herrn von Her­bede und noch einem ändern Drosten auf dem Rathause gegenwärtig, sich mit einem Ehrnbaren Rath am Bier lustig gemacht, und nach gehaltenem Zech beide Herren Drosten von beiden Fändrichen der Stadt mit 30 Bürgern, 4 Trommeln und einem Piper bis nach dem Hause Clyff begleitet worden, wo der Herr Drost sie wohl tractiret entlassen, und worauf die Fändriche durch ihre 40 Mann zwei Salven gegeben und ihren Abschied genommen, daß auch hernächst der Herr Drost zu seinem Andenken einen silbernen Pfennig als Angehänge an dem silbernen Vogel dem Magistrat zugesandt, worauf des Drosten Wappen mit dieser Inschrift graviert war.

Schicksale der Stadt :
Anno 1681 wütete die Pest dergestalt, daß nach einem am 8. Februar 1582 aufgenommenen Verzeichnis nur 178 Bürger am Leben geblieben waren.

Anno 1586 scheint eine Hungersnot gewesen zu sein, weil in der jetzt verfallenen Stadtmauer zunächst dem Weiltor noch vor einigen Jahren die eingehauene Inschrift zu lesen war; Ao. 1586 galt de Rogge dat Maider 9 R . Dalee, was giote Not.

Anno 1619 im Februar fand sich die Pest in einem Hause am Kirchhofe, der Zwinger genannt, wieder ein, und wurde im Sommer so bösartig, daß in den Monaten Julius, August und September täglich 5 bis 7 Menschen starben. Durch den um diese Zeit befangenen 30jährigen Krieg wurde die Stadt sehr hart mitgenommen, sie hatte sich zwar von ihrem Landesherrn, dem Churfürsten zu Brandenburg, eine Neutralitätserklärung zu verschaffen gewußt, wie der Pfarrer Gramer bemerckt, daß er vom Jahr 1621 bis 1628 dafür an­sehnliche Zahlungen habe leisten müssen, es findet sich auch noch ein zu Dortmund erlassenes gedrucktes Sauvegarde-Patent des Schwedischen Feldmarschalls von Knyphausen vom Jahre 1633.

Anno 1628 dem ohngeachtet wurde im Jahre 1628 der hiesige Richter Wilstack von 40 Soldaten in der Nacht weggeholt, und als er sechs Wochen nachher wiederkam, erfuhr man, daß er sich bei dem Grafen von Styrum mit 300 Rthl. auslösen und 200 Rthl. Zehrung bezahlen müssen.

Anno 1632 war hier der Kaiserliche General Pappenheim mit 3000 Mann und marschierte auf Cöln. Diesem General scheint man auch starke Contribution bezahlt zu haben, weil der hiesige Schulrektor Hasenkamp notiert hat, daß er für das Pappenheimsche Volk, zu Dortmund liegend, im Jahre 1633 habe 5 1/2 Rth. habe beitragen müssen.

Anno 1633 am 1. November wurde ein Obrist Knyphausen mit 42 Compagnien hier einquartiert. Am 6. December kamen noch 6 Compagnien hinzu und blieben bis zum 18. December liegen. Dabei mußte die Stadt zu Abwendung eines ändern Corps an den Generalwachtmeister von Boinckhaus 500 Rth. bezahlen.

Anno 1634 passiert das Corps des Landgrafen von Hessen durch Amt Bochum und mußte dessen von hier verlangte Bewirtung mit Gelde abgekauft werden. Eodem anno 112) passiert der Kayserliche General von Fürstenberg hierdurch mit 9 Regimentern, welche bei Ruhrmanns Hof durch die Ruhr ritten.

Anno 1635. Auch im folgenden Jahr 1635 der zur protestantischen Partei ge­hörige Obrist von Wendt mit 3 000 Mann die Stadt wieder besetzen wollte, und die Bürger durch die vielen vorherigen Kriegslasten und Drangsale fast zur Verzweiflung gekommen waren, da ihnen sowenig das Schwedische Sauvegarde-Patent als die bezahlten Neutralitätsgelder zur Schonung gedient hatten, so protestirten sie gegen den Einmarsch dieser Truppen und schlössen ihre Thore. Der Obrist von Wendt brauchte Gewalt und ließ auf die Stadt schießen, allein die Bürger wehrten sich aus ihren Thürmen mit ihren Doppelhaken und schössen über 300 Soldaten todt, während die Belagerung elf Tage währte.

Der damalige Prediger Wilstack vermittelte am 12ten Tage eine Art von Capitulation , wornach die Bürgerschaft für die todtgeschossenen Soldaten eine Brandschatzung von 3 000 Rth. zahlen und dazu mehrere Stadtsgründe, besonders die ansehnlichen Eickener Höfe verkaufen mußte. Von dem bey dieser Belagerung der Stadt zugefügten Schaden findet sich noch ein auf Requisition des Raths vom Churfürstlichen Richter aufgenommenes Doku­ment, und bei Gelegenheit der vor vier Jahren zum Wegebau gesuchten Bruchsteine fand man unterm Wege vorm Heggerthore verschiedene Menschenknochen in der Erde; wahrscheinlich Überbleibsel jener erschossenen Soldaten.

Eine vorherige Catastrophe des Fanatismus, der diesen traurigen Krieg herbeiführte, findet sich auch in den Notizen des Rector Hasenkamp aufbewahrt. Der Schultheiß von Lüzzenrath zu Clyff, Patron der hiesigen ersten Pfarre, jedoch Catholischet Religion, mochte es bei dem damals herrschenden Verfolgungs­geiste mit Ärgernis angesehen haben, daß seine Hofesleute sich zur Augsburgischen Konfession bekannten, und schon seit dem Jahre 1551, wo Erasmus Wiesemann erster Lutherischer Prediger war, in ihrem kirchlichen Zustande so ruhig fortlebten .

Von den Zeitereignissen begünstigt und von eigenem Fanatismus verleitet, kam er am 1. Oktober 1628 in Begleitung eigener und Pfalz-Neuburgischer Trabanten hierher, ließ die Kirchentür einschlagen, nahm von der Kirche Besitz und Übertrug die erste Pfarrstelle dem Priester Otto von Wattenscheidt, und mehrere Vicarien an seinen Haußcaplan zu Clyff.

Die bestürzte evangelische Gemeinde fand bei der Annäherung papistischer Soldaten, und da ihr Hauptvorstand, der Richter Wilstack, kurz vorher gefänglich weggeführt war, nicht tätlich, sich dieser Gewalt mit Gegengewalt zu widdersetzen. Die beiden lutherischen Prediger, Maercker und Weithoff verlegten deshalb vorerst Ihren Gottesdienst nach dem geräumigen Stadtweinhause, wo sie am nächsten Sonntag, als der Schultheiß mit seinem Capellan zur Begräbnisfeier des ChurfUrsten nach Düsseldorf gereist war, Ihren Gottesdienst feierten und 900 Communicanten das Abendmahl austeilten.

Die fernere Ausübung dieses Gottesdienstes wurde aber gleich darauf bei großer Strafe untersagt, und erst auf Weihnachten 1629 wurde die ledig stehende lutherische Kirche, bei Annäherung protestantischer Kriegsvölker, von dem Prediger Maercker wieder in Besitz genommen, der jedoch drei Wochen nachher starb. Das bedeutende in der Kirche verwahrte Archiv soll bei jener Kirchen Occupation vorkommen und, wie der seelige Prediger Natorp erzählte, nach Deutz gebracht seyn.

Die Bürger haben sich mehrmals durch Anhänglichkeit am Herrscherhause aus­gezeichnet, ohne auf ungünstigen Erfolg Rücksicht zu nehmen. Beim Ausbruch des siebenjährigen Krieges, wo der König die hiesige Provinz nicht schützen konnte, und unser Hammsches Regiment von Quadt zu der nach Sachsen vordringenden Armee zu eilen befehligt wurde, gingen mehrere Bürgersöhne freiwillig zur Fahne dieses Regiments und halfen auf der das Schlachtfeld von Lowositz beherrschenden Anhöhe die ungarischen Grenadiere mit Kolben herunterschlagen, welches zum glücklichen Ausgang der Schlacht sehr viel beitrug.

Als nach der Schlacht von Minden bei der Retirade der Franzosen das hier aufm Hause Clyff placirte französische Lazareth mit einer ansehnlichen Kasse auf Langenberg zueilte, und das Gerücht erscholl, daß die Preußischen schwar­zen Husaren bereits in Bochum wären, um dieses Lazareth mit seinem ansehn­lichen Depot zu erhäschen, machten sich mehrere hiesige Bürger hinter dieses Lazareth her, um solches aufzuhalten und den Husaren zu conserviren, was aber, weil der Magistrat die Folgen befürchtete, von diesem verhindert wurde. Kaum acht Tage nachher rückte ein Corps Franzosen von 6 000 Mann hierher, um die Stadt für jenen Frevel, weil man würcklich die Lazareth-Commissa irs thätlich angegriffen hatte, zu bestrafen. Die Stadt wurde der Plünderung preisgegeben und demnächst sollte sie verbrannt werden, indem man zugleich einen Wagen mit Pechkränzen mitgebracht hatte.

