Gerichtstag a.d. Schultenhof (1400), eine Geschichte

Durch den Hohlweg, in den der Pfad von der Ruhraue her in die erste Terrasse des Welper Berges einmündet, schreitet ein breitschultriger Mann rüstig vorwärts. Die schwielige Hand hält einen derben Stock und stößt ihn bei jedem Schritt kräftig auf den Boden; denn der Hohlweg ist steinig und gleicht eher einem Bachlauf als einem ordentlichen Weg. Klares Quellwasser fließt zu den Füßen des Wanderers, und eine angenehme Kühle weht ihm entgegen. In der Eye, der baumlosen Feldmark des Ruhr­tales, ist ihm warm geworden. Die Sonne nimmt noch einmal alle Kraft zusammen, bevor sie sich für Monate hinter dem dichten Wolkenschleier des winterlichen Himmels versteckt.

Der Bauer zu Scheppen verschnauft einen Augenblick, schaut den Weg zurück über die weite Eye und sieht jenseits des Flußlaufes, wo sich die Höhen nach Linden erstrecken, seine Hofesstatt liegen. Dort geht er seinem Tagwerk nach, bestellt die geringen Ackerbreiten, die seine Väter dem Walde abge­rungen haben. Nebenher versieht er den Dienst eines Fährmannes, wenn einmal ein Wanderer den Weg benutzt, der von jenseits der Ruhr in die Berge der Bauerschaft Welper-Holthausen führt. Dann wendet er sich, blickt in die Wipfel der mächtigen Eichen, die nun beide Seiten des Hohlweges um­säumen. Und er bückt sich, um mit der hohlen Hand aus dem "Springe" das frische Wasser der Deipenbecke zu schöpfen; sie hat hier ihren Ursprung und mündet nicht weit von seinem Gehöft in die Ruhr. Der Bauer zu Scheppen setzt seinen Weg fort. Bald erreicht er einen Hofesplatz, der augenblick­lich wüst liegt. Der Besitzer ist mit seiner Familie weiter hinausgezogen, um auf einem größeren Hofe als Tagelöhner zu werken. Die letzten Jahre haben den Bewohnern des Ruhrlandes doch zu viele Lasten gebracht. Graf Dietrich von der Mark, ein gar fehdelustiger Herr, wußte sich mit seinen Parteigängern an den oft spärlichen Erträgen bäuerlichen Fleißes wohl schadlos zu halten. Das kleine An­wesen erlaubt wirklich keinem Menschen mehr ein lebenswertes Dasein. Der Lehmbewurf der Wände ist herausgefallen; durch das mit Stroh und Ried gedeckte Dach dringen die Sonnenstrahlen bis auf den Lehmboden der kleinen Deele, der Schuppen ist vollkommen eingestürzt. Da läßt es sich als Knecht auf dem Schultenhofe über der Horst immer noch besser leben. Ja, die Zeiten sind schlecht - und was mag der heutige Tag erst bringen? Vor drei Tagen hat der Bauer von einem Knecht des Schultenhofes zu Hunsebeck Botschaft erhalten, die Hofesleute zu einem Gerichtstag zu laden; denn er versieht, wie seine Väter schon, das Amt des Fronen für den Herrenhof.

Unterdessen ist die Höhe erstiegen. Der Weg führt über ebenes Gelände; auch der Wald tritt zurück und gibt den Blick auf eine andere Hofesstatt frei. Hier wohnt Jörgen, der Bauer am Tye, den der zu Scheppen gut kennt. Hier kehrt mancher Wanderer ein, der von Linden oder von Stiepel her in die Berge geht und dort Geschäfte zu erledigen hat. Hier treffen aber auch Kriegsvölker und reisige Man­nen ein, wenn die Zeiten unruhig sind und Hof- und Deelentor fest verrammt werden müssen. An diesem Hofe befindet sich auch der Platz unter den mächtigen Eichen, wo die freien Bauern der Buerschop zum Gerichtstag zusammengekommen und über ihre Angelegenheiten gemeinsam beraten. Der heutige Gerichtstag auf dem Schultenhofe aber geht nur die Hofesleute an, die nach Hunsebeck Zinsen müssen. Jörgen am Tye steht schon an seinem Hoftor; er hat auf den Ankömmling gewartet. Bei sei­nem Besuch vor drei Tagen haben beide verabredet, gemeinsam auf dem Schultenhofe zu erscheinen. Ein kräftiger Händedruck und ein kurzer Gruß, und gleich tauschen sie in lebhaftem Gespräch ihre Vermutungen und Sorgen über das Ergebnis des heutigen Gerichtstages aus. Man kennt den alten Schulten zu genau, als daß man von ihm annehmen könnte, er werde die Verhältnisse zu seinen unterge­benen Bauern ändern. Zwar wurden die Lasten oft schwer, und mancher Bittgang zum Schulten hin mußte getan werden, um Ausstand für die fälligen Abgaben zu erreichen, aber der Schulte war im­mer ein wohlwollender Mann und hat nie den Herrn spüren lassen. Bedenklich stimmt dagegen die Aussage des Knechtes vom Schultenhofe, der Amtmann zu Blankenstein, der neue Ritter auf der Burg, werde in höchsteigener Person am Gerichtstage auf dem Hof erscheinen. Sollten grundlegende Ände­rungen in dem Verhältnis zum Schultenhofe eintreten? Nun, ändern konnte man die Dinge nicht.

Unter solch Ungewissen Gedanken und Meinungen sind die beiden durch das Waldstück hindurchgeschritten, das den Blick auf den Schultenhof verdeckte. Nun nähern sie sich der Hofesmauer, die fast in Mannshöhe den weiten Platz umgibt. Aus den Baumwipfeln ragen die Strohdächer des weitläufigen Hauses und der Scheunen und Schuppen hervor. Das schwere Eichentor ist heute weit geöffnet, das Eindringen von Landgängern oder Gesindel ist nicht zu erwarten. Die Nähe des Burgmannes hält lichtscheues Gesindel fern. Wie die beiden Wanderer den Hofplatz betreten, sehen sie, daß heute die Arbeit ruht. Morgen ist Sonntag, da hat man schon einen Tag früher die Geräte in den Schuppen gestellt. Einige Bauern sind bereits versammelt. Da ist der vom Molderpas, dessen Hofesstatt unweit der Stadt Hattnegge liegt, ferner der Bauer vom Hofe vorm Tye, der heute zum erstenmal auf dem Gericht er­scheinen darf, da sein Vater im Sommer verstarb. Dann der Bauer vom Gantenberge, oben aus den Bergen, wo der Welpebach herkommt, und noch einige Kolter. Sie stehen in einer Gruppe vor einem Schuppen und betrachten aufmerksam die platten Hacken, die zum Heethacken dienen, und einen neuen Pflug, dessen breite Schar vermuten läßt, daß mit ihm der Boden tief gepflügt werden kann. Ja, auf dem Schultenhofe gibt es immer etwas Neues zu sehen. Die beiden Ankömmlinge begrüßen die Anwesenden mit Handschlag und fragen nach Ernte und Viehbestand, Familie und Sippe.

Die Knechte und Mägde des Hofes blicken neugierig auf die Bauern; für sie ist heute Festtag. Manches kann erfragt werden von den Angehörigen daheim oder Verwandten draußen weit auf den weit verstreu­ten Hofesplätzen. Die Gelegenheit kommt nicht oft vor, daß von dem Geschehen da draußen eine solche Fülle von Berichten auf einmal gehört werden kann wie bei einem Gerichtstag. Der eine will et­was aus der Stadt wissen, der andere aus den Bergen hoch oben an der Markengrenze. Aber am meisten muß doch der Bauer zu Scheppen Rede und Antwort stehen; denn er kommt von jenseits der Ruhr und hat mit manchem Wanderer im Laufe des Sommers gesprochen. Doch seine Zeit ist bemessen, er hat ja den Dienst beim Gericht zu versehen. Noch bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, soll die Gerichtsverhandlung beendet sein, damit auch etwas Zeit bleibt für eine Stunde frohen Zusammenseins.

Eine Magd hat bereits die mächtigen Steinbänke unter der großen Eiche zwischen Wohnhaus und Scheu­ne gereinigt, doch der Gerichtsplatz muß nach altem Brauch noch umspannt werden. Ein kräftiges Seil wird um die Steine geschlungen, die die Gerichtsstätte in einem Halbrund umschließen, damit die Versammlung auch äußerlich durch nichts in ihrem wichtigen Tun beeinflußt werden kann. Das ist die Aufgabe des Hofesfronen. Er geht ins Haus, um die erforderlichen Geräte zu holen.

In der großen Stube des Wohnhauses sitzt der Bauer mit seinem hohen Gast, der schon vor geraumer Zeit eintraf. Es ist der Amtmann auf der Burg, Flörken van Eicken, der dort im Auftrage des Landesherrn, des Grafen Adolf III., das Regiment führt. Auf seinen Wunsch wurde dieses besondere Gericht angesetzt, um die Rechte und Pflichten zwischen dem Landesherrn, dem Schultenhof und seinen Hofesleuten für alle Zukunft schriftlich festzulegen. Bisher sind diese Dinge immer nur mündlich überliefert worden, wie es in alten Zeiten der Fall war. Nach und nach aber werden die Rechte des Landesherm immer größer, und die Fehdelust des streitbaren Dietrich hat viele Kosten und Lasten mit sich gebracht. Da kann kein Aufschub in der Zahlung der Zinslasten und kein Ausstand in der Ableistung der Dienste beim Schultenhofe geduldet werden, wenn dieser wiederum seine Pflichten dem Drosten gegenüber pünktlich nachkommen soll. Die Pergamentrolle liegt bereits auf dem Tisch, und der Schreiber, den der Amtmann mitgebracht hat, liest dem Schulten die wichtigsten Punkte vor, als der Hofesfrone in die Stube tritt und dem Schulten meldet, daß die Bank gespannt sei und die Geladenen der Eröffnung des Gerichtes harren.

Die drei Männer erheben sich von den schweren Eichenstühlen und schreiten hinaus über die große Diele durch das weite Tor den Steinbänken des Gerichtsplatzes zu. Ein Murmeln geht durch die Gruppe der wartenden Bauern, als der Schulte mit dem Ritter erscheint. Dieser hat sein bestes Gewand angelegt, um so die Bedeutung des Tages hervorzuheben. Merkwürdig erscheint den Anwesenden dies Bild: Ein Rittersmann neben einem Bauern! Und doch muß es eigentlich so sein; der starke Arm, der die Waffe zu führen hat, und der Landmann, der für Nahrung und Kleidung sorgt. Leider ist es nicht immer so gewesen, besonders nicht in den letzten Jahren der Fehden des Landesherrn. Vorerst ahnen alle in der Anwesenheit des Drosten nichts Gutes. Auf Weisung des Hofesfronen treten sie an ihre Plätze an den Steinbänken unter der Eiche. Sie setzen sich erst, als der Ritter den Ehrenplatz eingenommen hat und der Schulte, neben ihm stehend, die Weisung gibt, den Raum des Gerichts, der bereits von drei Seiten umspannt ist, vollends zu schließen. Nun bilden die Männer eine feste Gemeinschaft, fest gefügt durch die gemeinsame Arbeit am Boden und ihre Zugehörigkeit zum Schultenhofe, nun aber auch durch Strick und Stein sichtbar von der Außenwelt für die Zeit der Verhandlung abgeschlossen.

Der Schulte hebt die Hand. Alle stehen von ihren Plätzen auf. "Nach altem Recht und auf Weisung des Amtmanns, unsers gnädigen lieben Herrn, habe ich, des Erbhofes Schulze zu Hunsebeck, euch geboten zu diesem Gericht, um kundzutun den Willen unsers Herrn und seine Weisungen euch mitzuteilen. Hofesfrone, stelle deine Fragen!"

Der Bauer zu Scheppen tritt vor. Zu oft schon hat er die Fragen gestellt, ob Zeit und Stunde zur Ab­haltung des Gerichts recht seien. Die Anwesenheit des Ritters kann ihn in seinem Amt nicht unsicher machen. Er weiß die Reihenfolge der Namen der Bauern und Kötter, die am Gerichtstage erscheinen müssen, genau. Hell und klar klingt seine Stimme über den Platz, als er die Bauern einzeln aufruft. Laut und deutlich bekunden sie ihre Teilnahme. Ein Neuling ist unter den Hofesleuten, der Jungbauer vom kleinen Tye. Sein Vater hat im Sommer das Zeitliche gesegnet. An seiner Statt steht nun der Sohn hier und muß den Platz ausfüllen. Er wird ihn ausfüllen, wie es schon unzählige Ahnen vor ihm getan haben.

Unauffällig ist auch der Schreiber des Drosten, ein kleiner, unansehnlicher Mann, an die Seite des Schulten getreten. Er hat die Pergamentrolle auf den Steintisch gelegt. Neugierig starren die Bauern darauf. Schriftstücke sind ihnen bisher fremd gewesen, und alles Neue birgt etwas Geheimnisvolles und Feindliches in sich. Die Spannung aber wächst, als nun der Schulte wieder beginnt: "Was uns unser gnädiger Herr mitzuteilen hat, ist für alle Zeiten hier verzeichnet, und niemand wird es auslöschen".

Auf seinen Wink entrollt der Schreiber das Schriftstück und liest mit dünner Stimme den Inhalt vor.

"Im Namen unsers gnädigen, lieben Herrn, des Grafen Adolfen von der Mark, haben wir, des Grafen wohlbestallter Amtmann zu Blankenstein, und wir, des Erbhofen Schulze zu Hunsebeck, allen Hofes­leuten zu Hunsebeck folgendes kund zutun:

Zum ersten hat der Schultenhof zu Hunsebeck jetzt und für alle Zeiten einen Wagen zu stellen, wenn unser Herr zu Felde zieht. Die Hofesleute haben die Pferde dafür zu stellen, um das Kammergut des Grafen dahin zu bringen, wohin es immer nötig ist. Der Schulte hat Mann und Pferde auszuwählen. Der Schultenhof selbst soll dazu noch ein Pferd mit vollem Sattelzeug stellen. Damit ist der Hof mit allen seinen Unterhöfen frei."

Der Schreiber macht eine Pause. Ein Aufatmen geht durch das Häuflein der Bauern. Wissen sie doch, wie schwer die Jahre vorher waren, als der kriegslustige Graf Dietrich, der vor zwei Jahren vor den Toren der Stadt Elberfeld den Tod des Kriegmannes erlitt, ihre Hilfe über alle Maßen in Anspruch genommen hat. Da hat mancher von ihnen seine Arbeiten auf dem Acker nicht tun können, wenn der Befehl kam, die Pferde für einen Fehdezug des Grafen auf den Schultenhof zu schicken. Der Schulte wird in Zukunft schon eine gerechte Verteilung der Kriegsdienste seiner Hofesleute vornehmen, darü­ber können sie beruhigt sein.

Weiter liest der Schreiber: "Der Zins an den Schultenhof beträgt für einen schuldigen Bauern im Jahre zwei Schillinge Geld für jedes Schwein, das im Stalle des Bauern gemästet wird."

Das wird allerdings manchmal nicht so leicht sein, denken die Zuhörer. Bares Geld ist bei ihnen selten, zumal wenn schlechte Jahre wenig Ertrag an Korn und Mast des Waldes bringen, aber man wird ja sehen. ....

"Als Dienst auf dem Schultenhofe hat jeder vollschuldige Hofesmann ein Stück Land zu bestellen, auf das man zwei Scheffel säen kann. Dabei wird Brot und Bier vom Schulten gestellt. Dem Schulten steht ferner von allem gerodeten Land ein Teil zu, das als bestes Stück festgestellt wird."

Dafür hatten wir bisher auch schon gesorgt, denken die Bauern und sind sichtlich erfreut, daß ihre Ab­hängigkeit vom Herrenhofe nun für alle Zeiten sich in der Tätigkeit als Bauern auswirken soll. Bauern wollen sie sein, den Pflug und die Hacke führen, aber nicht Spieße und Hellebarden.

Der Schreiber hat noch mehr zu verkünden. Das ist aber für sie nichts Neues und schließt sie nur noch mehr an den Schulten und dessen Familie an. Sie fühlen sich ihm eng verbunden und halten es für selbstverständlich, daß er bei der Erbfolge auf einem Hofe ein Behandungsgeld erheben soll. Bisher haben sie jeweils nach ihrem Können gezahlt; nun soll die Gebühr für einen vollschuldigen Hof 15 Schillinge und für einen Kotier 8 Schillinge betragen. Diese Abgabe kann auch im Falle großer Ar­mut nicht hinausgeschoben werden, sie muß binnen Jahr und Tag abgetragen sein. Auch bei der Wahl seiner Hausfrau soll der junge Bauer seinen Schulten um Zustimmung bitten. Nun, das ist auch ganz recht; denn der Schulte muß doch die Gewißheit haben, daß eine tüchtige Bauersfrau auf den Hof kommt. Der Schulte wird bei dem Eheverspruch zugegen sein und nach alter Sitte von dem Hofesmann einen gebührenden Trunk erhalten.

Der Schreiber ist zu Ende mit der Verkündigung der Neuigkeiten. Er hat die Rolle zusammengelegt und sie dem Schulten gereicht. Der nimmt sie fest in die Hand, legt die andere darüber, erhebt sich von seinem Platze und beteuert, daß er zeit seines Lebens die Bindungen, die nun für immer klar und deutlich festgelegt worden sind, erfüllen werde. Dem gnädigen, lieben Herrn, dem Grafen von der Mark, und seinem Amtmann in Blankenstein wolle er ein getreuer Diener und seinen Hofesleuten ein wohlwollender Herr sein. Er reicht das Pergament dem Hofesfronen, der es in die große Eichentruhe legt, wo es fortan ruhen soll. An die Bauern richtet der Schulte noch mahnende Worte, alle Pflichten dem Hofe gegenüber gewissenhaft zu erfüllen und dem Grafen von der Mark treue Untertanen zu sein.

Beifälliges Gemurmel wird laut, als der Schulte endet. Das ist den Bauern wie eine Erlösung aus dumpfer Ungewissheit. Können sie doch nun ruhig das Werk ihrer Väter fortsetzen, die Marken bewirtschaften, Vieh züchten und manchmal auch ein Stück Wald roden.

Nun folgen unter der Eiche auf dem Hofe noch einige Dinge, die sich stets bei einem Hofesgericht , abspielen. Da ist der Jungbauer vom Tye, der in einem ordentlichen Gerichte auf dem Schultenhofe noch als Nachfolger seines Vaters in den Kreis der Hofesleute zu Hunsebeck aufgenommen werden muß. Er tritt vor und gelobt durch Handschlag, dem Schulten ein treuer Hofesmann zu sein und alle Abgaben und Dienste pünktlich und gewissenhaft zu leisten. Die Gewinngelder wird er zahlen, wenn die Zeit der Schweinemast in den Marken zu Ende ist und er einige Borstentiere in der Stadt Hattneggen verkauft hat. Dann wird er auch die "lebendige Hand" begehren und bei dem Schulten die Bestätigung seiner Gattenwahl erbitten. Dieser ist mit allem zufrieden, und die junge kräftige Bauerngestalt tritt in die Versammlung zurück. Der Bauer vom Molderpas beglückwünscht ihn zuerst. Sein zu­künftiger Schwiegersohn gefällt ihm wohl, seine Tochter wird an seiner Seite eine tüchtige und zu­friedene Hausfrau werden.

Einige Hofesleute zahlen ihre fälligen Abgaben, andere müssen noch um Ausstand bitten. Die letzten Jahre waren nicht rosig, und die Kriegsjahre des Grafen Dietrich haben von Stall und Scheune mehr verlangt, als sie hergeben konnten.

Endlich ist man mit den Geschäften fertig, und der Schulte beendet das Gericht mit dem üblichen Spruch. Der Hofesfrone öffnet den Ring, und Amtmann und Schulte verlassen zuerst die Gerichtsstätte. Ihnen folgen Bauern und Kotier in lebhaftem Gespräch über die Neuigkeiten, die ihnen heute verkündet worden sind. Eine frohe Stimmung herrscht nach der dumpfen Ungewißheit am Morgen.

Unterdessen ist es Mittag geworden, aber keiner denkt an die Heimkehr. Der Schulte läßt es sich nicht nehmen, seinen Hofesleuten eine Labung und einen kühlen Trunk zu reichen; so will es die Sitte von alters her. Die Knechte und Mägde haben im Baumhof bereits lange Eichenbohlen auf Böcke gelegt und so notdürftig Tisch und Bank hergerichtet. Der sonnige Herbsttag erlaubt noch die Abhaltung des Mahles im Freien, sonst hätte man auf der Deele Platz genommen. Bald sitzen alle am Tisch und lassen sich die kräftigen Brote mit dem gesalzenen Fleisch gut munden. Dabei schmeckt das selbstgebraute Bier ganz vorzüglich. Der Droste hat mit seinem Schreiber gleich nach Beendigung des Gerichts durch das östliche Hoftor nach der Horst zu Pferde die Hofesstatt verlassen. Dringende Geschäf­te machen seine Anwesenheit auf der Burg in Blankenstein nötig. Aber der Schulte sitzt mitten unter seinen Bauern. Eine zwanglose Unterhaltung hält noch alle eine Weile zusammen, bis dann doch die sinkende Sonne zum Heimkehr mahnt.

Der Hofesfrone verläßt mit seinen beiden Bauern vom Tye den Schultenhof. Sein Weg ist noch weit, und vor einbrechender Dunkelheit wird er wohl seine Hofesstatt nicht mehr erreichen. Nach und nach verlassen auch die übrigen die Gerichtsstätte. Knechte und Mägde räumen Tische und Bänke ab, und bald ist auf dem Schultenhofe wieder die Ruhe des gewöhnlichen Lebens eingekehrt. Der Schulte aber steht noch eine Weile vor dem großen Deelentor seines Hauses und schaut über die Mauern des Platzes und über das verrammelte Tor hinweg in den dunklen Wald hinein.

Hart und schwer ist die Arbeit des Bauern, aber schön ist es doch, die Pflugschar zu führen und die Brache zu neuem Leben zu wecken, wenn man treue Helfer hat wie diese, die er heute um sich ver­sammelte. Ohne ihn und seine Hofesleute würden Ritter und Herren und sogar der Landesherr selbst nicht leben können, denn alles Leben steigt ja aus dem Boden der Heimat und wird geweckt durch die Hände des Bauern.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch