Aus dem ARCHIV: Das Hattinger Wegegeldprivileg (1407)

Zu den bedeutenden Privilegien, die der Stadt Hattingen schon früh von den Landesherren verliehen wurden, gehörte auch das Recht, auf den durch das Stadtgebiet führenden Wegen eine Benutzungsgebühr zu erheben. Der erste Stiftungsbrief, der dieses wichtige Privileg erwähnt, ist im Jahre 1407 von dem damaligen Grafen Adolf von der Mark ausgestellt worden und besagt, daß die Bürger von Hatneggen für alle Waren, die auf ihren Wegen befördert wurden, eine Gebühr von 2 Pfennig Geld, wie es in Hattingen gebraucht wurde, von dem jeweiligen Wagen erheben durften. Für alle Güter, die aus der Stadt herausgeführt wurden, erhob man dagegen nur die Hälfte der Gebühr. Die auf diese Weise vereinnahmten Gelder durften von Hattinger Bürgern nur für die Befestigung ihrer Stadt und die Besserung der Verkehrswege benutzt werden.

Dieses Recht des Wegegeldes ist in den folgenden Jahrhunderten von den Landesherren wiederholt für die Stadt Hattingen bestätigt oder erneuert worden, und noch aus dem vergangenen Jahrhundert liegen im Stadtarchiv umfangreiche Aktenbände vor, die uns über die praktische Handhabung der Wegegelderhebung in den verschiedenen Zeiten innerhalb des Stadtgebietes berichten. Danach haben Bür­germeister und Rat schon in den ältesten Zeiten eine ganz glückliche Lösung der Wegegeldeinziehung gefunden. Sie verpachteten diese an einen Bürger der Stadt und erhielten monatlich den ersteigerten Pachtzins, ohne viel Mühe aufwenden zu müssen. Die Verpachtung geschah öffentlich an den Meistbietenden und wurde meist für die Dauer von sechs Jahren vergeben. Natürlich mußte der Pächter eingesessener Bürger sein und hatte für das erworbene Recht eine Bürgschaft zu stellen. Auf diese Weise war der Magistrat aller besonderen Kosten durch Gestellung eines Wegegeldeinnehmers enthoben und Unterschleife konnten nicht vorkommen. Es ist bezeichnend, daß seitens der Stadtverwaltung diese Form der Gebührenerhebung gegen alle anderslautenden Maßnahmen der Regierung erfolgreich ver­teidigt wurde. Im Jahre 1801 wurde zwangsweise von der Domänenkammer in Hamm die Verpachtung des städtischen Wegegeldes verboten und die Erhebung durch die Stadt selbst verfügt. Aber im folgenden Jahre konnte durch die bedeutend geringeren Einnahmen eindeutig nachgewiesen werden, daß die ursprüngliche Form der Einziehung doch die bessere sei, und man griff wieder auf sie zurück.

Die Pachtsumme schwankte in den einzelnen Jahren und richtete sich ganz nach den wirtschaftlichen Verhältnissen. Als der Hattinger Markt im ganzen Gebiet an der mittleren Ruhr noch eine bedeutende Rolle spielte, waren die Einnahmen an Wegegeld ganz erheblich, sie gingen mehr und mehr zurück als andere Märkte in der Nähe an Bedeutung gewannen. Um die Wende des 18. Jahrhunderts betrug der ersteigerte Pachtbetrag für das Jahr immerhin noch 244 Reichstaler. Diese Summe mußte von dem Wegegeldpächter herausgewirtschaftet werden und noch mehr dazu, denn er wollte doch auch verdienen.

In den ältesten Stiftungsbriefen über das verliehene Privileg waren einzelne Gebührensätze für die verschiedensten Waren nicht angegeben worden. Im Laufe der Zeit hatte sich aber eine Art Tarif herausgebildet, der zwar nicht eindeutig festgelegt worden war, und der sich bestimmt auch jeweils nach den wirtschaftlichen Verhältnissen gerichtet hat. Um die schon erwähnte Zeit waren folgende Sätze gebräuchlich: Für Güter, die in die Stadt hineingeführt wurden, zahlte man je Malter Weizen, Roggen, Gerste, Bohnen, Erbsen und Samen 5 Stüber, wenn sie auf dem Markt verkauft wurden. Dagegen betrug die Gebühr für Korn, das an die hiesigen Bäcker geliefert wurde, nur 4 Stuber für die gleiche Menge. Für jedes Pferd, das die städtischen Wege passierte, erhob man eine Gebühr von 6 Pfennigen. Wenn es allerdings zum Verkauf auf den Markt gebracht wurde, erhöhte sich der Betrag auf 3 Stüber 9 Pfennig. Bei Kühen und Ochsen erhob man je Stück 6 Pfennig bzw. 1 Stüber. Der Tarif für einen Wagen betrug 2 Stüber 6 Pfennig und für eine Karre 1 Stüber 3 Pfennig.

Jeder Bauer oder Händler, der die Straßen der Stadt mit diesen toten und lebenden Gütern benutzte, hatte unaufgefordert die genannte Gebühr zu entrichten. Versuchte er durchzuschlüpfen, so wurde er in eine ganz empfindliche Strafe genommen, die bis zu 10 Reichstaler betragen konnte. Von dieser verhängten Strafe erhielt der Wegegeldpächter den vierten Teil. So konnte Unterschleife kaum vorkommen, denn der Einnehmer paßte doppelt auf. Dennoch blieben Beschwerden und Eingaben der Pächter an den Magistrat nicht aus. Oft hatten diese darüber zu klagen, daß die von ihnen ausgestellten Wegegeldscheine am Tore von den Schreibern nicht eingezogen wurden, so daß der Passant beim nächsten Male den gleichen Schein wieder vorzeigen konnte. Auch sind in den vorliegenden Akten häufig Eingaben der Pächter an den Magistrat um Herabsetzung des angesteigerten Pachtzinses zu finden. Das war vor allen Dingen in normalen Zeiten der Fall. Traten unsichere Verhältnisse durch Ein­rücken fremder Truppen in das Hattinger Gebiet ein, dann wurde der Markt der Stadt nur wenig oder gar nicht beschickt, und der Ausfall an Wegegeld war ganz erheblich. Mehrfach wurde auch über den schlechten Zustand der in der Nähe der Stadt vorbeiführenden großen Verkehrsstraßen geklagt, so über die mangelhafte Betriebsfähigkeit der Landstraße von Herzkamp nach Heisingen und des Gahlenschen Kohlenweges zur Zeit der Franzosenherrschaft.

Während durch das Wegegeld der Stadt Hattingen eine beträchtliche Einnahmequelle zufloß, waren die Bürger selbst von diesen Gebühren fast ganz befreit. Nur von den Waren, die aus der Stadt geführt wurden, mußte eine kleine Gebühr entrichtet werden. Dafür waren aber alle Güter, die die Bauern von auswärts an die Bürger der Stadt selbst lieferten, nicht abgabepflichtig.

Die Hattinger haben das wichtige Privileg des Wegegeldes Jahrhunderte hindurch wohl behütet und alle Anmaßungen und Unterschleife fremder Kaufleute stets streng bestraft.

...

Christian Hartmann: Hattingen-Historisch