Die Stadt wurde ausgeplündert, allein das Verbrennen wurde dadurch verhin­dert, daß der edelmütige Kaufmann Wülfing zu Elberfeld den bei ihm logirenden französischen Marschall zu bewegen wußte, das Abbrennen der Stadt noch zeltig durch einen Courier zu contremandiren; Indessen wurden die beiden Bürgermeister nebst zwei Predigern und 2 andern Bürgern als Geisel mitgenommen, welche eine Brandschatzung von 6 000 Rthl. erlegen mußten, die der große König nach dem Kriege den Erben jener Geiseln, die das Geld negotiert hatten, aus seinen Kassen erstatten ließ.

Privilegia
Die Stadt ist von ihrem Landesherrn mit vielen vorzüglichen Freiheiten und Rechten von je her begnadigt worden, wovon die meisten Original-Documente der Sage nach im 30jährigen Kriege nach Deuz verbracht sein sollen, wovon aber der ehemalige Bürgermeister Striebeck in seinen Notizen einige Nachrichten aus Abschriften gesamlet hat:

  • 1. Der sogenannte Haldenplatz, worauf jetzt das Sprützenhaufl steht, in alten Zeiten Volberts Hoff genannt, war ein Asylum, worauf niemand, weder in Person noch an Gütern airetirt werden konnte, bestätiget von Engelbert G.v.d.Mark 1350
  • 2. Privilegium des Weinzapfs in und außer der Stadt, vom Grafen Adolf von der Mark, de anno 1406
  • 3. Privilegium: das Wegegeld zu Verbesserung der Wege, in und außer der Stadt zu erheben , de 1407
  • 4. Privilegium der Fleischhalle de 1420
  • 5. Privilegium über ein freies Wochen-Marckt und 5 Jahrmärkte, von Adolf Herzog von Cleve und dem Churfürsten Friedrich Wilhelm respective 119) de anno 1435, 1478 und 1682.
  • 6. Rescriptum confirmatorium über vorherige Privilegia vom Herzog Johann von Cleve de 1444.
  • 7. Privilegium der Zoll-Freiheit zu Unna von demselben 1470.
  • 8. Privilegium der großen Waage und Ausführung des Biers von ebendem­selben de 1478
  • 9. Privilegium über Kornaccise de 1486
  • 10. Privilegium der Jagdgerechtigkeit de 1495
  • 11. Privilegium, daß hier keine Juden geduldet werden sollen, von Herzog Johan von Cleve de 1498
  • 12. Confirmatio privilegorum desselben von 1522
  • 13. dito von Herzog Wilhelm de 1640
  • 14. Confirmttloni-Patent aller vorherigen Privilegien und Rechte vom Churfürsten Friedrich Wilhelm dato Cleve den 26. Octobrli 1689
  • 15. Privilegium der Städtischen Jutisdictlon de 1667
  • 16. Confirmatio aller Privilegien vom Churfürsten Friedrich Wilhelm den 3ten, de 30, Octobris 1689
  • 17. Confirmatio simllis von Friedrich Wilhelm, König in Preußen, subdato Berlin, den 25. Octobris 1713


Öffentliche Gebäude
a) die Lutherische Kirche
Sie war sehr alt. Aus ihrer Größe ließ sich die Bevölkerung der Vorzeit in hiesiger Gegend ablesen. Sie wurde endlich zu klein und zu baufällig, weshalb sie vor circa 10 Jahren mit Beibehaltung des alten Turmsäulen-Werks und der Seitenmauern ganz neu erbaut werden mußte, bei welcher Gelegenheit der damalige, allgemein geliebte Prediger Zimmermann der Gemeine durch seine Sorgfalt und Betriebsamkeit sehr nützlich war.

Dieser Kirche gehörte die steinerne Ruhrbrücke, die ganz alt, und wegen ihrer öfteren Beschädigung durch Eisgänge ganz baufällig geworden ist. Nach einer Bemerkung des ehemaligen Bürgermeisters Striebeck soll Graf Engelbert von der Marck diese Brücke im 14. Seculo der Kirche geschenkt haben. Wo die Urkunde geblieben? weiß man nicht.

Der um diese Kirche herumliegende Kirchhoff oder Gottesacker wurde schon vor 10 Jahren bei der Volksvermehrung zu klein, weshalb schon in der letz­ten vorherigen Zeit mit der Asche unserer Voreltern ein so heilloses Spiel getrieben wurde, daß jeder nicht Gefühllose weit lieber draußen am Wege oder in einsamen Tale, als bei dieser vom Spaden des Todtengräbers hin und her geworfenen Gemeine zu ruhen wünschte. Da der Tod ohnehin sehr vielen eine trostlose Erscheinung ist, so war es klug und menschlich, dieses Endziel alles dessen, was für die Sterblichen Bedeutung hat, durch Verlegung an eine geräumige offene Lage außerhalb der Stadt, auch etwas freundlicher und festlicher zu gestalten.

Diese wohltätige Metamorphose gelang unserm vorigen Bürgermeister, jetzigen Landrichter Rautert. Eine Umgebung von schönen Pappeln, denen man ohnehin wegen ihrer Zypcessenform bei den Gräbern so gern ihre Stelle finden läßt, zieret diesen ernsten Vorhof des Schattenreichs, und auf dem ebenfalls mit schönen Pappeln besetzten alten Kirchhofe mitten In der Stadt hauch et nicht mehr des Grabes Leichenduft.

b) die reformierte Kirche
Diese steht im sogenannten Krämersdorfe. Dieser zwischen dem Marckt und der Weilstraße befindliche Teil der Stadt war vor dem 30jährigen Kriege von begüterten Bürgern, Kaufleuten und vielen Krämern bewohnt, wovon er auch den Namen hat.

Hier wohnte auch der größte, zum Clever Hofe mit 14 Malter Korn zins­pflichtige Bürger Cord Kuhweide, der ein großes Weinhaus unterhielt. Da dieser in gedachtem Kriege zu Grunde ging, und laut eines im reformierten Kirchen-Archiv noch vorhandenen gerichtlichen Documents vom Jahre 1640 dessen ansehnliche Grundstücke, als 36 Morgen Landes im Bachwards Felde - jetzt im Lüninge genannt - nebst der Koppelweide und dem Bredenscheider Hofe in seiner Gläubiger Hände gerieten, so wußte der Schult­heiß von Syberg zu Clyff diese Pertinentien des Kuhweider-Hofes-Guts hernächst vor und nach wieder an sich zu ziehen. Späterhin kam dieser Clever Hoff nebst dem Schultheißen -Amt ex cessione der von Sybergschen Erben an den Christen von Heiden, der zugleich Herr von Clyff und Bruch war. Dieser hatte den reformierten Glaubensgenossen auf Bruch eine besondere Kapelle zum Gottesdienste eingeräumt. Da sich diese aber sehr vermehrten, so übergab er ihnen das verfallene Weinhauß, um davon eine eigene Kirche zu bauen, welche auch im Jahre 1717 und folgende Jahre zu Stande gekommen ist.

Nach Absterben des Obristen von Heiden kam zwischen seinem Erben, dem geheimen Rath von Heiden, und dem immittelst mit dem Clever Hofe ex nova gratia belehnten geheimen Rath von Aussen im Jahre 1736 ein Ver­gleich zu Stande, worin besonders ausbedungen wurde, daß die Collaturl der reformierten Pastorat künftig alleine dem Hause Bruch verbleiben solle, welches dieses Patronatrecht auch seitdem ausgeübt hat.

c) Die catholische Kirche
Als nach dem 7jährigen Kriege die Bevölkerung der Fabrikanten In dem Ber­gischen Wuppertal so sehe zunahm, daß die Lutheraner der dortigen Gegend sich eine eigene Kirche auf dem Wupperfelde zu bauen wünschten, so ward gegen die Vergünstigung dazu von Seiten des Churfüsten zu Pfalz den hiesigen catholischen Einwohnern von Friedrich dem Großen das von jenem ver­langte Reciprocum bewilligt, hieselbst eine catholische Kirche bauen zu dürfen, wodurch diese Kirche im Jahre 1784 entstanden ist, und wobei die Lutheraner auf Wupperfeld vermöge besonderer Bedingungen 500 Rth. zum Ankauf des hiesigen Pfarrhauses und noch ein Capital von circa 166 Rth. zum Pastoyatfond herzugeben verpflichtet waren.

Der erste von dieser neuen Gemeinde berufene Prediger war der Vicarius Ort­mann aus Cöln; der zweite der von der Fürstin zu Essen pensionirte geheime Rath von Jaquemotte, der zum Ankauf eines Pastoratsgartens ein Geschenk von 500 Rth. von einem unbekannt gebliebenen Wohltäter beförderte; der dritte ist der jetzige Prediger Marckmann, bei dessen Anstellung die Vicarie zu Stalleicken mit dieser Pfarrei verbunden worden ist.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch