Adelssitze: Der Herrensitz Bruch in Welper

Aus der herrlichen Landschaft des nördlichen Sauerlandes führt der Weg den Wanderer, der die Höhen von Sprockhövel her überstiegen hat, durch das alte Städtchen Blankenstein, an der Burg gleichen Namens vorbei, durch die neue Siedlung der Gartenstadt Hüttenau, in das Gebiet des pulsierenden Lebens einer neuen Zeit. Während vorher das Auge durch das abwechslungsreiche Bild einer bäuerlichen Landschaft mit ihren Ackerbreiten, Waldstücken, Bauernhöfen und Kotten erfreut wurde, umschließt der Blick auf der Höhe des Welper Berges das weite Werksgelände der Ruhrstahl AG im Tale zwischen Welper und Hauingen. Hier finden neue Tausende von fleißigen Menschen Arbeit und Brot. Die Henrichshütte ist Mittelpunkt alles Lebens des Hattinger Gebietes geworden und gibt dem mittleren Ruhrtal an dieser Stelle das Gepräge. Der Weg führt hart an den langen Hallen und Erz- und Schrottlagern vorbei und berührt dann den weiten Platz vor dem Torhaus des Werkes . Hier darf der Wanderer einen Augenblick verweilen, denn er steht an einer geschichtlich denkwürdigen Stätte, die viele Jahrhunderte hindurch Mittelpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung des Hattinger Landes gewesen ist.

Gegenüber dem Torhaus erblickt man einen altersgrauen Bau, dem man sogleich ansieht, daß er seine Zeit eigentlich überdauert hat und nur noch darauf wartet, daß die Zeit vollends über ihn hinwegschreitet und seine Mauern in Schutt und Trümmern dahinsinken: Es ist das Herrenhaus eines Adelssitzes früherer Zeit, das Haus Bruch. Hier ist der Ort, von dem zweimal eine Entwicklung ausging, die für die ganze Gegend bestimmend wurde.

Haus Bruch als Mittelpunkt bäuerlichen Schaffens

Wann mag an dieser Stelle zuerst gesiedelt worden sein? Bestimmt in grauer Vorzeit schon, als unsere Ruhrberge noch mit dichten Wäldern bedeckt waren, haben Menschen an den Berghängen, die das Flußtal einzwängten, ihre Wohnplätze angelegt. Sicher sind sie bei ihren Wanderzügen zur Gewinnung von Neuland den Flußläufen gefolgt. An der Stelle, wo das Ruhrtal sich zu einer weiten Aue erbreiterte, fanden sie einen günstigen Platz, wo sie ihre einfachen Hütten erbauten, die ihnen Schutz gegen die Unbilden der Witterung boten. Sumpfig war das Gelände, das sich am Fuße der Ruhrberge hinzog und sie mußten Eichenpfähle in den Morast rammen, um dem Bau festen Grund zu geben. So entstand hier der erste Hof "Im Bruch", der dann in den nächsten Jahren der Ausgangspunkt für die weitere Besiedlung der Bachtäler und später auch der Ruhrhöhen wurde. Die Bauern in Bruch wurden gewissermaßen die Väter aller Sippen, die in das Landesinnere zogen und deren Nachkommen heute noch teilweise auf den Höfen in Welper, Holthausen und Bredenscheid-Stüter sitzen. Es war ganz natürlich, daß den Bauern im Broich (Brauk=Bruch) innerhalb der Sippen späterer Jahrhunderte ganz besondere Rechte zugebilligt wurden. Hier wurde Rat und Hilfe geholt, hier fand man Schutz in Kriegszeiten und von hier aus wurden die Wanderzüge eingeleitet, um Neuland zu gewinnen und neue Siedlerplätze anzulegen. Der Anteil an diesen Neuerwerbungen drückte sich bei den Bauern im Bruch in der Gewinnbeteiligung an dem gerodeten Wald, an den in Besitz genommenen Waldbeständen aus. So bildete sich eine gewisse patriarchalische Stellung der Bruchbauern gegenüber den Mitgliedern der Bauernschaft heraus. Zwar war alles Neuland Allgemeinbesitz, die sogenannten Marken, und seine Benutzung unterlag ganz bestimmten Gesetzen, die in gemeinsamen Besprechungen festgelegt wurden und deren Überwachung dem Ersten unter ihnen, eben den Bauern im Bruch, zustand. Jahrhundert mögen dahingegangen sein, bis die Besiedlung der bäuerlichen Gemeinschaften des Hattinger Landes so weit fortgeschritten war, daß alle die alten Hofesplätze entstanden sind, von denen wir erstmalig um die Jahrtausendwende nachchristlicher Zeit schriftliche Urkunden besitzen. Da waren bereits die Siedler hinausgestiegen in die Berge von Holthausen und bildeten mit den älteren Sippen in Welper eine feste Bauerngemeinschaft, aber die wirtschaft­lichen Verhältnisse glichen noch ganz denen vorgeschichtlicher Zeit. Alles gewonnene Gebiet, Wald und Bachläufe, Auen und Rodungen, wurden gemeinsam benutzt und gemeinsam verwaltet. Die Bauern zu Bruch waren bereits einflußreiche Männer geworden, die nicht nur innerhalb der bäuerlichen Sippen des Gebietes angesehen waren, sondern deren Namen auch jenseits des Ruhrlaufes und weiterhin im Lande bekannt waren. Ehre bevorrechtete Stellung von ehedem hatte sich zu dem beachtlichen Amte eines Bauerrichters entwickelt. Haus und Hofraum waren mit Mauer, Wall und Graben umgeben, und das Wasser des jetzigen Sprockhöveler Baches umfloss in weitem Bogen den ansehnlichen Hof. Die Söhne dieses Geschlechtes zogen als wehrhafte Männer mit hinaus, wenn das Land in Gefahr war, und sicher sind auch Nachkommen der Broiker Bauern im Gefolge von Fürsten und Kaisern zu suchen, die in fremden Landen zu Ruhm und Ehren kamen. Ein Rittergeschlecht war geworden, das in seinem Wappen neun gol­dene Rauten im schwarzen Felde und darüber einen Jagdhund führte, mit einem zweiflügeligen Helm mit je neun Goldrauten und einem laufenden Hund. Mehrere wehrhafte Vertreter dieser Sippe; werden urkundlich schon zur Zeit der Staufer genannt.

Es ist leicht erklärlich, daß diese ritterbärtigen Männer nicht mehr genügend Zeit fanden, sich um die gemeinsamen Belange der Bauerschaft und ihre Nöte und Sorgen zu kümmern. Sie beauftragten einen tüchtigen Bauern der ältesten Gemeinde Welper mit der Wahrung ihrer Rechte als Führer bei den Bauer­sprachen, die mehrere Male im Jahre stattfanden. Der Bauer zu Hunsebeck wurde nun der Vorsteher der Gemeinde, der Schulte, der im Namen der Herren im Broik die Dinge der Bauerschaft leiten muste. In der weiten Aue der Ruhr, in der noch heute nach alten Katasterkarten die Flurbezeichnung "Der thyner acker" festzustellen ist, mag der Platz zu suchen sein, an dem in grauer Vorzeit sich die Marktgenossen der bäuerlichen Gemeinschaft zum Tigge (Thing=THY) oder der Bauersprache trafen und unter Führung ihres Burgrichters und der Scheeren oder Geschworenen die wichtigen Fragen ihres Lebenskreises ordneten. Später ist dann dieser Versammlungsplatz, als die Siedler weiter hinaus ins Holz zogen, auf die Höhe des Welper Berges verlegt worden, und die Zusammenkünfte sind wohl in der Nähe des jetzigen Hofes am Tigge (Tiggemann) abgehalten worden. In geschichtlicher Zeit fanden dann die Bauersprachen auf einem Hofe in Holthausen statt, denn die meisten Markenerben wohnten ja später in dieser Gemeinde.

So finden wir zu Beginn der geschichtlichen Zeit den Besitz der Broiker Bauern als adeliges Gut an dem Platze der ersten Siedlerstelle am Ausgange des Bachtales und ihre Besitzer als ritterbürtige Herren, die eigentlich im Verbände der Bauerschaft nicht mehr als mit dem Boden Verwurzelte angesehen wurden. Ihre Rechte in der Bauerschaft waren aber mehr und mehr vergrößert worden und wirkten sich nicht nur aus in dem beträchtlichen Anteil an der gemeinsamen Mark, sondern auch in Sonderrechten, wie Fischerein in den Bachläufen und im Ruhrstrom, in der Erhebung von Fleisch- und Kornabgaben, Mühlenrechten und der hohen Jagd.

Das Geschlecht der Broiker Ritter verschwand nach 1300 von dem festen Hause im Bruch, und nach etwa 100 Jahren zog nach mehrfachem Besitzwechsel auf Geheiß des Landesherrn ein Adelsgeschiecht hier ein, das für die Entwicklung des Hauses und seiner Rechte so bedeutungsvoll gewesen ist: Die Herren von Hey­den. Sie waren als Burgrnannen auf Blankenstein vom Landesherrn mit Bruch belehnt worden. Es sind tatkräftige Männer gewesen, die nicht nur ihre persönliche Hausmacht im heimischen Gebiet zu festigen und zu erweitern wußten, sondern auch dem Landesherrn treue Dienste geleistet haben. Besonders enge Bande wurden zwischen denen von Heyden und dem Hause der Brandenburger Kurfürsten geknüpft, als diese in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Herren in die Mark einzogen. Ein Ritter von Heyden war es, der den Großen Kurfürsten in den Verhandlungen beim Westfälischen Frieden im Jahre 1648 erfolgreich vertrat. Für die Dienste als treue Gefolgsmannen wurden die Herren von Heyden reichlich belohnt. Sie wurden fortan im Namen des Kurfürsten Gerichtsherren über die Bauerschaften Welper, Holthausen, Bredenscheid-Stüter und Winz-Baak. Das bedeutete für die Herren ganz besondere Rechte, die sich natürlich in bedeu­tenden Einnahmen in Form von Gerichtsgebühren, Strafen und dergleichen auswirkten. Friedrich von Heyden ließ darum auch, um nach außen das erforderliche Ansehen zu genießen, an der Stelle des alten Hofesplatzes noch in der Regierungszeit des Großen Kurfürsten ein prächtiges Herrenhaus errichten, eben jenen Bau, der fast 300 Jahre lang Wind und Wetter getrotzt hatte, und dessen letzte Reste uns heute noch einen schwachen Widerschein jener glanzvollen Zeit des Hauses und seiner Bewohner geben.

Auch die Stellung innerhalb der Bauernschaft war unter dem Geschlecht derer von Heyden für den Adelssitz im Bruch wesentlich zugunsten des Herrenhauses geändert worden. Die ehemals patriarchalische Stellung in der Bauerngemeinschaft hatte sich in eine lehnsherrliche umgewandelt. Viele Hofesbe­sitzer mußten nach Bruch den blutigen und dürren Zehnt liefern, der in lebendem Vieh oder Getreide, Flachs oder anderen Erträgen des Feldes oder der Ställe bestand. Daneben flössen auch noch bedeutende Einnahmen in die freiherriichen Kassen aus verpachteten Gärten und Ländereien aus Bruchschem Eigenbesitz. Dieser hatte überhaupt im Laufe der Zeit einen erheblichen Umfang angenommen. Die Herren im Bruch hatten es wohl verstanden, bei Teilungen von Markenstücken die besten Gebiete für sich in Anspruch zu nehmen. Daß die Bauern wohl nicht immer freudig den Entscheidungen ihres obersten Richters zustimmten, ist erklärlich. Manche Beschwerde ging an die landesherrliche Kammer über unrechtmäßige Übergriffe des Freiherrn. Eine weite Kluft hatte sich bereits aufgetan zwischen den Landleuten, die mit ihrem Schweiße dem Boden seine oft kargen Erträge abrangen, und dem Herrengeschlecht, das eben diese Bauernarbeit, deren Früchte in Form von Abgaben mancher Art dem Adelshause zugute kamen, mißachtete; das in manchen Zeiten in geradezu verschwenderischer Weise das vertat, wofür der Bauer seine ganze Kraft und seinen ganzen Fleiß aufgewendet hatte. Die prunk­volle Hofhaltung kam zu manchen Zeiten der eines regierenden Fürsten gleich.

Zu Anfang des 18. Jahrhunderts war die Kluft zwischen den Bauerschaften und dem Herrenhause so groß geworden, daß es der Freiherr nicht einmal mehr für nötig hielt, in persönlicher Verbindung mit seinen Bauern zu bleiben. Bei den althergebrachten Bauersprachen erschien er nicht mehr selbst, oft nicht einmal sein Vertreter, aber die Rechte wurden peinlich beachtet, und wenn die Landleute nicht pünklich ihre Pflichten erfüllten, dann wurden sie auf das "Schloß" geladen und bei Nichtbefolgen sogleich in Strafe genommen. Wie mancher Bauer und Kotier mag da oft schweren Herzens den Weg aus den Holthauser oder Bredenscheider Bergen nach Bruch angetreten haben, wenn ihm der Gerichtsbote eine Vorladung ins Haus gebracht hatte.

Da infolge der mangelden Anteilnahme an dem Geschehen innerhalb der bäuerlichen Wirtschaft des Gebietes von seiten des Adelsgeschlechtes eine genaue Kontrolle über die Verwaltung des gemeinsa­men Markenbesitzes fehlte, waren Ausbeutung der Wälder, mangelnde Pflege der Holzbestände und Veruntreuung der vereinnahmten Gewinngelder, soweit es sich um Gewinnanteile der Bauern handelte, an der Tagesordnung. In zahllosen Beschwerden einzelner Bauern gegen Holzrichter und Scheeren liegen Beweise dafür vor, daß die bäuerliche Wirtschaft unseres Gebietes in dieser Zeit an vielen Stellen nur geringe Erträge lieferte, und diese flössen noch zum großen Teil in die Kassen des Adelshauses oder anderer Lehnsherren. Die Adelsgeschlechter, die doch eigentlich nach ihrer ureigensten Bestimmung von alters her die berufenen Führer der Bauernbevölkerung darstellten, hatten restlos versagt. In satter Zufriedenheit sahen sie oft nur ihren Lebenskreis und dachten meist nur an Lebensgenuß und Lebensfreude. Eine Entwicklung ging zu Ende, die den Menschen in geradezu sklavischer Weise an die Scholle kettete, ohne ihm aber die Rechte zuzubilligen, die dem zustehen, der den Boden mit seinem Schweiße düngt.

So kam es denn, daß das Adelsgeschlecht zu Bruch an seiner Sattheit zugrunde ging. Bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren die Besitzer kaum noch auf ihrem Stammschloß zu Bruch anzutreffen, da sie als Beamte oder Offiziere des Landesherrn in den verstreut liegenden Besitzungen des Brandenburgers Dienst taten. Die verschwenderische Lebensweise der Sippe derer von Heyden aber brachte es mit sich, daß das Haus Bruch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (1736) an einen anderen Besitzer überging. Seine Bedeutung als Mittelpunkt des Lebens unserer Bauerschaften von ehedem verblaßte immer mehr und sank mit dem Ende des alten Kaiserreiches zur vollkommenen Bedeutungslosigkeit herab. Die Kraft bäuerlichen Schaffens aber, ohne die kein Volk bestehen kann, war trotz mancher Widerwärtigkeiten in den bäuerlichen Sippen der Heimat erhalten geblieben, und als durch den Weitblick des großen Preußenkönigs die alte bäuerliche Wirtschaftsform der gemeinsam verwalteten Marken beendet wurde und jeder Bauer seinen Anteil als Eigenbesitz erhielt, da fiel zwar noch ein großer Teil der ehemaligen Gemarkungen an das Haus Bruch, aber von nun an konnte jeder Bauer seinen Acker nach seinem Gutdünken bewirtschaften, seinem Waid durch Rodungsarbeiten neue Ackerflächen abgewinnen und so seine Lebensmöglichkeiten nach seinem Willen vermehren. Und als dann unmittelbar nach der Jahrhundertwende den Bauern auch noch die volle Freiheit und die Besei­tigung aller Dienste und Abgaben an das Adelshaus brachte, da war eine alte Zeit vollkommen versunken.

Dem alten Bau mit den Eichenresten im Bruch aber war es vergönnt, nach einigen Jahrzehnten nochmals Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung zu sein, wie es die alte Hofesstatt im Broik schon einmal für die bäuerliche Entwicklung gewesen war. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde durch den Weit­blick des derzeitigen Besitzers des alten Herrensitzes der Grund gelegt für die industrielle Entwicklung des nördlichsten Teiles des Ennepe-Ruhr Kreises, deren sichtbare Erfolge in den mächtigen Hochöfen und weiten Werkshallen vor uns liegen.

Haus Bruch als Ausgangspunkt eines industriellen Werkes

Gegen Ende des Jahres 1853 verkaufte der Graf von Recke-Volmarstein seine Besitzung Haus Bruch für 30 000 Taler an den Grafen Henrich zu Stolberg-Wernigerode. Das Gelände sollte von nun an als Hüttengelände dienen. Der Anlaß zur Gründung eines eisenerzeugenden Werkes lag in dem Vorkommen von Eisenerz und Kohle in unmittelbarer Nähe. 1835 findet man zum ersten Male auf der Bochumer Zeche "Friederika", etwa eine Wegstunde vom Haus Bruch entfernt, den Kohleneisenstein. Man weiß aber zuerst nichts mit ihm anzufangen, weil er wie die Kohle, für die Eisengewinnung zuviel Schwefel enthält. Schwefel verschlechtert das Eisen, indem es in der Rotglut beim Schmieden zerfasert. Erst als 1841 ein Bochumer Bergassessor Schreiber aus Schottland heimkehrt und das Erz, das den Namen "Justus" führt, als dem englischen "Blackband" identisch, feststellt, tritt ein vermehrter Abbau ein. Man konnte das Erz jetzt nach der englischen Methode rösten und verhütten. Es setzte nun überall ein Schürfen nach diesem Erz ein. Das Märkische Bergamt in Bochum, das 1843 erst 67 Schürfscheine für Eisenerz ausge­stellt hatte, erhöhte die Zahl im Jahre 1852 auf 765 Stück. Unter diesen war auch ein Schürfschein des Hattinger Vorkommens. Im Jahre 1851 fand ein Hattinger namens Heinrich bei Welper den Spateisen­stein. Die Mutungen gingen über in die Besitztümer eines Herrn Julius Möller in Elberfeld, dem später die 60 Eisensteinfelder und Mutungen zwischen Witten und Steele gehörten.

Von diesem Vorkommen von Eisen und Kohle an der Ruhr hörte auch der Fürstl. Stolberg-Wernigerodischer Bergrat Brandes. Er interessierte seinen Herrn, den Grafen Henrich von Stolberg-Wernigerode für diese Vorkommen. Die oben genannten Eisensteinfelder wurden am 30. September 1853 für 115 000 Reichstaler an den Grafen abgetreten. Die Stolberger haben seit dem Mittelalter schon Berg­bau auf Kohle und Eisen betrieben. Sie besassen auch eigene Hochöfen im Harz, die aber noch mit Holzkohle, geheizt wurden. Seit 1849 hatte man an der Ruhr koksbeheizte Hochöfen, nachdem es 1847 auf der Bochumer Zeche "Präsident" im "Schaumburger Ofen" gelungen war, größere Mengen Koks herzustellen. So sollten die Stolberger an der Ruhr die Herstellung von Eisen mit Steinkohle, bzw. mit Koks aufnehmen. Zu diesem Zwecke wurden dem Werke die Steinkohlenzechen "Karl Friedrich" , "Karl Friedrich Erbstollen", "Karl Wilhelm" und "Rudolph" verpflichtet.

Das Jahr 1854 gilt als Geburtsjahr der Henrichshütte. Den Namen gab der schon mehrmals erwähnte Graf Henrich, der aber schon am 18. Februar 1854 starb. Nachfolger war sein Enkel Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, der Vizekanzler und Freund Bismarcks. Die technische Leitung des neuerstan­denen Werkes lag aber in den Händen des 2. Sohnes Henrichs, des Grafen Botho zu Stolberg-Wernige­rode. Jetzt wurde Haus Bruch der Mittelpunkt eines geschäftigen Lebens. Das Hüttengelände hatte eine Größe von 86 Morgen und 149 Ruthen. Die Fläche westlich des Sprockhöveler Baches, also nach Hattin­gen zu, sollte zuerst bebaut werden. Geplant waren 8 Hochöfen mit den dazugehörigen Kokereiöfen. Am 20. März 1854 wurde der Grundstein zum ersten Hochofen gelegt. Die Kosten der Anlage waren mit 155 000 Taler eingesetzt, aber von Bergrat Brandes bis zum Anblasen auf 255 000 Taler geschätzt. Als Hüttendirektor wurde der Hüttenkontrolleur Roth aus Ilsenburg im Harz bestellt. Er konnte seiner Verwaltung melden, daß sich bei den gesamten Erdarbeiten nur ein leichterer Unfall ereignet hätte. So standen gegen Ende des Jahres 1854 die Hochöfen fast fertig da, als Mitte Dezember ein Unwetter nieder­ging, so stark, wie es seit 130 Jahren nicht dagewesen war. Durch die entstandenen Überschwemmungen stürzten 7 fast fertige Hochöfen ein. Die Produktion konnte erst Mitte des Jahres 1855 aufgenommen werden. Am 6. Juli 1855 wurde der erste Hochofen, im August 1856 der zweite angeblasen.

Wie schon gesagt, baute sich das Arbeitsprogramm der Henrichshütte auf das Vorkommen von Erz und Kohle auf. Von Haus Bruch ging nicht nur die Leitung und Verwaltung der Hütte, sondern auch der Stollen und Zechen aus. Nach Untersuchung des Spateisensteins stellte sich heraus, daß der bei Welper ge­fundene dem Musener Erzberg bei Siegen ähnelte. Dieser war schon vor 1313 bekannt. Den Eisenstein­stollen am Blankensteiner Wehr und am Büchsenschutz bei Welper gab man den Namen Musen III, dem später noch ein Schacht folgte. Der Stollen am jetzigen Fallwerk der Henrichshütte bekam den Namen Musen IV. Auch hierzu wurde oberhalb der Straße vom jetzigen Stahlwerk nach Weiper herauf ein Schacht gebaut, der aber nie gebraucht wurde und heute wieder verschwunden ist (der Stollen Musen IV wurde im Sommer 1937 erneut in Betrieb genommen). Am anderen Ruhrufer zwischen Kosterbrücke und Stiepel liegt bei den Häusern Brockhausen ein Mundloch, das sich unterirdisch in die Stollen Musen V -IX aufteilt. Von Musen III und IV ging ein Werkbähnchen sofort zum Erzlagerplatz bei den Hochöfen.

An der jetzigen Kosterbrücke lag ebenfalls ein Lagerplatz, Magazin genannt. Dieser nahm das Erz, das mit Werkbähnchen von der anfangs genannten Zeche Friederika und den Stollen Musen V - IX kam, auf. Es wurde hier auf Kähne verladen und zum Lagerplatz am Hochofen getreidelt. Erst später baute man an der Kosterbrücke eine hölzerne Brücke über die Ruhr, um so das Umladen auf die Kähne zu ersparen. Unterhalb der Baaker Mulde im Rauhendahl befand sich ein Kohlenhafen.

Das auf der Henrichshütte verhüttete Erz war Kohleneisenstein und Spateisenstein. Der erste spielte im Ruhigebiet die größere Rolle unter den heimischen Erzen, weil er vom Rhein bis nach Horde vorkommt. Im rohen Zustande hat er 33 Prozent Eisen, bei 20 Prozent Kieselerde, 26 Prozent Kohlensäure und 20 Prozent Schwefel. Die beiden letzten werden durch Rösten bei etwa 800 Grad Celsius entfernt. Das Rösterz hat dann 54 Prozent Eisen und wird so verhüttet. Der Müsener Spateisenstein bekam den Namen "Stoiberg". Sein Vorkommen erstreckt sich nur vom Oelbach bei Herbede bis nach Winz bei Hattingen in einer Breite von 2-3 Kilometer. Sein Eisengehalt liegt bei 43 - 46 Prozent, mit 36 Prozent Kohlen­säure, die ebenfalls durch Rösten entfernt wird. Der Röstspat hat dann 62 Prozent Eisen und gelangt so zur Verhüttung.

Die überaus guten Resultate bei der Verhüttung ließen eine wahre Gründerperiode aufkommen. Als Haus Bruch in die Hände der Stolberger kam, waren an der ganzen Ruhr nur neun Hochöfen in Betrieb. 1852 zählte man im Bergamtsbezirk Bochum nur 80 Bergleute auf acht Gruben, die in diesem Jahre 15 400 Tonnen Eisenerz förderten. Die Grafen Stolberg-Wernigerode mußten daher Harzer Knappen auf Musen einsetzen. Als die Henrichshütte den ersten Hochofen anblies, förderte man im Bezirk Bochum schon 266 248 Tonnen Erz. Um Hattingen herum nahmen folgende Zechen die Eisensteinförderung auf: Friederika und Musen, Neu-Hiddinghausen, Union 1 bei Obersprockhövel, Neu-Herzkamp und Gibraltar. Mit ihnen entstanden Hochöfen bei Hiddinghausen, die Kupferdreher Hütte von "Phönix" und die Hochöfen von "Neu Schottland" bei Steele-Horst. Kurz nachdem man den zweiten Hochofen angebla­sen hatte, zählte man an der Ruhr 33 Hochöfen, von denen der auf der Henrichshütte mit 25 Tonnen in 24 Stunden der leistungsfähigste war. Die Ruhr galt 1857 als der meist befahrenste Fluß Mitteleuropas. Während man 1852 an der Ruhr 15 400 Tonnen Erz förderte, stiegen die Zahlen 1854 auf 64 000 Tonnen, 1857 auf 169 000 Tonnen und 1862 auf die größte Förderung von 307 000 Tonnen. 1855 durchführen die Schleusen am Kliff bei Hattingen 1841 Güterkähne.

Während andere Hütten einen vertikalen Aufbau, also Hochöfen, Stahlwerke usw. bevorzugten, konnte die Henrichshütte nicht Schritt halten, weil die Verwaltung von Wernigerode aus Schwierigkeiten machte. So entschloß man sich, das Werk am 28. Februar 1857 an die Diskonto-Gesellschaft in Berlin für 2 Mil­lionen Taler zu verkaufen. Graf Botho schrieb dazu: "Das Werk hat an sich ein gutes Fundament, es übersteigt aber unsere Kräfte". Während 1849 in der gesamten Eisenindustrie an der Ruhr nur 2 700 Arbeiter beschäftigt waren, hatten jetzt (1858) einzelne Werke, wie der Hörder Verein, über 3 000 Arbeiter. Die Henrichshütte kam aber unter Stolbergs Besitz nur auf 800 Mann.

Nachdem die neuen Herren auf Haus Bruch eingezogen waren, nahm die industrielle Entwicklung noch ihren Fortgang. Um 1860 war das Ruhrgebiet mit der Ennepestraße das größte Industriegebiet Preußens. Haus Bruch lag mitten darin. Es beschäftigte jetzt allein auf Musen 589 Bergknappen. Die Zahl der Puddelöfen stieg bis auf 36 Stück, die Zahl der Hochöfen auf 4. Die Lage im ganzen Ruhrgebiet änder­te sich schlagartig, als Krupp im Jahre 1861 das erste Besserner Werk auf deutschem Boden errichtete. Aus dem Stahl wurde Eisenbahnmaterial für die sich immer mehr ausbreitenden Bahnlinien geschaffen. Das Verfahren erlaubte einerseits eine sprunghafte vermehrte Stahlherstellung, andererseits konnten aber die Ruhrerze wegen ihres Schwefel- und Phosphorgehaltes nicht gebraucht werden. Noch 1862 hatte Preußen auf der Londoner Weltausstellung allein 66 Stufen Erze aus dem produktiven Kohlengebiige, wie Ton-, Kohlen- und Spateisenstein zeigen können und große Hoffnungen darauf gesetzt. Der Eisen­erztransport auf der Ruhr wurde aber immer geringer. Der Rhein wurde die Erzstraße. So schloß Musen, nachdem Elsaß-Lothringen mit seiner Minerte zum Reich kam, im Jahre 1873 seine Stollen. Aus diesen Stollen waren insgesamt 489 000 Tonnen Eisenerz gefördert worden. 1874 schlössen Neu-Hiddinghausen und Neu-Herzkamp. Ein Jahr später folgte Union 1 in Obersprockhövel; Friederika und Gibraltar können sich noch durch Kohlenförderung halten. Ebenso gehen die Hütten Neu-Schottland bei Steele, Phönix bei Kupferdreh und die Haßlinghauser wieder ein. Ab einzige aus dem Bochumer Revier bleibt von den vorgenannten die Henrichshütte bestehen.

Mit der Stillegung der Eisenerzzechen und Eisenhütten tritt jedoch keine Verminderung der Eisenproduktion ein. Während im Gebiet des Deutschen Zollvereins 1854 nur 250 000 Tonnen Roheisen hergestellt wurden, erzeugte England im selben Jahr 3,2 Millionen Tonnen. Bis 1871 wuchs unsere Produktion auf 1,56 Millionen Tonnen, wobei seit 1860 ausländische Erze eine immer größere Rolle spielten. So hat sich auch die Henrichshütte, nachdem sie 1872 nochmals den Besitzer wechselte, auf fremde Erze einstellen müssen. Die Hütte gehörte bis 1904 der Dortmunder Union, dann bis 1930 der Lokomotivfabrik Henschel in Kassel und deit der Zeit der Ruhrstahl AG in Witten.

So hat Haus Bruch eine vielseitige und wechselvolle Geschichte miterlebt und letzthin teilgenommen an dem Aufschwung eines industriellen Werkes, dass heute weit über die Grenzen unseres Vaterlandes bekannt ist. Dieses so historisch gewordene Haus muss nun leider der Ausdehnung des Werkes fallen

Anm.v. Christian Hartmann: So ist heute, 2017, so gut wie nichts mehr von Haus Bruch übrig - leider.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch