Aus dem ARCHIV: Die Belagerung der Stadt Hattingen (1634)

Es war im März des Jahres 1634. Der große Krieg dauerte fast volle 16 Jahre, und die Bürger von Hattneggen musten in dieser Zeit viel Leid und Trübsal erdulden. Fremde Kriegsmänner lagen oft Wochen hindurch in ihren Häusern und holten selbst aus Küche und Keller, was sie an Speise und Trank brauch­ten und noch mehr dazu. Beim Abschied nahmen sie mit, was ihnen gefiel, und manchen blanken Taler forderten sie obendrein. Die Bewohner der einst wohlhabenden Stadt waren arm geworden, und ihre stattlichen Häuser verfielen mehr und mehr.

Da kam am 10. März des genannten Jahres von Langenberg her wieder ein ansehnlicher Heerhaufen nach Hattneggen gezogen. Der Obrist Wendt zum Crassenstein führte ihn an. Er wollte sich an den Bürgern der Stadt rächen, die ihn am 7. September des vergangenen Jahres in den späten Abendstunden aus ihren Mauern vertrieben hatten. Damals drohte er mit schrecklicher Vergeltung, und nun war er da. Mehrere hundert Söldner standen in seinem Dienst mit Musketen und Hakenbüchsen. Sogar schweres Geschütz und Sturmleitern führte er mit und allerlei Gerät zum Sturm auf eine feste Stadt. Rechtzeitig war das Kriegsvolk von den Wächtern am Tore gemeldet worden. Alle Eingänge wurden fest verrammelt, und die Rottenmeister bezogen mit ihren Männern Türme und Wehrgänge.

Bald erschien weit draußen vor dem Bruchtor ein Hornbläser zu Pferde und forderte die Wache im Namen des Obristen auf, die Tore der Stadt zu öffnen. Aber der Rat der Stadt dachte nicht an Übergabe, besaß man doch Schutzbriefe des schwedischen Kanzlers Oxenstiern. Der Obrist aber zog nicht ab, sondern bereitete alles auf eine Belagerung vor. Von Essen, Dortmund und Dorsten wurde Ver­stärkung herangeholt, so daß eine Belagerungsarmee von 3000 Mann einen festen Ring um die Stadt schloß. Von allen Seiten wurden Laufgräben ausgeworfen, und in ihrem Schutz drangen die Soldaten immer näher an die Stadtmauer vor. Die Felder und Gärten der Bürger wurden verwüstet und die Früchte geraubt. Trotz der Wachsamkeit der bewaffneten Bürger, die manchem Feinde das Leben kostete, waren die Belagerer in 10 Tagen so nahe an die Stadt herangekommen, daß sie in der Morgenfrühe des 20. März das Heggertor in Brand setzten und mit ihren schweren Geschützen eine Bresche in die Stadtbefestigung schlugen. Die Bürger wehrten sich verzweifelt, aber aller Mut war doch vergebens. Gegen Mittag ließen sie durch einen Hornruf die Übergabe ihrer Stadt verkünden. Das Kriegsgetümmel hörte auf, und durch das zertrümmerte Tor schritt eine Abordnung des Rates, voran der ehrwürdige Pastor Wilstach. Man erreichte zwar die Einstellung der Beschießung, die Besetzung und Plünderung der Stadt konnten die Ratsherren nicht verhindern. Noch am Nachmittag drangen meh­rere Söldnerhaufen ein, besetzten die Tore und Wehrtürme, nahmen den Bürgern alle Waffen weg, töteten auch manchen, der sich zur Wehr setzte, und schlugen die Bewohner jämmerlich, so daß viele umkamen. Hab und Gut der Bürger wurde geplündert, ihr Besitz verwüstet und das ehrwürdige Gotteshaus geschändet. Nach und nach kamen wohl 1500 Fremde in die Stadt, die alle Speise und Trank verlangten. In manchem Hause mußten mehr als 30 Menschen versorgt werden, und die Bürger besaßen kaum Vorräte. Da man die Weiler Mühle nicht benutzen konnte, mahlte man das Korn auf Handmühlen und mußte sogar des Nachts arbeiten. Die Offiziere verlangten besonders gute Kost und den besten Wein. Aller Vorrat im Weinhaus der Stadt im Krämersdorf wurde damals aufgezehrt. Der Rat mußte an den Obristen Wendt zum Crassenstein eine Summe von 3000 Gulden zahlen und hatte doch schon lange nichts mehr in der Stadtkasse. Um die Eroberer zu befriedigen und das Geld herbeizuschaffen, wurden damals einige Bauernhöfe, die der Stadt Hattneggen gehörten, verpfändet oder verkauft.

Als die Söldner nach Wochen abzogen, war Hattneggen gänzlich verarmt, so daß Spaßvögel sie jetzt Hatnichts nannten. Die Bürger aber dachten noch lange mit Schrecken an diese bösen Tage im März des Jahres 1634. Und wenn man ungezogene Kinder ängstigen wollte, sagte man zu ihnen: "Wartet nur, der Crassenstein kommt!"

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch