Eine Hattinger Gerichtsverhandlung (1470)

Der in den Ausführungen über "Das vergessene Bergregal" genannte Johann Strecke, Graf zu Dortmund, war auch im Gebiet der mittleren Ruhr ein ganz bekannter Mann. Im Archiv der Stadt Hattingen befindet sich eine Urkunde aus dem Jahre 1470, die einige Aufschlüsse über die Beziehungen des genannten Grafen zu unserer Heimat vermittelt.

Nach dieser Urkunde erschienen vor dem Gericht zu Hatneggen "als ein geheget setende gericht, da stat und stoel desselwen gerichtz mit ordell und rechte gespanneder banck becleyt und beseten...." die Witwe und die Söhne des verstorbenen Kracht Stecke, der bislang das Drostenamt in Blankenstein verwaltet hatte, und beantragten die rechtliche Beurkundung der Verteilung des väterlichen Erbes. Danach wurde das "slot und Amp van Blanckenstenn mit Hatneggen und den kerspelen in dat Ampt gehoerende" an den ältesten Sohn des Kracht Stecke, Johann Graf zu Dortmund, übertragen. Die Mutter, Luidgard von Limburg, und die ebenfalls aus der zweiten Ehe des genannten Kracht Stecke hervorgegangenen Söhne Goessen und Dietrich verzichteten auf das väterliche Erbe und gaben sich mit den reichen Besitzungen aus der mütterlichen Familie zufrieden. Graf Johann übernahm nur die Pflichten des Unterhalts für die Dauer von zwei Jahren für den noch minderjährigen Bruder Dietrich bis zu dessen Großjährigkeit.

In der Verhandlung vor dem Hattinger Richter wurde auch eine Urkunde des Grafen von der Mark, Herzog Johann von Cleve, vorgezeigt, nach der dieser das bezeichnete Drostenamt zu Blankenstein als Pfand für ein von dem Ritter Kracht Stecke geliehenes Kapital von 5000 Talern an diesen erblich übertrug. Diese Urkunde stammte aus dem Jahre 1461. Die Übergabe des Drostenamtes nach dem Tode des Kracht Stecke an dessen Sohn war demnach rechtlich begründet.

Die umfangreiche Urkunde über die Verhandlung vor dem Hattinger Gericht vermittelt uns interessante Einblicke in die Verhältnisse unserer engeren Heimat vor fast 500 Jahren. Die ungeheure Geldsumme von 5000 Talern, die der Herzog von Cleve einem seiner untergebenen Ritter schuldete, zeigt deutlich das Abhängigkeitsverhältnis zu den Landständen, in das viele Fürsten damaliger Zeit durch Fehden und Kriege oder durch eine üppige Hofhaltung geraten waren. Rechtlich wurde der Ritter Stecke durch die Schuldverschreibung Beamter des Landesherrn, nach heutiger Auffassung vielleicht mit den Befugnissen eines Landrats. Allerdings flössen die Einnahmen aus dem verwalteten Bezirk, die in Form von Zehnten, Pachteinnahmen, Straßen- und Mühlengeldern und städtischen Gebühren erhoben wurden, nicht in die Kassen des Landesherrn, sondern in die eigenen Taschen des Drosten. So konnte das übertragene Amt bei ordnungsgemäßer Verwaltung wohl eine ganz lohnende Zinseinnahme bringen, zumal dem Hattinger Land in jener Zeit bereits eine ganz erhebliche wirtschaftliche Bedeutung zukam.

Daß die wichtige Verhandlung über die Teilung des Erbes der Familie Stecke vor dem Hattinger Ge­richt vorgenommen wurde, zeigt zunächst einmal das gute Einvernehmen, das allzeit zwischen den Drosten aus dem Hause Stecke und dem Hattinger Gericht bestanden hat. Der Graf Johann Stecke hat während seiner Amtszeit in Blankenstein durch besondere Zuwendungen an die Stadt Hatneggen dieses gute Verhältnis noch inniger gestaltet. Zugleich wird uns aber durch die angeführte Verhandlung die Bedeutung des Hattinger Gerichts klar, die diesem im westlichen Teile der Grafschaft Mark zukam, wenn eine solch wichtige Beurkundung wie die Übertragung des Drostenamtes in seinen Schranken vorgenommen wurde. Die Zuständigkeit des Gerichts erstreckte sich nicht nur auf das Stadtgebiet, sondern auch auf das platte Land. Das beweisen auch die Namen der Geschworenen, die zugleich dem Sippenforscher einige Fingerzeige geben können. Als Richter wird Heinrich van Engenhusen genannt, der nach anderen Urkunden aus dem Stadtarchiv das Richteramt mehrere Jahre geführt hat. Unter den Geschworenen ist neben Namen Hattinger Bürger und Bauern auch ein Henrik Munkart aus dem Hause zu den Doernen zu finden.

Im Frühjahr 1471 erfolgte die Bestätigung der Verhandlung vor dem Gericht zu Hatneggen durch den Herzog von Cleve. Der Graf zu Dortmund, Johann Stecke, wurde erneut feierlich in die Ämter und Rechte des Drosten zu Blankenstein eingesetzt, die bereits sein Vater mehrere Jahre innegehabt hatte.

Die Rückerstattung der geliehenen 5000 Taler erfolgte im Jahre 1494. Damit gab Johann Stecke auch das Amt eines Drosten von Blankenstein an den Landesherrn zurück und konnte sich von diesem Jahre an nur noch seinen Aufgaben in Dortmund widmen. Dort ist er dann im Jahre 1504 gestorben.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch