Aus dem ARCHIV: Hattinger Gildewesen im Mittelalter

Die mittelalterliche Entwicklung Hattingens von einer bäuerlichen Siedlung zu einem städtischen Gemeinwesen von beträchtlicher Bedeutung ist wesentlich beeinflußt worden von den Gilden und Zünften, die maßgeblich an der Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeit beteiligt waren.

Rings um den jetzigen Kirchplatz von St. Georg, wo nachweislich schon um 900 eine Täuferkapelle gestanden hat, die weithin als kultureller Mittelpunkt im Lande an der mittleren Ruhr galt, hatten sich schon früh Händler und Handwerker niedergelassen, die den durchreisenden Fremden die notwen­digsten Bedürfnisse des täglichen Lebens boten. Im Laufe der Jahrhunderte zogen immer mehr Bauern des platten Landes in den Bannkreis der geschützten Siedlung am Gotteshaus, wo neben einem gesicherten Lebensunterhalt auch die Freiheit winkte.

Die Grafen von der Mark erkannten bald die günstige Lage des Kirchdorfes Hattneggen, das seinen Namen von dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Reichshof ableitete, und verliehen ihm neben den Stadtrechten im sogenannten Festungsvertrag des Jahres 1396 manche anderen Privilegien,, die es zum wichtigsten Markt- und Handelsplatz an der Westgrenze der Grafschaft Mark machten. Seine wirtschaftlichen Beziehungen reichten bald weit ins Land hinein und bis auf alle bekannten Märkte im westeuropäischen Raum.

Naturgemäß lag der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung Alt-Hattingens beim Handel; Kaufleute und Händler bildeten in seiner Bevölkerung von jeher die führende Schicht. Ihre große Bedeutung im Wirtschaftsleben jener Zeit erhellt daraus, daß schon im Kirchdorf Hattneggen eine Münze der Grafen von der Mark lange Jahre hindurch Hattinger Geld mit den Zeichen der Landesherren prägte, das auch auf anderen Märkten der damaligen Zeit "gang und geve" war.

Die steigende Bedeutung Hattneggens als Handelsplatz und Sitz eines vielseitigen Handwerks machte bald eine organisatorische Erfassung aller mitwirkenden Kräfte notwendig und führte zu einer wohldurchdachten Ordnung und Lenkung der gesamten Wirtschaft in der städtischen Gemeinschaft, deren befruchtende Wirkung auf allen Gebieten des bürgerlichen Lebens Alt-Hattingens zu spüren war.

Diese organisatorischen Maßnahmen fanden ihren praktischen Ausdruck in den Ordnungen der Gilden und Zünfte, die mehrere Jahrhunderte hindurch maßgeblich mitgewirkt haben an der Gestaltung der Geschichte ihrer Vaterstadt.

Als am Ende des 14. Jahrhunderts neben dem Handel auch das Handwerk in der Stadt immer mehr an Bedeutung gewann, sah man sich seitens der Obrigkeit gezwungen, die Interessengebiete der einzelnen Berufsgruppen streng voneinander zu trennen und besondere Vorschriften und strenge Verordnungen für jede einzelne Gruppe zu erlassen, deren Übertretung und Mißachtung mit empfindlichen Strafen geahndet wurden.

Die Gründungsurkunde der ersten Gilden, datiert vom 2. Februar 1412 lautet in neu­hochdeutscher Übertragung: "Wir, Bürgermeister und Rat der Stadt Hattingen, bekennen und bezeu­gen in diesem offenen Briefe, daß wir mit einmütigem Willen und Einverständnis unserer sämtlichen Bürger beschlossen haben, in unserer Stadt Hattingen Gilden einzurichten zur Beständigkeit und Stetigkeit unserer Festung und Stadt und haben das getan mit Rat und Wissen unseres Amtmanns und unseres Richters, also daß in unserer Stadt drei Gilden sein sollen in folgender Weise:

Die Kaufleute und Bäcker, und die mit solcher Hantierung umgehen, sollen eine Gilde haben. Die Fleischhauer, Loher und Schuhmacher, und die von solcher Hantierung sind, sollen eine Gilde haben. Die Schmiede und Schröter, und die von solcher Hantierung sind, sollen eine Gilde haben. Eine jegliche Gilde soll zu Hattingen in der Kirche eine Kerze bekommen, die zur Ehre Gottes und zur Stetigkeit der Leute brennen soll. Wenn jemand von der Gilde stirbt, dem soll man die Kerze zu seinem Begräbnis anzünden. Darum haben wir beschlossen, wenn jemand nach dieser Zeit mit uns in Hattingen wohnen und sich mit einer Hantierung niederlassen will, die in einer der Gilden enthalten ist, so soll er die fragliche Gilde folgendermaßen gewinnen:

Ist er Kind eines Hattinger Bürgers, so soll er die Gilde gewinnen mit 2 Schilling und einem Pfund Wachs. Das Wachs soll an den Kerzen brennen, wie vorstehend ernannt ist. Das Geld mag jegliche Gilde für sich behalten und anlegen, wie es nützlich erscheint. Jede Gilde mag auch zwei Mitglieder erwählen, die behalten und bewahren, was der Gilde nützlich sei, und die wegen der Gilde Rat erteilen, was die einzelnen zu tun haben. Was jeglicher Gilde Hantierung ist, das sollen sich die anderen nicht unterstehen und versuchen auszuüben, sie haben denn die Gilde vorher gewonnen, unter einer Strafe von einer Mark, die wir dazu beschlossen haben zum Nutzen der Stadt, wie es bereits in anderen Städten gehalten wird.

Hierbei waren zugegen Arndt von den Scheppen, Henrich auf dem Weinhaus und Johann Overwech, Bürgermeister zu Hattingen zur Zeit, Hentze Frone, Arndt im Fronhof, Litze zu des Grafen Haus, Henrich Steinbecker, Werner zum Kiele und weiter unsere sämtlichen Bürger. Wir, Arndt von den Scheppen, Richter, und Henrich auf dem Weinhaus, Bürgermeister, haben dies bestätigt und bezeugt mit unserm Siegel, das wir an diesen Brief gehängt haben.

Unter diesen ersten Gilden war die der Kaufleute und Bäcker die vornehmste und bedeutendste. Ihr wurden später auch die Bierbrauer angeschlossen, deren Gewerbe in Hattingen zeitweise eine besondere Bedeutung erlangte. Die beiden nachgenannten Gilden waren stark von der ersten abhängig. Vom 16. Jahrhundert an wurde auch das Tuchmachergewerbe in der Stadt verstärkt betrieben. Alle diejenigen, die mit dem Herstellen, Schneiden und Verarbeiten des Tuches beschäftigt waren, drängten auf eine eigene Berufsorganisation. So entstand schon vor 1606 die Tuchmacherzunft und end­lich als letzte im Jahre 1767 die Zunft der Feintuch- oder Miscellanmacher.

400 Jahre lang haben die Gilden das städtische Leben grundlegend gestaltet. Über ihren Aufbau, ihr Wirken für das wirtschaftliche Leben und auch über ihren Einfluß auf das politische und kulturelle Geschehen in jener Zeit läßt sich aus ihrem Nachlaß nur bruchstückartig einiges zusammenstellen. Leider ist der größte Teil der Bücher und Urkunden unserer Hattinger Gilden nicht mehr vorhanden. Mehrere Gildebücher, die sich in Händen von Nachfahren der letzten Gildemeister befanden, sind bei einem Bombenangriff auf die Stadt Hattingen im letzten Kriege dort verbrannt, eine Tatsache, die erst mehrere Jahre nach dem Geschehen in Hattingen bekannt wurde. Im Stadtarchiv Hattingen befinden sich lediglich nur die wichtigsten Bücher der Kaufleute und Bäcker und ein kleiner Band mit Satzungen der Schuhmacherzunft. Außerdem enthalten die Verwaltungsakten mehrere Stücke über die Auflösung der Gilden und Zünfte und deren Vermögensverhältnisse am Anfang des vergangenen Jahrhunderts.

Wenn im folgenden nach den vorhandenen Archivalien in der Hauptsache die Geschichte der Krämer- und Bäckergilde dargestellt wird, so ist damit im wesentlichen jedoch der Aufgabenkreis dieser mittelalterlichen Berufsorganisation überhaupt umrissen.

Über das Wirken der Gilden in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens ist wenig überliefert worden. Schriftliche Aufzeichnungen liegen jedenfalls nicht vor. Außer dem Gründungsprotokoll vom Jahre 1412 sind nur die Gildeartikel der Krämer und Bäcker als älteste Urkunde bekannt, die am 11. Mai 1571 aus einzelnen älteren Büchern und Schriften zusammengestellt wurden. In etwa 20 Verordnungen legte man die Rechte und Pflichten der einzelnen Gildemitglieder genauestens fest. Diese wurden dann im Laufe der Jahre durch neue Verordnungen ergänzt oder auch aufgehoben.

Wie in dem Protokoll des Jahres 1412 ausdrücklich betont worden war, mußte jeder Bürger, der irgendeine gewerbliche Beschäftigung betrieb, Mitglied der Gilde sein. Damit wurden praktisch alle Bürger der Stadt erfaßt, ausgenommen nur einige, die Bauern geblieben waren und deren Höfe inner­halb der Stadtbefestisung lagen. Besonders der östliche und südliche Teil des Stadtinneren bewahrten ihren ehemals bäuerlichen Charakter am längsten. Das umfangreiche Gebiet von der heutigen unteren Heggerstrasse bis hin nach der Emsche wurde beispielsweise von dem Kellergut ausgefüllt, auf dessen Gründen sich nach und nach Handwerker und Kaufleute ansiedelten. In die Gilde wurden nur sol­che Personen aufgenommen, die bereits das Bürgerrecht gewonnen hatten. Bürgersöhne wurden meist bevorzugt, und diese entrichteten auch weniger Gebühren als die von auswärts zugezogenen Bewerber. Nach den oben erwähnten Artikeln, vom Jahre 1571 verlangte man von jedem, der als Mitglied aufgenommen werden wollte, nicht nur eine Legitimation als Bürger der Stadt, sondern auch den Nachweis, daß er "echt und recht" geboren war. Diese Bestimmung blieb Jahrhunderte hindurch in Kraft, und noch vom Jahre 1738 liegt ein "Hamnger Geburtsbriet" vor, in dem auf eine ähnliche Bestimmung in dem königlichen Patent für alle Innungen und Zünfte in Preußen Bezug genommen wird. Ebenso mußte er sich vorher verehelichen und als sichere Grundlage seines Fortkommens Haus und Hof erwerben. Bürgersöhne zahlten dann bei der Aufnahme 1 Goldgulden, 1 Pfund Wachs und besondere Gebühren für die Gildemeister. Alle anderen mußten die doppelte Summe entrichten. Wer die Rechte der Gilde schon vor seiner formellen Aufnahme genießen wollte, zahlte auch für diese Zeit die vollen Gebühren. Händler und Kaufleute, die sich die Vorteile der Gilde ohne Erlaubnis zunutze machten, vor allem Fremde, die zum Markt nach Hattingen kamen, wurden in Strafe genommen und mußten 1 Ohm Keuth und 1 Pfund Wachs zahlen. Auch diese Buße wurde später in Geld erhoben, wie man überhaupt als Richtsätze für Pacht, Gebühren, Strafen und dgl. die Erzeugnisse des Bodens zu­grunde legte und danach jeweils nach deren Wert einen entsprechenden Geldbetrag einsetzte.

Während die Krämer bei der Aufnahme ihrer Gildemitglieder weiter keine Bedingungen stellten, war es bei den Handwerkern anders. Hier mußte der Bewerber im Beisein der Gildemeister und der beiden ältesten Gildebrüder eine Probearbeit anfertigen, deren Gelingen die Erteilung oder Ablehnung des Aufnahmeattestes entschied. Dieser Prüfungsausschuß erhielt von dem Bewerber eine genau festgeleg­te Gebühr. Wurde die Arbeit als ungenügend verworfen, so mußte der Bewerber zusätzlich noch eine beträchtliche Geldbuße in die Gildekasse zahlen, deren Höhe je nach den Zeitverhältnissen schwankte, manchmal aber eine ziemlich hohe Summe ausmachte.

Diese strengen Maßstäbe, die bei der Aufnahme zugrunde gelegt wurden, bewirkten einen sauberen Aufbau der einzelnen Gewerbezweige und verhinderten das Eindringen von Pfuschern und Nichtskönnern. Zudem bedeuteten sie einen Schutz für die ansässige Bevölkerung, wenn auch später die Bestimmungen in dieser Hinsicht gelockert und oft sogar fremde Spezialhandwerker, z. B. Färber und Glasmacher, in die Stadt geholt wurden. Manchmal liest man auch bei Neuaufnahmen den Vermerk "Auf sonderliches Begehren des Gildebruders N. N.".

Bürgerrecht und Gildemitgliedschaft waren zu allen Zeiten fest miteinander verbunden. Wer durch irgendeine strafbare Handlung die Gilde verlor, wurde auch sofort seines Bürgerrechtes verlustig. Nach einer gewissen Zeit der Bewährung konnte er beide nach den geltenden Bestimmungen erneut gewinnen. Verließ ein Bürger die Stadt und verzog mit seiner Familie an einen anderen Platz, so mußte er sich nach der evtl. Rückkehr in die Heimat erneut um die Aufnahme bewerben. Diese Fälle sind recht häufig verzeichnet, besonders in den unsicheren Jahren während des Dreißigjährigen Krieges. Die Aufnahmegebühr richtete sich ganz nach den Zeitverhältnissen und nach der Zahl der Anwärter. Es gab Jahre, in denen ganz bedeutende Summen erhoben wurden, um die Mitte des 13. Jahrhunderts sogar bis 10 Taler je Bewerber. Die eigentlichen Aufnahmekosten flössen in die Gilde­kasse, während die Wachsgelder besonders verwaltet wurden. Aus diesem Fond bestritt man neben der Beschaffung von Kerzen und neben der Unterstützung der Hilfsbedürftigen auch die Auslagen für den Gildediener. In den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts erhob man auch noch eine besondere Gebühr für Entleih des großen Gildelakens, das als Bahrtuch bei Beerdigungen diente. Die hohen Anschaffungskosten dieses Tuches lassen auf seinen besonderen Wert schließen. Bei späteren Aufnahmen mußten die neuen Gildemitglieder zusätzlich einen Beitrag für dieses Prunkstück entrichten.

Die Mitglieder der Gilden nannten sich untereinander Bruder, wie es auch bei den kirchlichen Brüder­schaften des Mittelalters der Fall war. Sie genossen alle die gleichen Rechte. Jährlich wählten sie die beiden Gildemeister, von denen der eine die Kassengeschäfte führte, während der andere die Be­achtung der Vorschriften und Weisungen seitens der Kaufleute und Handwerker überwachte und die Gilde in Rechtsfällen vertrat. Nach Ablauf eines Jahres schied jedesmal einer der beiden aus, und ein anderer wurde an seine Stelle gewählt, neben diesen beiden Armen gab es noch das des Gildedieners, der Botengänge und sonstige Obliegenheiten gegen eine maßige Gebühr erledigte. Meist erhielt er zusätzlich noch im Laufe des Jahres ein Paar Schuhe. War kein Bewerber für dieses Amt vorhanden, so mußte der zuletzt aufgenommene Gildebruder nach den geltenden Verordnungen diese Pflichten so lange wahrnehmen, bis eine geeignete Person gefunden war. Der Gildediener war auch für die Einziehung der verhängten Strafen verantwortlich, und erst bei Zahlungsverweigerung wurde seitens des Rates der Stadt der Stadtdiener mit der Zwangsvollstreckung beauftragt.

Die Gilden verfolgten im Handel und Gewerbe der Stadt eine Hebung ihres beruflichen Einsatzes und eine Steigerung des handwerklichen Könnens. Danach waren auch die Vorschriften zugeschnit­ten, die alle Mitglieder gleicherweise peinlichst genau befolgen mußten. Übertretungen wurden mit Geldstrafen belegt, in schweren Fällen sogar mit Ausschluß. Den Bäckern war z. B. der Ver­kauf ihrer Backwaren ausserhalb des Hauses nur an dem dafür vorgeschriebenen Platz unter dem Bildnis des Leidens Christi auf dem Kirchplatz gestattet. Wer an einem anderen Ort seine Brote verkaufte, muste mit Einziehung der zum Kauf angebotenen Waren zum Nutzen der Stadtarmen rech­nen. An Sonn- und Feiertagen war überhaupt jeglicher Verkauf untersagt. Ebenso war das Herstel­len von Backwaren zum Feilbieten für andere, die nicht der Gilde angehörten, streng verboten. Alle diese Vergehen zogen eine empfindliche Strafe nach sich, etwa die Zahlung von 1 Pfund Wachs, 1 Ohm Keuth oder 1 Gulden.

Um den Vertrieb der einheimischen Erzeugnisse außerhalb der Wochen- und Jahrmärkte sicherzustel­len, war den auswärtigen Händlern bei Gefahr der Beschlagnahme ihrer Ware und Bestrafung das Lagern der nicht verkauften Gegenstände innerhalb der Stadt nicht gestattet. Häufig liest man in den jährlichen Rechnungsprotokollen von Strafbeträgen, die sich auf solche Fälle beziehen, wo Felle, Korn, Kleesamen, Salz und dgl. verbotswidrig gelagert worden waren.

Auch der Verkauf außerhalb des Bannkreises der Stadt durch Mitglieder der Gilden unterlag diesen Vorschriften. So mußte beim Hausieren draußen auf dem platten Lande die Genehmigung dazu bei den Gildemeistern eingeholt werden, und zwar jährlich jeweils aufs neue. Man wollte auf diese Weise den Hattinger Markt festigen, indem man die Bewohner der umliegenden Landbezirke zwang, beim Kauf begehrter Waren selbst in die Stadt zu kommen.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts machte sich eine empfindliche Beschränkung der Salzzufuhr in Hattingen bemerkbar. Sofort griff die Krämergilde ein und regelte Ankauf und Vertrieb dieser wichtigen Ware, um Preissteigerungen zu vermeiden. Eine Kommission von vier Gildebrüdern ordnete in Zukunft das Salzgeschäft, kaufte ein und verteilte die genau festgesetzten Mengen an die Verbraucher.

Auch die Gestellung der Ordner für die städtischen Märkte war Sache der Gilden. Diese übten Polizeigewalt aus und sorgten nicht nur für pünktlichen Beginn und ordnungsgemäßen Schluß der Marktzeit, die durch Glockenschläge angekündigt wurde, sondern sie prüften auch die Qualität der zum Verkauf ausgelegten Güter und die Höhe der festgesetzten Preise. Alle Waren wurden vorher genauestens kontrolliert, und wer andere einschmuggeln wollte, tat das unter Gefahr hoher Strafen bei Ausschluß vom Hattinger Markt. Fast immer liest man in den Jahresprotokollen die Anmerkung über empfindliche Strafen besonders aus diesem wichtigen Aufgabengebiet der Gilden. Auf diese Weise lenkte man das wirtschaftliche Leben in der Stadt in geordnete Bahnen und sorgte mit Unnachsichtigkeit und Strenge für seinen normalen Verlauf, unterband die Hortung wichtiger Gebrauchsgüter und verhinderte willkürliche Preistreiberei.

Jährlich fand ein sogenannter Pflichttag statt, an dem neben der Jahresabrechnung wichtige Angelegenheiten der Gilde besprochen wurden. Dann war Feiertag für die ganze Stadt. An diesem Tage durfte nicht gearbeitet werden. Alle Betriebe und Läden blieben geschlossen. Schon tags zuvor wur­de das Innere der St.-Georgs- Kirche festlich hergerichtet. Morgens fand ein allgemeiner Festgottesdienst statt, an dem jeder Gildebruder mit seiner gesamten Familie und allen Bediensteten teilnehmen mußte. Wer fernblieb, wurde laut Verordnung in Strafe genommen. Orgelkonzerte und gesangliche Darbietungen der Schuljugend umrahmten die Feier. Der Bedeutung des Tages entsprechend wirkten im Gottesdienst zwei Pfarrer mit, die für ihre Bemühungen ein besonderes Entgelt erhielten. Am Nachmittag fand dann am gleichen Ort die Pfhchtversammlung aller Gildebrüder statt. Dabei legte einer der beiden Gidemeister die Jahresabrechnung vor, die von den anwesenden Bürgermeistern der Stadt anerkannt und unterschrieben werden mußte. Einnahmen und Ausgaben wurden im Laufe des Jahres genauestens aufgeschrieben und wichtige Vorkommnisse vermerkt. Waren Mißstände eingetreten, so wurde ein Beschluß herbeigeführt, der die fraglichen Gildeartikel änderte. Solche Bemerkungen finden sich häufig unter den jährlichen Abrechnungen. Anschließend schritt man zur Neuwahl oder Wiederwahl der Gildemeister. Der Spätnachmittag und Abend blieben ganz dem geselligen Beisammensein vorbehalten. In den ältesten Zeiten fanden diese Festlichkeiten im Hause eines Gildemeisters statt, später benutzte man dazu die große Stube im Rathaus am Untermarkt. Streng achtete man darauf, daß nicht Zank und Streit die Feier störten. Auch das war in den Artikeln festgelegt. Wer sich gegen einen Gildebruder mit Worten verlief, d. h. ihn beleidigte, mußte eine Geldbuße entrichten, wer gar handgreiflich wurde, hatte mit dem Verlust der Gildemitgliedschaft zu rechnen. Allerdings hielt man sich in Zeiten eines besonderen Wohlstandes nicht zu sehr an diese Vor­schriften gebunden. In solchen Jahren weisen die Rechnungen bedeutende Summen für Speisen und Getränke auf, bis eingesehen wurde daß die Schlemmereien am Gildetag oft ins Uferlose stiegen und einschneidende Maßnahmen ergriffen werden mußten, um die eingetretenen Mißstände abzustel­len. Betrugen doch die Ausgaben nur für diese Zwecke oft 100 Gulden und mehr. In der Folgezeit ver­legte man diese Gelage auf den Vorabend des eigentlichen Gildetages unter dem Vorwand, die Qualität des Bieres prüfen zu müssen, bis auch dieser Brauch zur Unsitte wurde und ein abermaliges Einschreiten notwendig machte.

Die Vermögensverhältnisse der Gilden gestalteten sich jeweils nach den Zeitläufen ganz verschieden. Im allgemeinen läßt sich aber immer ein ziemlicher Wohlstand feststellen. Man war bestrebt, keinen großen Reichtum anzusammeln und die im Rechnungsjahr vereinnahmten Gelder nach Abgeltung der laufenden Verpflichtungen regelmäßig am Gildetag zu verbrauchen. Das waren manchmal ganz beträchtliche Summen. Im Jahre 1625/26 beispielsweise machte der Überschuß aus: 277 Gulden, 3 Albus und an Wachsgeld 3 Gulden, 6 Albus. Immerhin blieb aber noch ein ansehnlicher Betrag übrig, der anderen Zwecken zugeführt werden konnte. Mancher Bürger der Stadt lieh ein Kapital bei seiner Berufsorganisation, und selbst der Rat der Stadt mußte in Notzeiten auf die Gilden zurückgreifen. Viele Jahrzehnte hindurch hatten die vier größten Gilden der Stadt auch eine bedeutende Viehweide in der Stadtfeldmark gepachtet, um auf diese Weise den Viehhaltern innerhalb der Stadtmauern genü­gend Futter für ihre Kühe und Ziegen zu verschaffen.

An Mobilien waren die üblichen Gegenstände vorhanden, die nach der Auflösung zu Anfang des 19. Jahrhunderts in der Hauptsache in den Besitz der letzten Gildemeister übergingen. Dazu gehörten vor allen Dingen die Truhen und Gildebücher. Die Kaufmanns- und Bäckergilde besaß noch das bereits erwähnte Bahrtuch, das aus dickem schwarzem Stoff hergestellt war und feine Stickereien aufwies.

Das Verhältnis der Gilden untereinander war in der ältesten Zeit recht gut. Man grenzte durch die be­stehenden Artikel die Interessengebiete der einzelnen Berufsgruppen scharf gegeneinander ab und sorgte dafür, daß so ihre Lebensrechte gewahrt wurden. So durfte niemals ein Bürger in eine Giide auf­genommen werden, solange er noch Mitglied einer anderen war. Damit erzielte man eine gewisse Stetigkeit in den einzelnen Gewerbezweigen und verhinderte das für das wirtschaftliche Leben der Stadt nachteilige Umsatteln und Doppelverdienen. Die Herstellung der Gebrauchsgüter oblag allein den handwerklichen Gilden, die später auch als Zünfte bezeichnet wurden, während die Kaufmanns- ­und Bäckergilde den Vertrieb der Waren besorgte. Als aber der Hattinger Wochen- und Jahrmarkt immer größeren Umfang annahm und die Einnahmen der Kaufleute die der Handwerker bei weitem übertrafen, erweckte das oft mühelose Einkommen der Krämer den Neid der Handwerker, und Übergriffe in die Rechte der Kaufmannsgilde waren häufig an der Tagesordnung. Wiederholt kam es zu Prozessen, und mehr als einmal mußten vor dem Hattinger Richter die Rechte und Befugnisse der einzelnen Gilden erneut festgelegt werden. Bemerkenswert ist der Prozeß der Tuchmacher gegen die Kaufleute im Jahre 1630. Diese beschwerten sich, daß die Kaufleute Lermeper und sogar englische Tuche auf dem Hattinger Markt verkauften und damit ihrem Gewerbe empfindlichen Schaden zufügten. Künftig mußten sich die Krämer dazu bequemen, nur noch Hattinger Tuche am Platze an den Mann zu bringen. Die einheimische Tuchfabrikation erfuhr durch diesen Entscheid natürlich einen beachtlichen Aufschwung. Zu einer weitgehenden Beschwerde aller Gilden gegen die Kaufleute kam es auch gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Man beklagte sich bei der preußischen Regierung über den hohen Verdienst der Kaufleute gegenüber den Handwerkern, da sie doch keinerlei Unkosten bei der Ausübung ihres Gewerbes aufzuwenden hätten und dazu nicht einmal eine vorgeschriebene Ausbildung nachweisen müßten. Die von den städtischen Handwerkern bezogenen Waren bekämen sie ausschließlich nur auf dem Wege des Tausches, so daß den Herstellern oft großer Schaden erwuchs. Die Gilde der Kaufleute hatte sich im Laufe der Zeit infolge ihrer bevorrechtigten Stellung weitere Sonderrechte angemaßt. So war es üblich geworden, daß alle die Handwerker, die sonst nicht erfaßt werden konnten, von der Kaufmannsgilde aufgenommen wurden. Man ging sogar soweit, die Ausbildung von Lehrlingen zu gestatten. Das war der Fall bei den Färbern, von denen es in Hattingen immer einige gab, und auch bei den Strickern und Glasern. Die Kaufleute waren ihrerseits eifrig bemüht, die in der Stadt fehlenden Handwerker heranzuziehen, um die ausfallenden Waren für den Markt nicht von auswärts heranholen zu müssen. Nicht nur aus Essen, Soest oder Köln kamen diese Spezialisten, sondern oft von weither, wie z. B. der im Gildenregister aufgeführte Färber Hans von Salzburg.

Die Bedeutung der Gilden für das Wirtschaftsleben der Stadt Hattingen im Mittelalter erkennen wir in den streng organisatorisch aufgebauten Einrichtungen, die auf gesunder Grundlage standen und die wirtschaftliche Entwicklung Hattingens in natürlichen Bahnen hielten. Die Gilden überwachten die Preise der Waren und duldeten kein Unterbieten, sie sorgten für eine solide handwerkliche Erzeugung der Gebrauchsgegenstände und lenkten eine sorgfältige Nachwuchsauslese. Unlauterer Wettbewerb war ausgeschlossen. Durch ihr Wirken wurden Handel und Gewerbe ganz den bodenständigen örtlichen Verhältnissen angepaßt und die Bevölkerung vor dem Ankauf von Schund und Ramschware bewahrt. Das Handwerk war fest im Heimatboden verwurzelt und fand reiche Betätigung in der Befriedigung der Bedürfnisse unserer heimischen Bevölkerung. So ist es zu erklären, daß das Können der Meister des Mittelalters schließlich über das Alltägliche hinauswuchs und in mancher Beziehung des Wortes zur Kunst wurde. Davon zeugen die prächtigen Schmiedearbeiten an den alten Bürgerhäusern, Schlösser und Beschläge an Truhen und Türen, geschmiedete Zunftzeichen, Gitter- und Fensterschmuck u.dgl. mehr.

Was aber besonders die Kaufmannsgilde in wirtschaftlicher Beziehung für die Vaterstadt bedeutete, das geht aus mancher Notiz in Urkunden und Aktenvermerken hervor, wenn von Handelsbeziehungen in die entferntesten Städte und zu den bedeutendsten Märkten die Rede ist. Hattinger Kaufleute lieferten z. B. im Jahre 1630 eine beachtliche Menge Wolle aus der hiesigen Gegend nach Köln. Andere waren in den Jahren 1617 bis 1621 mit Eisenwaren auf den Messen in Frankfurt und Worms vertreten, und noch im Jahre 1787 gingen nach einem Bericht der Stadt Hattingen für 11220 Reichstaler Erzeug­nisse dieses wichtigen Gewerbezweiges außer Landes. Vom Jahre 1631 wird ein lebhafter Handel mit Pferden und Leinsamen erwähnt. Im 16. Jahrhundert bezog Bochum von diesseits der Ruhr Wachs, Fische und Kohle. Gemeint ist wohl die Holzkohle, die in den Meilern des südlichen Berglandes gebrannt wurde. Hattinger Handelsbeziehungen lassen sich im Mittelalter nachweislich bis nach Frankfurt, Prag, Nürnberg, Worms, Straßburg, Wien, Hamburg, Bremen und anderen Städten, sogar bis nach Sieben­bürgen verfolgen. Im Jahre 1554 zählte Hattingen zum Kölner Quartier der Hanse.

Die führende Stellung des Hattinger Marktes unter den übrigen der Umgegend ergibt sich aus der Tat­sache, daß viele Jahre hindurch Hattinger Maße und Gewichte dort bekannt und gebräuchlich waren, und "Hattnegger courant" galt als gute Münze. Hier wurden auch meist höhere Preise erzielt. Erst durch die Verleihung des Marktrechtes an die Stadt Wirten, etwa 240 Jahre nach dem Hattinger Markt­privileg im Jahre 1435, als die Verkehrswege in hiesiger Gegend immer mehr vernachlässigt wurden, konnte Hattingen nicht mehr Schritt halten mit anderen Orten, die in dieser Beziehung besser gestellt waren.

So hatte sich die ehemalige Bauernsiedlung Hattneggen im 14. und 15. Jahrhundert zu einer Stadt der Kaufleute und Handwerker entwickelt. Den größten Teil der Bevölkerung machten zu allen Zeiten die Gewerbetreibenden aus. Während in den ersten Jahrhunderten der Stadtgeschichte die Kramer in der Überzahl waren, wurden im 18. Jahrhundert durch fördernde Maßnahmen der preußischen Re­gierung die Tuchmacher führend. Ein Verzeichnis der Einwohner im sogenannten Hattneggenschea Catastrum führt die Gewerbetreibenden auf, die in dieser Zeit hier ansässig waren. An der Spitze stehen die Tuchmacher. Es sind aufgeführt 57 Tuchmacher, 9 Tuchscherer, 4 Tuchwalker, 7 Strumpfstricker, 2 Strumpfweber, 14 Leineweber und 4 Schneider. Insgesamt waren 102 Familien mit 106 Knechten bei der Herstellung von Textilwaren und deren Verarbeitung beschäftigt. Das machte bei einem Bevölkerungsstand von 335 Familien mit 1251 Personen etwa den dritten Teil der Bevölkerungszahl aus. An zweiter Stelle wird dann die Krämergilde mit 40 Familien genannt. Außerdem gab es noch 6 Schmiede, 12 Messerschmiede, 1 Klingenschmied, 4 Kupferschmiede, 23 Schuster, 3 Schuhflicker, 1 Sattler, 5 Drechsler, 2 Böttcher, 3 Glasmacher, 2 Barbiere, 3 Fleischer, 11 Bäcker, 13 Brauer und 4 Weinzapfer in der Stadt.

Nicht nur auf die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse übten die Gilden maßgeblichen Einfluß aus, sondern auch auf alle anderen Dinge des städtischen Gemeinschaftslebens. Das zeigte sich zunächst einmal bei der Stadtverwaltung. Jede Gilde wählte für die Zwölfer 2 Mitglieder, und die Bürgermeister waren meist Gildebrüder. Anordnungen und Sendboten an den Rat anderer Städte und an die Kanzleien der Landesregierung wurden vorzüglich von den Kaufleuten gestellt, waren diese doch weltgewandt und bei ihren Geschäftsreisen oft weit herumgekommen. Die Söhne der wohlhabenden Krämer bezogen die Hochschulen des weiten Landes, und mancher kehrte mit akademi­schen Würden heim, um in seiner Vaterstadt als Bürgermeister, Richter oder Notar tätig zu sein.

Auch für den Stadtsäckel sorgten die Gilden. Strafen für Vergehen gegen die vorgeschriebenen Artikel flössen zum dritten Teil in die Kämmereikasse. Das betraf nicht nur die berufliche Seite, sie übten auch in gewisser Hinsicht Polizeigewalt über ihre Mitglieder aus, indem sie Vergehen gegen Leib und Eigentum des anderen streng bestraften und für Zucht und Ordnung im Zusammenleben innerhalb der eng begrenzten städtischen Gemeinschaft sorgten.

Ein wesentlicher Einfluß ergab sich jedoch auch auf das gesellschaftliche und kulturelle Geschehen in der Stadt. Die Gilden brachten Wohlstand und oft sogar Reichtum in die Bürgerhäuser. Kaufleute und Handwerker konnten darum recht oft Verpflichtungen übernehmen, die über den Rahmen des täglichen Lebens hinausgingen. Davon zeugt zunächst einmal die Durchführung des Gildetages. Dann ließen es sich die Bürger etwas kosten und knauserten nicht. Sie sorgten für Gesang und Musik und unterstützten die Organisten und die Chöre. Auch an der Ausgestaltung der städtischen Bauten waren sie interessiert. Manches schöne Fachwerkhaus aus jener Zeit mit sinnvollen Verzierungen an Balken und Giebeln ist dafür ein augenfälliger Beweis. Für den Bau des Rathauses am Untermarkt im Jahre 1576 spendeten die Gilden eine beträchtliche Summe, und mehrere Male schenkten sie zur Ausschmückung des Cho­res von St. Georg ein gemaltes Glasfenster.

Recht beachtlich war auch die Fürsorge, die den Notleidenden der Stadt und darüber hinaus den ar­men, landfahrenden Leuten entgegengebracht wurde. Der ursprünglich für die Beschaffung von Ker­zen angelegte Wachsfond wurde bald zu einer Unterstützungskasse für die Armen, und mancher Albus half im Laufe des Jahres, Nöte und Sorgen zu beseitigen. Ein schöner Brauch wurde zu Anfang des 17. Jahrhunderts eingeführt, als man zum Weihnachtsfest für die Armen der Stadt einen Scheffel Weizen zu Weißbrot verbacken ließ und dieses dann in der Kirche am Heiligabend verteilte.

Auch Hilfesuchende von auswärts wies man nicht hartherzig zum Tore hinaus. In den Gildebüchern findet sich manche Notiz über Geld- und Sachspenden, schöner Beweis verständnisvoller Sozialmaßnahmen. Für die von Krieg und Seuchen geschlagenen Mitmenschen hatte man volles Verständnis, kannte man doch selbst diese Dinge aus eigenem Erleben zur Genüge. So wurden nach der Zerstörung Magdeburgs häufig "verbrannte Leute" aus dieser fernen Stadt in Hattingen verpflegt und mit Geldmitteln für die Weiterreise versehen. Im Jahre 1474 wurde auf Anregung des zeitlichen Pastors in Hattingen ein Gasthaus, das spätere Armenhaus, gebaut, das eine Zufluchtsstätte für alte Leute und Arme sein sollte. Die Mittel für den Bau wurden durch eine Kollekte zusammengebracht, und in der Folgezeit sind von den wohlhabenden Bürgern recht häufig namhafte Beträge zur Unterhaltung des Hauses gespendet worden.

Auch in anderer Beziehung ist das Wirken der Hattinger Gilden bedeutungsvoll. Wer in den alten Rechnungsbüchern der Krämer und Bäcker aufmerksam blättert, wird eine Fülle von Namen zu Gesicht bekommen, die heute zum großen Teil in unseren Bürgerlisten nicht mehr zu finden und. Die Gildebücher sind neben den Kirchenregistern der Stadt die ersten Urkunden in genealogischer Hinsicht, und die Schreibweise der Personennamen in alter Zeit wurde maßgebend für die Entstehung neuer Familiennamen. Es ist sehr aufschlußreich für den Forscher, die Veränderungen der Namen und die Entstehung ganz neuer Personenbezeichnungen zu verfolgen.

In der ältesten Zeit der Stadtgeschichte findet man Bezeichnungen, die auf den ehemals bäuerlichen Charakter der Siedlung Hattneggen schließen lassen, denn die hinter den Personennamen verzeichneten Hausnamen waren auch wirkliche "Haus" -Namen, denn sie dienten nur zur näheren Benennung der Herkunft des betreffenden Bauern und hafteten dem Hofe und nicht der Person an. Hannes im Keller war der Bauer auf dem Kellergut, dessen Nachfolger sich ebenso nannte, selbst wenn er nicht der leibliche Sohn des Vorgängers war. Diese Benennung der Bürger nach den Haus- und Hofplätzen behielt man zunächst in der wachsenden Stadtsiedlung bei. Der Handwerker, dessen Häuschen dicht am Stadttor lag, hieß "Getret vui der Poete", andere nannten sich "Wyllm op der Poete", "Jörgen vur dem Kirchhoff", "Bertram achter dem Choer", "Hermann up dem Plasse", "Bischen achter der Hal­len" u. m. Wichtiger aber ist die Benennung der Stadtbewohner nach ihrer Beschäftigung. Die Erforschung der Namen in dieser Hinsicht ist besonders interessant und bietet die Möglichkeit, nach dem Auftauchen der verschiedenen Namen den Beginn der einzelnen Gewerbezweige in der Stadt zu bestimmen. Namen wie "Sloet", "Sloetmeker" und "Meßmeker" geben nach ihrem ersten Auftauchen ziemlich genau die Zeit an, als sich die Klingen- und Messerschmiede in Hattingen niedergelassen haben. Die Bezeichnungen "Schroeder", "Kannegieter", "Koppersmyi", "Klinkhamer", "Schoemeker**, "Steenbicker", "Koetenbrower" (Bierbrauer) weisen die vielseitigen Berufe der Bürger im Mit­telalter nach. Als im 16. Jahrhundert die Tuchmacherei ebenfalls zu einem bedeutenden Gewerbe der Stadt wurde, da tauchten auch Namen auf, die ihre Entstehung diesem Handwerk verdankten. Es brauchen hier nur die Namen "Doekscherer", "Scherer**, "Scheer" und "Kratz" genannt zu werden. Die große Anzahl der Familien "Krämer", "Kremer", Märker" oder "Kopjann" unterstreichen die Bedeutung Hattingens als Markt- und Handelsplatz. Besaß doch beispielsweise die Familie Krämer in dem jetzigen Stadtteil Krämersdorf, der im letzten Kriege völlig zerstört wurde, ein umfangreiches Grundstück, auf dem sie nach und nach allein sieben Häuser erbauen ließ. Zugezogene Handwerker wurden meist einfach nach dem Ort ihrer Herkunft benannt. Die Namen "Suerländer", "Johan van Soest", "Henrik van Essen", "Tylman van Gerte, "Hans van Salzburg" u. a. deuten auf die Handelsbeziehunggen der Hattinger Kaufleute bis in entfernt gelegene Städte hin. Mit der raschen Zunah­me der Bevölkerung durch das aufblühende Handwerk reichten in manchen Fällen die bereits angeführten Gründe für die Bezeichnung der einzelnen Bürger nicht mehr aus. Die Söhne des Vaters, die alle das gleiche Handwerk ausübten, wurden oft mit dessen Namen genannt, indem man noch einen Vor­namen dazu setzte. So entstanden die Bezeichnungen "Arndt Jacobs", "Ruetger Peters, "Johann Coert", "Henrich Thonys", "Johann Werners", "Derick Jaspers", "Peter Alberts", "Wennernar Elberts' u. a.

In der Blütezeit des Gewerbes zogen oft Wohlstand und manchmal sogar Reichtum in die Bürgerhäuser ein. Das drückte sich nicht nur in den schönen Bauten aus, sondern auch in den bürgerlichen Hausmar­ken und Pitschaften, die sich mehrfach in Urkunden und Schriften der Bürgermeister und Ratsherren befinden. Auch diese Zeichen geben sinnvolle Deutungen über Beruf und Herkunft der Inhaber. Der in dem Hauszeichen der alten Hattinger Bürgerfamilie Schuhmacher deutlich herausgestellte Schuh beweist zur Genüge die ehemals berufliche Tätigkeit der ersten Träger dieses Namens in der Stadt,

Die Stetigkeit der Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens Hattingens im Mittelalter drückt sich fer­ner aus in der ununterbrochenen Folge ganzer Geschlechterreihe in dem gleichen Gewerbe über Jahrhunderte hinweg. Nach dem o. a. Register gehören Namen wie Hueser, Märker, Sintermann, Striebeck, Schuhmacher, Groiehusmann, Ibtng, Borchardt u. a. zu den ältesten Familien der Stadt, de­ren Nachkommen noch heute hier ansässig sind.

Mehr als 400 Jahre lang haben die Gilden das städtische Leben befruchtend gestaltet. Den Höhepunkt ihres Wirkens erreichten sie im 17. Jahrhundert, dann aber begann langsam der Verfall. Ihr Nieder­gang liegt in verschiedenen Zeiterscheinungen begründet. Zunächst machte sich bei vielen Gildemitgliedern ein überspannter, egoistischer Familiensinn bemerkbar, der sich ängstlich bemühte, die im Laufe der Zeit erworbenen Rechte innerhalb der städtischen Gemeinschaft an keinen anderen abzutreten. Die Aufnahme zugezogener Handwerker in die Gilde gestaltete sich darum immer schwieriger, dagegen wurden die ansässigen Meistersöhne ohne weiteres aufgenommen, auch wenn ihnen oft die notwendigen Voraussetzungen für den Beruf des Vaters fehlten. Wesentlich nachteiliger aber wirkte sich die Entwicklung des Handels und Gewerbes im Lande an der mittleren Ruhr im 18. Jahrhundert aus. Während sich die Hattinger Gewerbetreibenden im Jahre 1677 noch mit Erfolg gegen die Einrichtung des Herbeder Marktes hatten wehren können und mit ihrer eingehenden Beschwerde die Aufhebung des kurfürstlichen Privilegs für Herbede im Jahre 1689 erwirkten, konnten sie jedoch gegen den neu erstandenen Wittener Markt nichts ausrichten. Und dieser wirkte sich bald recht nachteilig auf die Hattinger Wochen- und Jahrmärkte aus. Veraltete Wegegeldordnungen trugen weiterhin dazu bei, daß immer mehr Käufer sich den neuen Märkten zuwandten. Eine Abwanderung der ehemals in Hattingen sehr stark vertretenen Krämer war natürlich die Folge.

Nachteilig wirkte sich auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der steigende Einfluß der Re­gierung auf das gewerbliche Leben aus. Der Preußenkönig Friedrich II. ließ durch seine Pläne in allen Landesteilen eingehende Untersuchungen ansteilen, um jede Möglichkeit auszuschöpfen, der Wohl­stand seiner Untertanen besonders nach den Wirkungen des Siebenjährigen Krieges zu heben. Mißstän­de wurden beseitigt und Neuerungen eingeführt. Schon gleich bei seinem Regierungsantritt hatte er sich durch das königliche Edikt vom 24.9.1740 in die gewerblichen Verhältnisse seiner Besitzungen im Westen des Landes eingeschaltet und bestimmt, daß zwar die Handwerker und Kaufleute ihre landesherrlichen Privilegien, die ihnen von alten her zugebilligt worden waren, auch weiterhin genie­ßen durften, künftig aber alle, die nicht im Besitz eines entsprechenden Lehnsbriefes seien, sich sofort zu melden hätten. Damit wurde den Handwerkern gewissermaßen zur Ausübung ihres Gewerbes die Losung eines Gewerbescheines zur Pflicht gemacht. Zwar lag es nicht in der Absicht der Regie­rung, die bestehenden Gilden zu beseitigen, vielmehr gab der König sogar seine Zustimmung zur Gründung der Miscellanmacherzunft in Hattingen im Jahre 1767, aber sie strebte eine gründliche Revision der bestehenden Gilde vor Schriften an und wollte den für das gewerbliche Leben schädlichen Einfluß gewisser Zunftfamilien und ihre Machtbefugnisse beseitigen. Wie sehr diese überspannt wor­den waren, beweist die Gildeverordnung des Königs vom 30.5.1767. Darin heißt es, daß diese Verordnung erlassen sei "zur möglichen Abhaltung aller bei den Gilden und Handwerkern von jeher ein­geschlichenen Mißbräuche und zur gänzlichen Abstellung der schädigenden Gewohnheiten". Diesen Geist atmeten auch die vom König genehmigten Gildeartikel der Miscellan- und Flanellmacherzunft des genannten Jahres. Danach mußten Gesuche um Neuaufnahme in die Gilde beschleunigt werden. Die Aufnahmegebühr durfte den Betrag von 6 Taler nicht überschreiten. Hiervon kamen 2 Taler in die Gildekasse, 2 Taler in die Stadtkämmerei, und 2 Taler sollten den Meistern zur Ergötzlichkeit dienen. Die Beschränkung der Aufnahme auf Meistersöhne war verboten. Fremden durfte man bei der Aufnahme keine höhere Gebühr als den einheimischen Bewerbern auferlegen. Auch war die Gildemitgliedschaft nicht mehr abhängig von der Erwerbung des Bürgerrechts. Alle Handwerker hatten ein Anrecht auf die Mitgliedschaft, alle, die in ihrem Beruf tüchtige Arbeit leisteten und das Probestück zur allgemeinen Zufriedenheit anfertigten ohne Rücksicht darauf, ob sie ihre Fertigkeit in zunftgemäßer Lehrzeit erworben hatten oder nicht. Bei der Aufnahme waren künftig alte Handwerksbräuche und damit verbundene "Plackereien" untersagt. Ferner wurde verboten, die Lehrzeit über Gebühr auszudehnen. Bei Annahme der Gesellen durfte von diesen kein Entgelt gefordert oder ein Unterschied zwischen zünftig oder nicht zünftig gemacht werden.

Aber alle diese Maßnahmen der Regierung vermochten nicht, die vergangene Blütezeit des Gilde-und Zunftwesens zurückzurufen. Ein freiheitlicher Geist war allerorts bestrebt, die starren Formen mittelalterlicher Abhängigkeit zu lösen und der Persönlichkeit und menschlichen Tatkraft freie Bahnen zu öffnen.

So bekam der Magistrat in Hattingen eines Tages eine Verfügung der Regierung, die die Auflösung der noch bestehenden Gilden und Zünfte in der Stadt anordnete. Etwaiges Vermögen dieser alten Berufsorganisationen sollte verteilt, vorhandene Schulden beglichen und die genaue Abrechnung einge­reicht werden. Bei der Auflösung zu Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden in Hattingen noch die Schmiede-, Tuchmacher-, Miscellanmacher-, Schuster- und Kaufmannszunft. Die Vermögenswerte waren unerheblich, die meisten Zünfte mußten sogar noch Schulden an einzelne Mitglieder begleichen. Von allen Zunftmeistern wurden die alten Truhen und Gildelaken abgeliefert, ebenso die Siegel und Bücher. Truhen und Laken wurden versteigert, der Erlös ergab nicht einmal einen Ausgleich mit den vorhandenen Schulden. Diese wurden in den folgenden Jahren teilweise noch von den Erben der letzten Gildemeister eingezogen. Die Mobilien kamen in Privathände und sind nicht aufzufinden. Bezeichnend ist ein Satz aus dem bei der Ablieferung dieser Dinge beim Magistrat aufgenommenen Protokoll aus dem Jahre 1812. Es heißt da, daß alle vorhin unterzeichneten Gildemeister namens ihrer Zünfte den einzigen Wunsch äußerten, daß ihnen die übergebenen Pateme, Reglements nach davon genommener Einsicht möchten zurückgegeben werden, weil auf dieselben ein ganz besonderer Wert gelegt würde, und diese besonders den Alten ein Heiligtum waren, welche sich gleichsam mit Tränen davon getrennt hätten als von heiligen Denkmälern des Altertums und ihrer Vorfahren.

Nachdem die Schlußabrechnung, deren Fertigstellung sich bis in das Jahr 1831 hinzog, der Regierung eingereicht und von dieser genehmigt worden war, schlössen sich die Akten über das Gildewesen der Stadt Hattingen. Eine neue Zeit brach an, und die Maschine begann ihren Triumphzug. Zwar entstanden später neue Berufsorganisationen, aber einen derart gestaltenden Einfluß auf das wirtschaftliche Geschehen ihrer Zeit haben diese niemals mehr erreicht, wie es ehemals die Gilden getan hatten.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch