Adelssitze: Das alte Rathaus

Die in den letzten Jahren durchgeführte Sanierung der Altstadt Hattingen und die damit verbundene Einrichtung der Fußläufigkeit in den Straßen und Gassen des mittelalterlichen Siedlungskerns haben auch die historischen Gebäude dieses Stadtteils in neuem Glänze erstehen lassen, besondere Anziehungspunkte für jeden Besucher der alten Ruhrstadt.

Als besonders sehenswert in dieser Hinsicht mag das mittelalterliche Rathaus am Untermarkt gelten, dessen Äußeres sowohl als auch seine Geschichte gleichermaßen interessant erscheinen. Der schöne Renaissancegiebel der Westseite weist auf einem Querbalken des Obergeschosses das Erbauungsjahr mit der Zahl 1576 nach, aber in Wirklichkeit reicht die Geschichte des Hauses in die Frühzeit der Siedlung Hattneggen zurück. Das Stadtarchiv bewahrt in seinen Sammlungen eine Pergamenturkunde auf, nach der Graf Adolf von der Mark am 21. April 1420 den Bürgern der Stadt "unse vleischhalle" für eine jährliche Rente von neun Schilling übertrug, damit sie diese zu ihrem Nutzen "tymmeren ind bouwen" möchten. Diese Fleischhalle machte den steinernen Unterbau des späteren Rathauses aus, der ursprünglich nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch wehrhaften Zwecken gedient haben mag.

Der älteste Siedlungskern der Stadt entstand rings um die Kirche auf dem erhöhten Platz, der einst von der Emsche umflossen wurde und auf diese Weise einen natürlichen Schutz bot. In das geschlossene Häuserrund gelangte man durch fünf überdachte Treppenaufgänge, die außen und innen mit Ge­bälk versperrt werden konnten und nach vorliegenden Urkunden als Röster bezeichnet wurden. Zwei dieser Röster sind noch vorhanden, wenn auch nicht mehr in der ursprünglichen Form, die übrigen wurden im Laufe der Jahre beseitigt und bilden heute nur noch einfache Durchlässe für den Kirchplatz. Der wichtigste Röster lag an der Westseite, denn hierher verlagerte sich auch mehr und mehr der Markt, der in der ältesten Zeit unmittelbar am Gotteshaus abgehalten wurde. So ist es wohl zu erklären, daß dieser besonders wehrhaft ausgebaute Zugang in der Fleischhalle ein zusätzliches Ver­teidigungswerk erhielt, das zudem auch dem Verkauf von Fleischwaren diente. Der ehemalige Röster­durchgang ist im Unterbau des Hauses noch deutlich zu erkennen und dient heute noch als Weg zum Kirchplatz.

Auch das Alter dieser Westbefestigung der ehemaligen Kirchenfestung erhellt vielleicht aus dem Hin­weis, daß in unmittelbarer Nähe "Volberts Haus" lag, für das im Jahre 1350 von dem Landesherrn das Freiheitsprivileg gegeben wurde. Dieses Haus trug seinen Namen nach jenem Deutzer Abt, der in den beiden ersten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts die Geschicke der Abtei am Rhein leitete. Dem Klo­ster waren nicht nur der Reichshof Hattneggen mit seinen Unterhöfen, sondern auch die Kirche und ihre zugehörigen Güter zinspflichtig. Die Visitationsreisen der Äbte zum Zwecke des Einbringens der fälligen Abgaben sind aus der ältesten Geschichte der Abtei verbürgt, so daß dieses Haus im Schutze der starken Westbefestigung am Kirchplatz als Herberge des genannten Abtes bei seinen Besuchen an­gesehen werden kann. In unmittelbarer Nähe lag später auch das Haus der "grauen Mönche", dessen Reste im Jahre 1851 abgetragen worden sind.

Für den Wehrcharakter der 1420 genannten Fleischhalle spricht auch die urkundlich erwähnte Zimme­rung. An den Steinkonsolen des Unterbaues erkennt man noch deutlich die Lager der aufgestemmten Balken. In mehreren Urkunden vor dem Jahre 1576 wird auch erwähnt, daß sich Bürgermeister und Rat der Stadt "op der Hallen" versammelten. Im gezimmerten Oberbau mag es also bereits eine Ratsstube gegeben haben neben einer Rüstkammer, ähnlich denen in anderen Städten. Die Bewaffnung der Bürger stellte immerhin eine beträchtliche Wehrkraft dar, die auch den Landesherren zugute kam. Aus einer Urkunde des Jahres 1495 geht hervor, daß die Stadt 60 Büchsen und Armbrüste und etwa 25 Hakenbüchsen besaß, und auch an übrigen Verteidigungsgeräten war kein Mangel, wie Berichte aus der Zeit des 30jährigen Krieges darlegen.

Das "nigge Roethues" aus dem Jahre 1576 trug weniger einen wehrhaften Charakter als der alte gezim­merte Bau auf der Fleischhalle. Die Stadt war über den ursprünglichen Siedlungskern hinausgewach­sen und hatte ihre Wehr durch Wall, Graben und Hagen erweitert und befestigt. Der blühende Handel brachte Wohlstand in die Bürgerhäuser, so daß der Wunsch nach einem ansehnlichen Rathausbau als Mittelpunkt des städtischen Gemeinwesens durchaus berechtigt erschien. Man baute das alte Haus auch in seinem Untergeschoß um, wie an dem Mauerwerk noch heute deutlich erkennbar ist, und setzte auf den Steinsockel einen zweigeschossigen Fachwerkbau mit hohem, spitzem Giebel. Die Verwaltung der Stadt erforderte mehr Raum, waren doch neben der Ratsstube für die Versammlungen des Rates auch Räume für den Stadtsekretär und den Rentmeister erforderlich geworden. Zudem mußten auch die städtischen Dokumente fachgerecht untergebracht werden. In der Frühzeit der Stadt­geschichte wurden diese in der Ratskiste im Turm der Kirche aufbewahrt.

Das heutige alte Rathaus auf dem Untermarkt der Stadt hat seit dem Umbau im Jahre 1576 mancherlei Zwecken gedient, besonders in Kriegs- und Notzeiten. Am Anfang unseres Jahrhunderts zeigte sich die westliche Giebelseite in grauem Putz und mit hohen, stilwidrigen Fensteröffnungen. Nach den erheblichen Zerstörungen im zweiten Weltkrieg wurde die ursprüngliche Form - allerdings ohne den schönen Spitzgiebel - in Form und Farbe wieder erstellt.

Das Haus birgt heute im ersten Obergeschoß die Sammlungen des Heimatmuseums, und der Saal im zweiten Obergeschoß dient als "gute Stube" der Stadt allen Versammlungen besonderer Art, Ausstellungen und Empfängen. Seine Geschichte aber gibt allen Heimatfreunden immer wieder neue Anreize zum Betrachten und Forschen.

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Christian Hartmann: Hattingen-Historisch