Aus dem ARCHIV: Geschichte - Markttag Anno 1596

Über dem Tale der Masebecke in Holthausen heben sich die Frühnebel eines klaren Septembertages. Da holpert über den schmalen Fahrweg vom Hofe auf dem Wimpelberge her ein klobiger Bauernkarren. Hinten im Kasten liegt ein Bündel Felle, vorn sitzt der Bauer Derik mit seinem kleinen Sohne, dem kleinen Hoferben Henrik. Der Vater will heute auf dem Markt in Hatneggen Felle verkaufen und da­für allerlei nützliche Dinge für den Hof einhandeln. Zum ersten Male ist Klein Henrik mit dabei. Er kann die Zeit kaum erwarten, bis sie die Stadt erreicht haben.

Im Tale des Welpebaches biegt der Braune von selbst in den Feldweg ein, der am Schierholz vorbei in die Hatnegger Feldmark mündet. Er ist schon oft diesen Weg getrottet, daß er ihn nicht verfehlen kann.

Vor dem Heggertore herrscht reges Leben. Mehrere Bauernkarren halten da. Sogar ein großer Wagen mit vier Rädern und mit einem grauen Laken bespannt ist dabei. Henrik hat solch einen Wagen noch nie gesehen. Fremde Laute vernimmt er. Die Männer, die den Wagen begleiten, tragen ganz andere Wämser als sein Vater. Der erzählt ihm, daß es fremde Händler sind, die wichtige Waren nach Hat­neggen bringen, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Aber die meisten Bauern sind mit Bündeln, Kör­ben und Karren gekommen und möchten in die Stadt hinein. Torhüter und Torschreiber haben alle Hände voll zu tun. Was in die Stadt hineingebracht wird, muß genau geprüft werden, denn es wird mit einem Torgeld belegt. Auch Derik vom Wimpelberge muß für seine Felle einige Albus zahlen, (1 Hatnegger Gulden = 26 Albus,1 Albus = 9 Heller.)

Als der Bauernkarren durch das Tor über den holperigen Steinbelag rumpelt, da will den kleinen Hen­rik fast die Angst packen. Die Gassen sind eng und düster. Er ist froh, als der Braune in den Hof einer Schenke einbiegt und dort angebunden wird. Der Junge muß auf dem Karren sitzenbleiben. Der Vater will erst einen Platz auf dem Markt ausmachen, wo die Felle zum Verkauf ausgelegt werden können. Bald kommt er zurück und hebt mit seinen starken Armen das Bündel herab. Nun darf Henrik mitkom­men. Als sie den Marktplatz erreichen, schallt ihnen lautes Rufen und Schreien entgegen. Der Markt hat schon am frühen Morgen begonnen. Bevor sie den Platz betreten, muß der Vater seine 6 Albus Ge­bühren zahlen. Nun dürfen sie hinter das dicke Seil treten, das den Marktplatz an dieser Seite abgrenzt. Einer der vier Marktordner, die der Rat der Stadt bestellt hat, weist ihnen den Platz an, wo der Bauer sein Bündel ablegen kann. Damit stehen sie unter dem Schutze des Marktbannes. Wehe dem­jenigen, der ihnen den Verkaufsplatz oder gar die Ware streitig machen wollte! Der Landesherr selbst wacht über den Frieden des Hatnegger Marktes.

Männer mit großen Schurzfellen haben gleich mit dem Vater ihr Geschäft begonnen. Es sind Lohgerber aus der Stadt. Sie kaufen von den Bauern Kuh- und Kalbfelle, um in ihren Lohgruben Leder daraus zumachen. Der Bauer vom Wimpelberge bringt immer gute Häute auf den Markt, das wissen die Gerber. So wird Derik bald seine Ware los. Er hat dazu noch einen besseren Preis bekommen als seine Nachbarn links und rechts von ihm. 3 Gulden und einige Albus hat er für ein Kuhfell und 1 Gulden für ein Kalbfell erhandelt.

Henrik blickt staunend in das Gewoge all der fremden Menschen. So viele hat er noch nie beisammen gesehen. Da sind Handwerker in groben Kitteln und derben Schürzen, die prüfend die Ware mustern. Bürger in feinen Röcken schreiten würdevoll daher. Es sind sicher Ratsherren der Stadt. Manchmal sieht er auch einen Edelmann; er trägt einen Federbusch am Barett und ein Lederkoller um das Wams. Aber Waffen darf niemand tragen. Das verbietet das Marktrecht. Zank oder gar blutiger Streit könnten das geschäftige Treiben stören. Nun geht der Vater mit ihm in das Gewoge der Bauern und Handwerker, Händler und Fuhrknechte hinein und erklärt ihm all die Dinge, von denen er die meisten nie gesehen hat. Am Stande der Meßmacher (Messermacher) verweilen sie besonders lange. Die blitzenden Klingen und spiegelblanken Werkzeuge und Schnallen leuchten in der Sonne und locken manchen Käufer an. Sie sind in den Werkstuben der Handwerker angefertigt worden und nehmen von hier aus ihren Weg weit ins Land hinein. Daneben hält ein Händler blankes Geschirr und Zaumzeug für die Rosse der Burgmannen feil. Beim Settier (Sattler) nebenan kauft der Vater neues Lederzeug für den Braunen und einige kräftige Stricke für die Rinder daheim im Stalle.

Nun stehen sie vor dem großen neuen Rathaus, das die Bürgerhäuser hoch überragt. Vor 20 Jahren ist es erbaut worden, die Zahl 1576 auf einem Eichenbalken sagt es. Und doch nennen die Bürger es noch stolz das neue Rathaus. An der Seite des Torbogens hängt der mächtige Eisenbalken der großen Stadt­waage, auf der das Gewicht aller verkauften Waren nachgeprüft wird. Hier haben die Salzhändler ihren Platz, und die aufmerksamen Marktordner wachen genau über den Verkauf der wichtigen Ware. Salz kann man auch auf dem Hof auf dem Wimpelberge nicht entbehren; darum muß Derik auch da­von ein Säckchen kaufen. Die Mutter wird sich freuen; heute ist das Salz besonders weiß. Bei den Pech- und Tranhändlern hat der Vater auch noch zu tun. Wenn der Winter kommt, müssen alle Geräte und Geschirre gut eingefettet werden. Er kauft so viel davon, wie die beiden eben tragen können. Schwerbeladen sind sie bereits, aber nun denken sie noch an die Daheimgebliebenen. Bei den Tuchhändlern erwirbt der Vater ein buntes Wolltuch für die Mutter und bei den Bäckern zehn feine weiße Wecken, wie sie nicht alle Tage zu haben sind.

Auf dem Hofe der Schenke, wo der Braune geduldig wartet, rüsten einige Bauern schon zum Aufbruch. Der Vater aber will noch ein Stündchen verweilen. In der Schenke kann man rasten und sich an einem kühlen Trunk erfrischen. Lautes Stimmengewirr schlägt den beiden entgegen, als sie in die niedrige Schenkstube treten. Fast alle Tische sind besetzt, nur im Ofenwinkel ist noch Platz. Henrik darf seinen Hunger an einem der feinen Stadtwecken stillen; gegen den Durst hilft das süße Honigbier.

An den schweren Eichentischen sitzen Burger und Handwerker der Stadt, aber auch fremde Männer, die nur einen Tag in Hatneggen weilen und morgen mit ihren Planwagen weiterziehen. Da gibt es für den Vater manche Neuigkeit, die nicht bis zu dem stillen Hof auf dem Wimpelberge in Holthausen dringt.

Ein alter Mann mit weißem Haar tritt ein und nimmt an dem Tisch im Ofenwinkel Platz. Er ist ein Loher, an den der Altvater des Bauern schon Kuhfelle verkauft hat. Bald wird eifrig erzählt und ge­fragt. Für den kleinen Henrik ist manches neu, was der Alte aus früheren Zeiten berichtet. Mit Stolz und Freude verkündet er, daß an dem heutigen Markttage wieder mehr fremde Händler in Hatneggen waren als beim letzten Male. Ja, in seiner Jugendzeit war das noch ganz anders. Da reichte der Platz an den Hallen, wo nun das Rathaus sich erhebt, für den Markt gut aus. Nun aber wird der große Markt­platz fast zu klein. Aber vor vielen Jahren, von denen ihm der Großvater erzählt hat, da konnte man von einem richtigen Markt in Hatneggen noch gar nicht sprechen. Nur wenige Händler und Bauern brach­ten ihre Ware. Oft erschienen plötzlich fremde Kriegsmänner, oder Strauchdiebe und Gesindel überfie­len die Kaufleute und raubten die Waren. Wenn sich die Bürger zur Wehr setzen wollten, wurde ihnen der rote Hahn aufs Dach gesetzt. Das waren schlimme Zeiten. Aber da nahm sich der Landesherr der Bürger von Hatneggen an und gab ihnen das Marktrecht. Von nun an hatten alle, die unter dem Markt­bann handelten, den Schutz des Grafen.

Derik vorn Wimpelberge und der kleine Henrik haben den Erzählungen des Mannes aufmerksam zuge­hört. Nun müssen sie aber doch an den Heimweg denken. Der Braune im Hofe wiehert laut, denn im­mer mehr Gefährte verlassen die schmale Einfahrt. So packen sie denn ihre erhandelten Waren auf den Karren und führen das Pferd am Halfter durch die Gassen nach dem Heggertore zurück. Hier muß der Vater noch einmal Torgeld zahlen. Auch für die Sachen, die in der Stadt gekauft wurden, erhebt der Torschreiber im Namen des Rates eine Gebühr. Draußen besteigen sie ihren Karren und lenken den Braunen heimwärts. Als die Glocke des ersten Marktordners das Ende des Markttages ankündigt, sind Vater und Sohn schon weit draußen vor der Stadt. Henrik wird seinen Geschwistern daheim manches erzählen, was er auf dem Hatnegger Markt gesehen und gehört hat.

...

Christian Hartmann: Hattingen-Historisch