Aus dem ARCHIV: Alte Gerichtsplätze im Hattinger Land

Gerichtstag auf dem Schultenhof
zu Bruch vor dem Kammergericht
Eine Hattinger Gerichtsverhandlung

Die in Aussicht gestellte Reform des deutschen Rechtswesens soll in mancher Beziehung auf die Formen der Rechtssprechung in altgermanischer Zeit zurückgreifen. Diese war ganz der bäuerlichen Eigenart der jeweiligen Landschaft angepaßt und zeigte schon in der Wahl des Gerichtsplatzes die tiefe Verbundenheit unserer Altvorderen mit der Natur und den Gleichklang ihres Denkens mit den waltenden Naturgesetzen. Darum wurde jeder Akt rechtsgültiger Bindung für die Glieder der dörflichen Ge­meinschaft in der freien Natur vorgenommen, ob es sich um die allgemeinen Rechtsverhältnisse der gemeindlichen Besiedlung und Bewirtschaftung des Grund und Bodens handelte oder ob es galt, Vergehen einzelner zu ahnden und Strafen auszusprechen. Immer versammelte man sich im Freien, unter den Bäumen des Waldes, unter den mächtigen Eichen eines Hofplatzes oder an einer besonders hergerichteten und durch Stein oder Pfahl gekennzeichneten Stätte. Mit der Einführung eines artfremden Rechtes schwanden auch die öffentlichen Gerichtsplätze draußen im Freien. Eine neue Zeit fand keinen rechten Sinn mehr für die Rechtswahrtümer unserer Altvorderen, die in manchem Dorfe noch peinlich gehütet wurden, und so fielen immer mehr dieser Gerichtsmale der fortschreitenden Entwick­lung zum Opfer. Nur noch verhältnismäßig wenige der Steinbänke, Steintische, Malsteine, Schandhölzer, Wahrbäume usw., die ehemals den Gerichtsplatz kennzeichneten, sind in Westfalen erhalten geblieben. So deutet heute oft nur noch der Name einer besonderen Flurparzelle oder der Eigenname von Ortsteilen auf das Vorhandensein einer Gerichtsstätte in alter Zeit hin. Auch manche Hinweise in Urkunden und Akten können bei der Erforschung der Rechtsverhältnisse früherer Zeit wertvolle Fingerzeige geben.

Die rasche Besiedlung des Hattinger Landes in neuerer Zeit hat wohl fast alle Wahrtümer alter Rechtssprechung vernichtet. Daß aber unsere Heimat mit ihrer reichen geschichtlichen Vergangenheit auch reich an diesen Dingen gewesen sein muß, darauf deuten manche Urkunden und Hinweise in Archiven und Bauerntruhen hin. So lesen wir in einer wichtigen Urkunde über Pacht- und Lehnsverhältnisse der Hattinger Bürger zu dem Herrenhause Clyff vom Jahre 1546 von einer Flurbezeichnung "am Nocken" in der Nähe der jetzigen Bismarckstraße: ".. .und is den rechte Zoelstat thun scholtissenamt ......". Ohne Zweifel ist hier die Wiese gemeint, von der auch in anderen Schriftstücken gesprochen wird, auf der von dem jeweiligen Besitzer des genannten Herrenhauses das Schultheißenamt ausgeübt wurde, wenn Bauersprache angesetzt worden war. Ob auf diesem Platze auch der die Gerichtsstätte kennzeichnende Baum oder Stein mit dem Sitz für die Richter vorhanden gewesen ist, geht aus der Urkunde nicht hervor. Ein solcher Stein wird dagegen an einer anderen Stelle erwähnt. Noch im 18. Jahrhundert wird zwischen den Hattinger Gärten am Südrande der Stadt, zwischen Steinhager Tor und Bruchtor , der "Sedestenn" genannt. Hier haben wir es offensichtlich mit einem Gerichtsstein zu tun, in dessen Bannkreis der Verfolgte unantastbar war. Solche Fredesteine haben sich an anderen Orten noch bis in unsere Tage erhalten. Auch die Flurbezeichnung "an einen bäumgen" deutet auf die Beziehung dieses Platzes zu den Rechtswahrstätten alter Zeit hin. In der Umgebung unserer Stadt finden wir diesen Namen in alten Flurkarten in der Nähe der jetzigen Hüttenstraße verzeichnet, also genau auf der Grenze zwischen der ehemaligen Hattinger Feldmark und den Besitzungen des Herrenhauses Bruch im Tale am Welper Bach.

In einer wichtigen Urkunde um die Mitte des 16. Jahrhunderts wird im jetzigen Ortsteil Winz der Stadt Hattingen die Lage eines "Gerichtes" deutlich gekennzeichnet. Es heißt dort wörtlich bei der Lagebeschreibung eines Grundstückes: "..... da man nae dem gerychte geyht....". Es ist wohl kaum anzunehmen, daß wir es hier mit einem sogenannten Hochgericht zu tun haben, an dem schwere Vergehen gesühnt wurden, vielmehr wird der erwähnte Platz wohl der Versammlungsplatz der Bauern in den Baaker Bergen gewesen sein, auf dem alljährlich mehrere Male die Rechtsverhältnisse der gemeinsam gewirtschafteten Markenbesitzungen besprochen und kleinere Vergehen mit Brüchten oder Strafen belegt wurden.

Ein ähnlicher Gerichtsplatz wird auch in Urkunden der Bauerschaft Welper genannt. Wenn da von dem Thyer Acker im Ruhrtale gesprochen wird, so ist damit sicher der ehemalige Versammlungsplatz der Bauern gemeint, die vom Ruhrtale her in grauer Vorzeit die Rodung der Wälder auf den Ruhrbergen und die Besiedlung unserer Heimat in Angriff nahmen.

Mit der Entwicklung der bäuerlichen Siedlergemeinschaft Hattingens zum städtischen Gemeinwesen nahm auch die alte Rechtssprechung andere Formen an. Die veränderten Siedlungsverhältnisse und die besondere Eigenart der handwerklichen Erwerbsmöglichkeiten schufen auch für die Gerichte ganz andere Voraussetzungen. Von den städtischen Rechtswahrtümern, die bis heute noch erhalten geblieben sind, wird später einmal die Rede sein.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch