Aus dem ARCHIV: Der schwarze Tod (1619) in Hattingen

Der Frühling des Jahres 1619 hat neue Kunde gebracht von Kriegen und Notzeit draußen im Land. Da heißt es auf der Hut sein und die Vaterstadt nicht leichtfertig den wilden Kriegsvölkern preisgeben. Hatneggen hat in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt, darum sind die Bürger vorsichtig geworden. Bürgermeister und Ratmannen haben beschlossen, die Wachen auf den Mauern und an den Toren zu verstärken.

Eben schickt sich der Rottenmeister Peter lange Rutgers an, seinen abendlichen Rundgang durch die Stadt zu machen. Von seinem Hause am Markt schlägt er zunächst den Weg nach dem Brucher Tor ein. Dort klopfen die fremden Kriegsvölker immer zuerst an, wenn sie Einlaß begehren. Durch enge Gassen und Winkel lenkt er seine Schritte, die Dämmerung breitet sich schon hier und dort aus. Hier scheint sogar um die Mittagszeit die Sonne nur spärlich in die niedrigen Stuben der Bürger; die Fenster sind viel zu klein. Die Häusergiebel ragen weit über die Straße, oben berühren sie sich fast. In dem hol­perigen Steinpflaster liegen schmutzige Pfützen mit stinkendem Wasser und allerlei Unrat. Schwärme von Fliegen heben sich von den Dungstätten, die dicht bei den Wohnungen liegen. Durch die düsteren Winkel huschen ekelhafte Ratten; von diesen Plagegeistern gibt es in Hatneggen genug.

Am Bruchtor sind die schweren Eichenbalken schon gegen die Torflügel gestemmt; die Wächter haben sie frühzeitig geschlossen. Der Rottenmeister steigt auf den kleinen Turm, der sich kaum dreißig Schritte seitwärts der Stadtmauer erhebt. Vom Ausguck hat man einen weiten Blick auf die Straße hinaus, die sich durch Hecken und Gebüsch nach Langenberg zieht. Eben will er wieder hinabsteigen, um auch die Festigkeit der Stadtmauer zu prüfen, da trifft sein Blick eine Schar von Reitern, die in raschem Galopp näherkommt. Auch die Torwächter haben das Herannahen der Fremden bemerkt. Sie halten. Spanier sind's. Sie fordern für die Nacht eine Unterkunft in der Stadt; am anderen Morgen soll die Reise weitergehen. Der Rottenmeister überlegt, was zu tun sei. Er fragt die Fremden her und hin.

Sie erzählen, daß sie eine wichtige Botschaft zu bringen haben, die dulde keine lange Rast. Der Heerhaufen, dem sie angehören, will gar nicht nach Hatneggen hinein. Der Rottenmeister denkt: Lieber die Fremden einlassen als den Zorn des spanischen Obristen erregen. Das könnte nur Unheil für die Stadt bringen. Es sind ja nur 6 Reiter, für die wird man schon ein Quartier finden. Er gibt den Befehl, das Tor zu öffnen. Einen der fremden Reiter nimmt er selbst mit in sein Haus, die übrigen kommen bei den Nachbarn unter.

Am nächsten Morgen reiten die Soldaten in aller Frühe zum Weiler Tor hinaus. Aber einer fehlt, in der Nacht hat ihn plötzlich ein heftiges Fieber gepackt. Nun soll er einige Tage zurückbleiben, bis ihn die Kameraden auf dem Rückwege wieder mitnehmen. Die Frau des Rottenmeisters gibt sich alle Mühe, dem Kranken zu helfen. Aber mit Schrecken sieht der Rottenmeister, daß alles vergeblich ist. Bald zeigen sich im Gesicht des Kranken kohlschwarze Flecken, über den ganzen Körper bilden sich gräßliche Beulen. Der Kranke stöhnt und jammert und stirbt unter furchtbaren Qualen am dritten Tage. Man begräbt ihn im hintersten Winkel des kleinen Kirchhofes zu St. Georg.

Zuerst hat es niemand wahrhaben wollen - aber dann hat es sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt verbreitet; Der Schwarze Tod ist da! Eine entsetzliche Angst kommt über die Menschen. Jammern und Wehklagen erfüllt die Häuser der Bürger. Die älteren Leute wissen nur zu gut, welche entsetzliche Ernte der Schwarze Tod in früheren Jahren gehalten hat. In dem bösen Jahre 1599 ist kaum eine Familie gewesen, wo die Pest nicht einen hinweggerafft hätte. Einige Geschlechter sind ganz ausgestorben. Was soll nun geschehen?

Bald greift das Unglück um sich. Die Frau des Rottenmeisters erkrankt an demselben Fieber. Sie rufen den Arzt und den Geistlichen. Aber keiner kann helfen. Ihr schwacher Körper erliegt schon nach einigen Tagen der furchtbaren Krankheit. Ihre beiden Kinder folgen ihr. Peter lange Rutgers ist ein gebrochener Mann; sein Haus ist verödet, die Lust am Leben ist ihm genommen. Nun hört das Läuten der Glocke nicht mehr auf; von Haus zu Haus, von Straße zu Straße wütet die Pest. Die Bürger versammeln sich und beraten, was zu tun sei. Die Ratsherren müssen ihre Stadt retten. Sie verbieten den Gesunden, einen Pestkranken zu berühren. Ein paar Männer werden bestellt, die die Verstorbenen nach dem Kirchhof tragen. Sie haben sich in schwarze Mäntel gehüllt und tragen Masken vor dem Gesicht, um den tödlichen Pesthauch fernzuhalten. Sie dürfen sich nirgend sehen lassen, wo sich Menschen ansammeln, nicht in der Kirche, nicht im Wirtshaus und auf dem Markt. An manchen Häusern hängt ein Strohkränzchen vor der Tür zum Zeichen, daß die Pest drinnen haust. Alle Türen und Fenster sind dicht verschlossen; die Stadt liegt da wie ausgestorben. An jedem Morgen aber versammeln sich die Gläubigen um ihren Pastor Brumann vor dem Altar der Kirche, um den Herrgott zu bitten,, die entsetzliche Seuche von ihnen zu nehmen. Zuerst werden die Toten auf dem Kirchhofe beigesetzt, aber bald wird der Begräbnisplatz zu klein Die alten Leute erzählen, daß es geheimnisvolle Mittel gegen die Pestilenz gäbe. Sie sagen, man müsse den giftigen Pesthauch mit dem Rauch von Wachholderholz, Eiche und Pech vertreiben, In den verseuchten Häusern sollen die Gesunden morgens nach andächtigem Gebet Angelikawurzel kauen und Bitterbier dazu trinken. Viele meinen mit Branntwein könne man sich vor der Ansteckung bewahren, und so wird in manchen Häusern ein großes Zechgelage gegeben. Ein alter Schäfer rühmt sich, er habe eine Salbe in seinem Krüglein gebraut; für einiges Geld könne sie jedermann von ihm kaufen. Ja, er treibt mit den Leuten einen rich­tigen Hokuspokus und plappert ihnen allerlei Sprüche vor, die sie nachsprechen sollen. Aber der Schwarze Tod macht nicht halt, er reißt Frauen und Männer dahin, so daß viele Kinder allein auf der Welt stehen. Er holt arm und reich, hoch und niedrig. Mitleidige Menschen nehmen sich der Waisen an und sorgen für sie, so gut es geht. Über hundert Bürger liegen schon in der kühlen Erde.

Die Sommerhitze wird unerträglich. Das Vieh kann nicht mehr hinreichend versorgt werden. Die Düngerstätten wachsen zusehend vor den Häusern, Schmutz und Unrat nehmen überhand. Hier und da stehen schon Häuser gänzlich verödet; man entsinnt sich kaum, wer darin gewohnt hat. Die Fenster sind zugenagelt, die Türen verrammelt. Vielleicht hausen dort noch einige Gesunde, die ihre Angehörigen nicht im Stiche lassen wollen. Der weißhaarige Pastor Brumann, der den Kranken bis jetzt noch Trost gespendet hat, wird selber dahingerafft. Man begräbt ihn auf dem Chor von St. Georg, wo schon seine Vorgänger aus den Pestjahren ruhen.

Am 23. August versammelt sich der Rat der Stadt abermals. Die Not ist aufs Höchste gestiegen. Die beiden Bürgermeister Georg Pfannkuch und Henrik Pelser sind noch im Amte. Der Rat der Stadt beschließt, den Markt nicht mehr in den Stadtmauern abzuhalten, sondern draußen auf einem Platz "unter den Eiken" Die Bürger haben einen großen Schaden davon; denn außerhalb der Stadtmauern gilt das Marktrecht nicht. Aber Not kennt kein Gebot. Viele packen Kisten und Kasten und flüchten in die naheliegenden Wälder. Andere wandern in die Ferne, wohin der Weg sie gerade führt. Die Stadtwächter aber geben scharf Obacht, daß kein Fremder mehr nach Hatneggen hineinkommt. Am 26. August wird der Erste Bürgermeister zu Grabe getragen. Die Verzweiflung kennt keine Grenzen mehr. Nun, da der Tod fast in jedem Hause zu Gast ist, werden die Menschen hart gegeneinander. 348 Bürger sind schon von der Seuche hinweggerafft worden.

Der Winter des Jahres 1619 vergeht unter Klagen und Jammern. Endlich erlischt die Seuche. Mit kommendem Frühling läßt das Sterben nach. Da atmen die Menschen erlöst auf. Die übriggeblieben sind, errichten an der Straße nach Langenberg einen Stein, ein Notzeichen und Mahnmal aus dem Jahre des Unheils. Noch oft hat Hatneggen den Schwarzen Tod gesehen; aber so schlimm wie im Jahre 1619 ist er nie wieder aufgetreten.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch