Adelssitze: Rückblick auf die kirchliche Vergangenheit

Das gesamte Volksleben in unserem Heimatgebiet an der mittleren Ruhr wurde bereits im frühen Mittelalter beeinflußt durch die Auswirkungen christlicher Missionstätigkeit. Brauchtum und Sitte, Wohnweise und Zusammenleben der Menschen, in altgermanischen Ausdrucksformen wurzelnd, nahmen nach und nach christliche Züge an, so daß heute nur schwer die Daten für das Eindringen des Christentums in unseren Heimatraum gesetzt werden können. Zwar sind die ersten Berührungspunkte des germannischen Volks- und Kulturlebens mit christlichem Wesen urkundlich bereits am Ende des 7. Jahrhunderts erwie­sen, als die beiden Ewalde als Glaubensboten im Ruhr-Lippe-Gebiet wirkten und der heilige Suitbert, im Jahre 713 gestorben, in seiner missionarischen Tätigkeit im gleichen Raum erwähnt wird, eine planmäßige Christianisierung des Gebietes an der mittleren Ruhr setzte jedoch erst mit den staatlichen Organisationsmaßnahmen Karls des Großen ein.

In seinem Bestreben, die staatliche Ordnungsmacht mit der christlichen Lehre eng zu verbinden, ordnete er in seinen Kapitularien die Einrichtung von Kapellen und Pfarreien an, die von den Bewohnern des Kirchensprengels durch Lieferungen von Naturalien und festgesetzten Geldbeträgen, sowie durch Dienste unterhalten werden mußten. Dabei bildeten die besonders privilegierten Sammelpunkte kirch­lichen Lebens, die Klöster, Abteien und Stifte, jeweils Schwerpunkte für ein größeres Gebiet. In dem waldreichen, dünn besiedelten Gebiet unserer Heimat ging die kirchliche Betreuung vorwiegend von Werden, Essen und Deutz aus. Für die Ruhrberge war zunächst das Kloster Werden in dieser Hinsicht maßgebend, das der heilige Luidgerus in den letzten Jahren des 8. Jahrhunderts gegründt hatte (Werdener Urkunden).

Dieses Kloster hat Jahrhunderte hindurch starken Einfluß auf unseren Heimatraum ausgeübt, nicht nur durch die Zehntbarkeit zahlreicher Höfe an das Gotteshaus, sondern auch hinsichtlich des kirchlichen Lebens. In zahlreichen Urkunden wird "Ulgers Dracht", also die St.- Luidgeris-Prozession als Zeitbe­stimmung erwähnt. Dazu wurden viele Abgaben an das Kloster am Ludgeristage (24. April) geliefert. Auch der Einfluß des Frauenstiftes Essen, um die Mitte des 9. Jahrhunderts von Altfrid gegründet (Essener Stifts- Urk.), machte sich in unserer Heimat stark bemerkbar. Im Jahre 1054 schenkte Kaiser Heinrich III. mehrere Höfe in Holthausen dem genannten Stift, und auf dem Hofe Niedereichholz weist noch eine Inschrift auf einem versteckten Stein Zeichen jener Zeit nach. Die größten Rechte an der mittleren Ruhr gewann jedoch die Abtei Deutz, die im Jahre 1003 auf dem rechten Rheinufer in der Nähe Kölns gegründet wurde. Mit der Schenkung des Reichshofes Hattneggen durch Kaiser Heinrich II. an die genannte Abtei kamen neben dem Prinzipalhof "op dem Clyf" insgesamt 20 Untersassen von Stiepel bis Elfringhausen unter die Einflußnahme von Deuiz, die sich teilweise bis zürn Jahre 1803 auswirkte.

Naturgemäß floß eine beträchtliche Menge der auf den Höfen erzeugten Produkte in die Vorratshäuser und Lagerkammern der Abtei, wie beispielsweise nach einer Urkunde des Jahres 1253 (Hist. Arch. Köln) vom Clyff jährlich 15 Schafböcke, 18 Schafe, 10 Malter Hartkorn, 15 Malter Braugerste, 2 Malter Salz, 2 Mark nach Kölner Währung u. a. Andere kirchliche Institutionen heischten ähnliche Abga­ben aus den ihnen unterstellten Höfen. Für diese Leistungen und für die einzelnen Pfarrer oblag der Kirche neben der Seelsorge auch die gesamte kulturelle Betreuung der Bewohner des betreffenden Rau­mes.

Da unser Heimatgebiet lange von großen Wäldern bedeckt war, gelang die Erschließung für kirchliche Aufgaben nur merklich langsam. Prof. Hömberg hat als Ergebnis seiner Forschungen nach dem 2. Welt­krieg im Raum des von der Erzdiözese Köln beeinflußten südlichen Westfalens 12 Urpfarteien festge­stellt, die jeweils ein Gebiet von 15 - 20 km im Durchmesser umfaßten. Ihre ursprüngliche Festlegung deckte sich in etwa mit den germanischen Gaubezirken. So deckt sich das für unser Gebiet aus dieser Zeit überlieferte Dekanat Wattenscheid mit dem alten Hatterungau. Die in diesem Räume entstandenen alten Kapellen oder Kirchen sind wahrscheinlich alle in der karolingischen Zeit entstanden, obwohl für die meisten das genaue Gründungsjahr nicht bekannt ist.

Bei den Kirchengründungen ist zu unterscheiden zwischen den an Reichs- oder Oberhöfen entstandenen Kapellen und denen für ein gewisses Gebiet errichteten Gotteshäusern. Die erste Art überwiegt in unserer Heimat. Aus beiden sind jedoch meist Kirchen hervorgegangen, die noch heute, wenn auch in anderer Form, als Gotteshaus dienen. Die Reformation hat zwar in der Gestaltung der kirchlichen Auf­gaben einige Änderungen gebracht, die Kirche selbst und die Kirchenbezüge aber blieben meist bestehen.

In dem Dekanatsbereich Wattenscheid, und zwar südlich der Ruhr, entstanden in ältester Zeit 5 Kirchen­bezirke oder Kirchspiele: Hattingen, Niederwenigern, Sprockhövel, Herbede und Stiepel. Nach einer Werdener Handschrift wird das Gotteshaus in Hattneggen in Verbindung mit dem Reichshof gleichen Na­mens als Kapelle im Jahre 990 erstmalig urkundlich erwähnt. Viele Jahrhunderte hindurch war der Abt von Deutz zuständig für die Berufung und Einsetzung der Pfarrer, und noch während der Reformation und unmittelbar danach war dieses Recht nicht erloschen. Das heutige Gotteshaus von St. Georg wurde um 1450 etwa in der heutigen Gestalt aus einer Kapelle kleineren Ausmaßes errichtet. Zum Kirchspiel ge­hörten die umliegenden Bauerschaften bis nach Elfringhausen. Die Kirche in Niederwenigern muß wohl als eine Kapellengründung von Werden angesehen werden, und zwar aus der Frühzeit des Klosters für die Bewohner des Landes im großen Ruhrbogen und auch jenseits des Flusses. Kirchspiels­leute aus Wenigern leisteten auch für die Kirche "Maria ad gradus" in Köln Abgabe nach einer Urkunde des Jahres 1166 (Hattinger heimatkundl. Schriften, H. 2). Zu diesem Kirchspiel gehörten Dumberg, Altendorf, Dahlhausen, Linden, Byfang und Hingsbeck.

Zu Anfang des 15. Jahrhunderts wurde in Linden eine dem hl. Antomus geweihte Kapelle erbaut, um den auf dem rechten Ruhrufer wohnenden Kirchspielseingesessenen von Niederwenigern die weiten Wege nach dem bisherigen Gotteshaus zu ersparen. Die Kapelle erhielt 1522 einen Turm mit Glocke (Darpe). Von der alten Kirche in Sprockhövel berichtet Lehmhaus, daß sie dem hl. Januarius geweiht war und einen ähnlichen Grundriß wie die Kirche in Stiepel aufwies, also auch wohl zu Anfang des 11. Jahrhunderts als Kapelle errichtet sein muß. Die Kirchspielsleute hatten im einzelnen auch Abgaben an das Kloster in Gevelsberg zu leisten.

Auch Herbede hatte bereits in der karolingischen Zeit ein Gotteshaus, denn der Schutzpatron der alten Kirche, St. Vitus, erinnert an die im 9. Jahrhundert erfolgte Überführung der Reliquien des Märtyrers Vitus nach Corvey an der Weser, bei der der Ort Herbede erwähnt wird (s. Gesch. d. kath. Kirche in "Herbede 1951"). Zum Kirchspiel gehörten neben Ost- und Westherbede auch Vormholz und Heven. Für die letztere Bauerschaft gab es zudem eine Kapelle auf Haus Heven. Die Stiepeler Dorfkirche geht auf eine Schenkung des Kaisers Otto III. an den Grafen Luidger zurück, in dessen Gebiet der Oberhof St. lag. Die Witwe Luidgers, Gräfin Imma, gründete auf dem genannten Hof mit Genehmigung des Erzbischofs Heribert von Köln im Jahre 1008 hier eine Marienkirche (n. Darpe Gesch. d. Kr, Hattingen). Zu ihrem Bereich gehörten die späteren Ortsteile von Stiepel mit dem südlich der Ruhr gelegenen Stie­peler Holz, der heutigen Gemeinde Buchholz. Erst in der neueren Zeit wurde diese von dem alten Kirchspiel abgetrennt.

In den festen Häusern des Landes gab es zudem Kapellen oder auch nur Altäre, an denen ein Vikar der Kirchspielkirche meist die kirchlichen Handlungen vornahm. Bei der Burg Blankenstein stand diese Kapelle als gesonderter Bau außerhalb des Halsgrabens an der Stelle der heutigen evangelischen Kirche. Erstmalig wird sie im Jahre 1280 urkundlich erwähnt. Hier war ein besonderer Burgkaplan tätig. Im Jahre 1608 wurde die kleine Gemeinde der Freiheit Blankenstetn von dem Mutterkirchspiel Hattingen gelöst und bildete eine eigene Kirchengemeinde.

Auf Haus Bruch, an der Stelle des heutigen Verwaltungsgebäudes der Henrichshütte gelegen, blieb die Schloßkapelle bis zu Anfang dieses Jahrhunderts erhalten. Sie diente nach der Reformation der starken reformierten Gemeinde in Hattingen als Gotteshaus, bis im Jahre 1728 im Krämersdorf der Stadt eine eigene Kirche entstand.

Die Kirche in Hattingen als Zentralpunkt des größten und bedeutendsten Kirchspiels im heimatlichen Raum unterhielt neben einer Anzahl von Altären im eigenen Gebäude auch einige außerhalb des Ortes. So wird urkundlich ein Altar erwähnt, der auf Clyff stand und von einem Vikar bedient wurde, der gleichzeitig auch der "Verwahrer" des Hauses war (Naelmannsche Chronik, Heft 13 d. Hattg, heimatkundl. Schriften).

Auch auf dem bedeutenden Oberhof der märkischen Grafen, dem Schultenhof zu Hunsebeck in Welper, stand eine Kapelle mit einem Altar, der dem heiligen Nikolaus geweiht war. Der Pfarrer Hermann Märcker; in Hattingen (1619 - 1630) schreibt in seiner Chronik dazu, daß die Kapelle zu Zeiten des damaligen alten Schulten noch erhalten gewesen sei, und er zeichnete sogar ihren Grundriß auf.

Das kirchliche Leben im Mittelalter bezog sich nicht nur auf Gottesdienst und Seelsorge, es erfaßte darüber hinaus eigentlich alle Gebiete des Zusammenlebens der Menschen. Wenn auf dem platten Lande die althergebrachten Formen der Nachbarschaften mit ihren vielseitigen Hilfs- und Beistandsdiensten aus alter Zeit mehr und mehr von kirchlichen Einrichtungen betreut und zweckdienlich umgestaltet wurden, so waren es in den aufkommenden Städten die Bruderschaften, die sich allerorts unter der Lei­tung von Vikaren bildeten. In Hattingen sind mehrere derartige kirchliche Laienvereinigungen verbürgt. Als die vornehmsten und bedeutendsten galten die St.-Georgs- und St.-Sebastians-Bruderschaft in Hat­tingen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Schutz der Bürger durch Waffendienst bei der Ver­teidigung ihres Gemeinwesens zu gewährleisten und die dabei in Not geratenen Mitbürger zu betreuen. Ihre Gründung erfolgte im Jahre 1403. Ähnliche gemeinnützige Aufgaben in der Seelsorge wurde von der in Hattingen bestehenden Marien-Bruderschaft übernommen. Ein Gasthaus, St. Georg und St. Margarethen geweiht, gab es seit 1478 in der Stadt, in dem vornehmlich arme und kranke Menschen betreut wurden. Nach der Reformation übernahm der Armenfond der Kirche diese von den Bruderschaften geleisteten Dienste.

Über diese bereits erwähnten Aufgaben der Kirche kam ihr als wesentliche Obliegenheit die Bildung des Volkes zu. Alle Gelehrsamkeit, d. h. zunächst Kenntnis und Gebrauch der Schriftsprache zur weiteren Handhabung der sogenannten "Künste", stand nur den Geistlichen zu. Sie waren darum auch für die Einrichtung von Schulen besorgt, die, ausgehend von den Bischofskirchen karolingischer Zeit, auf Klöster und Pfarrkirchen ausgedehnt wurde. Nach und nach entstanden auch an den Kirchspielskirchen für den gesamten Pfarrbereich derartige Schulen, die wegen der Vermittlung der lateinischen Sprache als Grundlage allen Wissens schlechthin als Lateinschulen bezeichnet wurden. In Hattingen hat es min­destens seit 1400 eine solche Schule gegeben, aus der sich nach der Reformation die lutherische Stadt­schule als Vorläuferin der heutigen höheren Schulen entwickelte. Aber auch an anderen Kirchspielskirchendes Gebietes gab es wahrscheinlich ähnliche Einrichtungen, die später als sogenannte Pfarrschulen die elementaren Kenntnisse vermittelten. Oft oblag die Unterweisung der Schüler dem Küster der Kirche, allerdings unter Aufsicht des Pfarrers.

In Sprockhövel übten mehrere Generationen der bekannten Familie Mahler im 16. und 17. Jahrhundert dieses Amt mit großem Erfolg aus. Die Gründung der Pfarrschule in Herbede durch den Herrn von Elverfeldt, den Pfarrer Hermann Märcker und die Gemeindeglieder erfolgte im Jahre 1606 (Staatsarchiv . Münster).

Erst mit der Einführung der Schulpflicht durch die preußische Regierung im Jahre 1718 kam eine allge­meine Bildung der Kirchspielseingesessenen zustande. Seit dieser Zeit lassen sich überall auf dem platten Lande in unserer Heimat sogenannte "Buerschops" -Schulen nachweisen. Sie alle standen nach wie vor unter dem Zeichen kirchlicher Betreuung und Aufsicht. Wenn auch die Unterhaltung der Gebäude und die Besoldung der Lehrer von der Regierung überwacht wurde, so wurden doch alle schulischen Belange, auch die Berufung der Lehrer, vom Schulvorstand durchgeführt. An seiner Spitze stand, auch nach der allgemeinen Weisung für die Bildung und Arbeitsweise der Schulvorstände in Preußen im Jah­re 1829, jeweils der Ortsschulinspektor aus dem geistlichen Stande. Auch die Aufsicht der Schulen innerhalb von Kreisen oblag meist dem Superintendenten des Bezirks. Erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Schulen der Pfarrbezirke ganz aus der Obhut der Geistlichen entlassen, als das ge­samte Schulwesen die politischen Behörden übernahmen.

Wenn auch Sitte und Brauchtum bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts in der Familie und auch am Arbeitsplatz starke kirchliche Beeinflussung zeigen, man denke nur an die Andacht vor der Grubenfahrt des Bergmannes, so hat doch schon lange vor der Jahrhundertwende das Eindringen der Industrie in unseren Heimatraum eine Lockerung alter Bindungen gebracht. Manches gehört der Vergangenheit an und hat neuem Denken und Tun Platz machen müssen, aber auch hier gilt: Jeglicher Fortschritt knüpft an das an, was einmal gewesen ist!

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch